Die Flagge der Europäischen Union weht im Wind.
Historiker Jean-Pierre Delville über das spirituelle Fundament der EU

"Die Wurzel Europas"

Interview - Hat Europa eine christliche Seele? Braucht die EU überhaupt ein spirituelles Fundament? Darüber diskutieren zurzeit belgische und französische Wissenschaftler in Leuven und Brüssel. Jean-Pierre Delville (61), Professor für christliche Geschichte an der Katholischen Universität von Louvain-la-Neuve, spricht im Interview über die Bedeutung des Christentums im mittelalterlichen Europa und für die Zukunft der EU.

Louvain-la-Neuve - 02.03.2013

Frage: Herr Delville, wo liegen die Wurzeln Europas?

Delville: Im Mittelalter entstand erstmals eine sogenannte europäische Kultur, als sich unter den Merowinger Königen im 6. und 7. Jahrhundert die römische und die germanische Kultur vermischten. Das verbindende Band zwischen den Völkern war das Christentum. Das Reich Karls des Großen (747/48-814) ist das Ergebnis dieses Zusammenwachsens - der Kaiser gilt zu Recht als "Vater Europas".

Frage: Auch die Väter der Europäischen Union - Konrad Adenauer, Robert Schuman, Alcide de Gasperi - waren katholische Christen. In der Präambel des EU-Vertrages gibt es aber keinen Gottesbezug. Dort ist sehr allgemein vom "religiösen Erbe Europas" die Rede.

Delville: Geschichtlich gesehen ist das Christentum die Wurzel Europas. Doch auch Judentum, Islam und Aufklärung haben die Kultur der Länder geprägt. Die EU-Präambel betont vor allem die europäische Einheit und Integration. Schließlich ist die EU auch ein Friedensprojekt, das für eine Kultur der Versöhnung, des Dialogs unterschiedlicher Kulturen und Religionen und der Menschenrechte steht. Werte wie Respekt, Gemeinschaft und Versöhnung sind jedoch christlich inspiriert. Sie haben ihren Ursprung in den Evangelien.

Jean-Pierre Delville ist Professor für christliche Geschichte an der Katholischen Universität von Louvain-la-Neuve in Belgien.
Bild: © KNA

Jean-Pierre Delville ist Professor für christliche Geschichte an der Katholischen Universität von Louvain-la-Neuve in Belgien.

Frage: Spielen christliche Werte auch im 21. Jahrhundert noch eine Rolle für die Identität Europas?

Delville: Die frohe Botschaft ist auch heute noch Basis für die Würde der Menschen und für ihre Hoffnung. Doch die Bürger Europas müssen den Reichtum des Evangeliums erst wieder entdecken. Der christliche Glaube muss neu in die Sprache und Kultur des 21. Jahrhunderts übersetzt werden.

Frage: Ist Papst Benedikt XVI. dies geglückt?

Delville: Benedikt XVI. wusste um die besondere Situation Europas: Zwar wachsen viele Menschen in einer vom Christentum geprägten Kultur auf - sie leben diesen Glauben jedoch nicht im Alltag. Der Papst wusste um die Sehnsucht der Menschen nach Spiritualität und hat mit seinem Aufruf zur Neuevangelisation einen Dialog angestoßen: zwischen der heutigen europäischen Kultur und der Botschaft des Evangeliums.

Frage: Ist dieser Dialog auch sein Vermächtnis für seinen Nachfolger?

Delville: Auch für den neuen Papst wird entscheidend sein, dass er die jeweilige Kultur der Menschen kennt. Nur so kann er mit ihnen ins Gespräch kommen und Impulse für die Zukunft Europas geben.

Das Interview führte Bettina Nöth (KNA)

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