Ein Portrait von Mutter Teresa (1910-1997), alt lächelnd und mit ihrem weiß-blauen Ordensgewand.
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Engel der Armen

Mutter Teresa war, wie Johannes Paul II. nach dem Tod der Ordensfrau formulierte, "ein Geschenk an die Kirche und an die Welt". Als "Engel der Armen" wurde sie bereits sechs Jahre nach ihrem Tod seliggesprochen - die Heiligsprechung folgte 2016.

Von Helmut S. Ruppert |  Bonn - 28.02.2015

"Nur, wer vergessen ist, ist tot", steht über vielen Todesanzeigen. Wenn das gilt, dann ist Mutter Teresa, der "Engel von Kalkutta", auch heute noch so lebendig wie zu Lebzeiten. Als Papst Johannes Paul II. sie am 19. Oktober 2003 in Anwesenheit von 300.000 Menschen in Rom seligsprach, brauchte man nicht zu erklären, wer sie war, die kleine, gebückte Frau im weißblauen Sari, die immer ein gütiges Lächeln in ihrem zerfurchten Gesicht zeigte.

Mutter Teresa - das war, wie Johannes Paul II. nach Bekanntwerden der Todesnachricht 1997 spontan formulierte, "ein Geschenk an die Kirche und an die Welt". Als Agnes Bojaxhiu 1910 in Skopje geboren, hatte sich Mutter Teresa mit 18 Jahren als Missionsschwester nach Indien begeben und dort als Lehrerin gewirkt - eine "übliche" Missionskarriere. Ihr weiterer Weg schien für 20 Jahre zunächst in kalkulierbaren Bahnen vorgezeichnet: Geographielehrerin und - weil überdurchschnittlich begabt - schließlich Direktorin einer höheren Töchterschule in Kalkutta.

Als Gott sie rief

Doch täglich begegneten ihr die Bettler, die Ausgemergelten und Kranken, die Kinder, die als unerwünschter Ballast ausgesetzt, ja sogar in Mülltonnen geworfen wurden. Eine "Damaskus-Stunde" beendete ihr normales Leben als Missionarin. "Gott rief mich", erklärte sie später mit schlichten Worten das, was da in ihr vorgegangen war. Gleichwohl lebte sie offenbar nicht eine von Glaubenszweifeln unangefochtene, kindliche Frömmigkeit, wie erst in den vergangenen Jahren veröffentlichte private Notizen und vertrauliche Briefwechsel der Seligen offenbarten.

Linktipp: Freudentränen auf dem Petersplatz

Lange hatten sie gewartet, am 4. September 2016 war es dann endlich so weit: Mutter Teresa wurde heiliggesprochen. Für tausende Pilger ein Moment ausgelassener Freude. Doch nicht alle hatten Zeit, das Ereignis zu feiern.

Ein ganzes Jahrzehnt lang durchlitt die Ordensfrau schmerzhafte Zweifel an ihrer Mission, menschliche Unzulänglichkeit und quälende seelische Einsamkeit. Tief betroffen vom Elend in den Slums von Kalkutta verließ sie 1948 ihr Kloster und gründete eine eigene Ordensgemeinschaft, die sich ausschließlich dem Dienst an den Ärmsten der Armen, den Findelkindern wie den Sterbenden auf den Straßen widmete. Immer mehr junge Frauen, zunächst in Indien und später auf allen Kontinenten, schlossen sich ihren "Missionarinnen der Nächstenliebe" an.

1979 wurde Mutter Teresa, die längst zu einem weltweiten Symbol für christliche Nächstenliebe geworden war, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet - "in Anerkennung ihrer Tätigkeit, der leidenden Menschheit Hilfe zu bringen", hieß es in der Verleihungsurkunde. Die kleine Nonne mit dem weißen Sari und der zerschlissenen Strickjacke hatte weder eine Lobby, noch standen politische Interessen hinter ihr.

Oder doch? Mutter Teresas einzige Lobby waren die Ärmsten der Armen in den Slums der Millionenstädte der Welt. Kaum eine Persönlichkeit verkörperte - gerade für junge Menschen - so glaubwürdig wie sie das christliche Gebot der Liebe zu den "geringsten unter den Brüdern". Wenn nach Vorbildern gefragt wurde, stand in aller Welt stets ihr Name auf Platz eins.

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Bei der Seligsprechung von Mutter Teresa am 19. Oktober 2003 im Vatikan hing dieses Porträt am Petersdom.

Als am 5. September 1997 die Nachricht von ihrem Tod um den Globus ging, reagierten Politiker und kirchliche Würdenträger mit Trauer und Bestürzung. Auch für den damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin verkörperte sie "Güte, Dienstbereitschaft und Selbstlosigkeit". Bereits sechs Jahre später sprach Johannes Paul II. sie unter dem Jubel Zehntausender selig. Seitdem warteten Millionen Anhänger weltweit auf die Nachricht ihrer Heiligsprechung. Im Dezember 2015 bestätigte Papst Franziskus das dazu nötige Heilungswunder; sie wurde am 4. September 2016 heiliggesprochen.

Mutter Teresa braucht kein Denkmal

Mutter Teresa braucht keine Denkmäler. Denkmäler sind ihr Leben und ihr Werk, das seit ihrem Tod nach ihrem Vorbild weitergeht. Als den "Missionarinnen der Nächstenliebe" der Vorwurf gemacht wurde sie hätten immer noch keine vorausplanende entwicklungspolitische Strategie entwickelt, konnten sie sich auf ihre Gründerin berufen: "Um Entwicklungspolitik müssen sich andere kümmern. Wir wollen das Übel an der Wurzel bekämpfen - und zwar durch Teilen." Das war auch das schlichte Konzept der Mutter Teresa: einfach da sein, lieben und teilen.

Von Helmut S. Ruppert

Gedenktag: 5. September

Patronin des Erzbistums Kalkutta

11.09.2017: ergänzt um Heiligsprechung, Gedenktag und das Patronat