"Durch Reformen ändert sich der Glaube nicht"

Erneut hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx ein ausführliches Interview gegeben - diesmal dem "Spiegel". Darin geht es um Flüchtlinge, die Familiensynode, mögliche Reformen in der Kirche und die Gesundheit Benedikt XVI.

Kirche | Bonn - 05.09.2015

In den Medien ist er derzeit ein gefragter Mann: Nach dem einstündigen Gespräch mit dem Sender Phoenix in der vergangenen Woche hat Kardinal Reinhard Marx nun auch dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ein großes Interview gegeben. Die rund 16.000 Zeichen auf mehreren Seiten sind eine "Tour d’Horizon" durch die großen kirchlichen und gesellschaftlichen Fragestellungen: Von Flüchtlingen über die Familiensynode, über mögliche Reformen in der Kirche bis hin zur Gesundheit des emeritierten Papst Benedikt XVI. reichen die Themen.

Gefragt nach möglichen Reformen sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, die Kirche dürfe sich nicht vor Veränderungen scheuen: "Sie muss sich wandeln. Und natürlich ändert sich durch Reformen der Glaube nicht". Die Alternative sei, dass die Kirche erstarre: "Eine Kirche, die sagt, wir sind und bleiben so, wie wir schon immer waren, bei uns soll sich nie etwas ändern, ist wie ein unantastbares Weltkulturerbe", so Marx wörtlich.

"Was ist wirklich das, was nicht veränderlich ist?"

Er selbst habe keine Angst vor Veränderungen. "Da bin ich ganz katholisch: Ich glaube daran, dass der Herr selber seine Kirche führt". Es könne sich "viel mehr ändern an äußeren oder rechtlichen Dingen, als manche meinen." Davor dürfe man nicht zurückschrecken. "Man sollte mehr Mut haben zu schauen, was ist wirklich das, was nicht veränderlich ist, und was können und müssen wir ändern?", so Marx. Er sei froh, dass Papst Franziskus der Kirche den Impuls "zur Unruhe und zum Reden" gegeben habe.

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Angesichts der Debatte über wiederverheiratete Geschiedene erklärt der Kardinal: "Wenn jemand einen neuen Partner gefunden hat, darf das nicht bedeuten, dass er automatisch von der Kirche verstoßen wird." Es gebe unterschiedliche Fälle: "Jemand wird schuldlos verlassen, manche leben sich auseinander. Um dem gerecht zu werden, könnte es eine seelsorgliche Begleitung im Einzelfall geben." Wenn man das "endlich" auch theologisch verantwortlich ausformuliert und offiziell festgeschrieben werde, sie das ein Fortschritt.

"Kühnes Unterfangen"

In Bezug auf die Familiensynode im Oktober im Vatikan warnt der Kardinal vor überhöhten Erwartungen. Glaube, Ideale und die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten der Menschen zusammenzubringen, sei ein "kühnes Unterfangen". Es gehe bei dem Treffen aber letztlich auch um eine grundsätzliche Frage: "Versteht die Kirche unsere Lebenswirklichkeiten, versucht sie, den Menschen nahe zu sein? Das ist der Punkt, nicht einzelne Ergebnisse, und da geht es um mehr als um Ehe und Familie."

Zu den aktuellen Diskussionen über Flüchtlinge in Deutschland und Europa findet Marx gegenüber dem Spiegel deutliche Worten. Fremdenfeindliche Ausschreitungen in Deutschland seien eine "Schande". Für die katholische Kirche sei es entsetzlich, was hierzulande gerade passiere. "Mir tut das physisch weh, wenn ich Leute mit Hitlergruß und Naziparolen sehe."

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Bezüglich des Verhältnisses von Glauben und rechten Tendenzen stellt Marx klar: Ausländerfeindlich und katholisch zu sein, das geht nicht zusammen. Auch in der Kirche dürfe man nicht wegschauen: "In kirchlichen Kreisen sollten wir sehr gut aufpassen, wenn einer steile Thesen vertritt. Zündeln am rechten oder linken Rand ist unverantwortlich, für jeden!"

Ungezügelte Meinungsäußerungen

Das Internet und die sozialen Netzwerke könnten solche ungezügelten Meinungsäußerungen am rechten Rand befördern. "Es ist diese Beschleunigung der Diskussion, die Verkürzung zur undifferenzierten Schlagwortdebatte, zum Kämpferischen", erläutert Marx. In Bezug auf die Diskussionskultur in manchen Foren und Blogs sagte er, es gebe eine "legitime Bandbreite der Diskussion im Politischen und natürlich auch im Religiösen. Es herrscht Meinungsfreiheit, auch unter Katholiken." Allerdings gebe es rote Linien. "Da muss man als Bischof deutlich werden, wenn die rote Linie überschritten wird."

In dem Interview hebt Kardinal gleichzeitig das Engagement der Kirche und der Pfarreien für Flüchtlinge hervor. Finanzielle Mittel, Kirchensteuern und Sachspenden flössen in die Flüchtlingshilfe, Caritas und Diakonie seien überall vor Ort dabei. Auf die Frage, ob die Stimme der Kirche lauter nicht sein müsse, erklärt er: "Wir sprechen es aus, wir predigen, wir schweigen nicht."

Benedikt XVI. liest.
Benedikt XVI. während der Messe zur Seligsprechung Paul VI.
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Auch der amtierende und der emeritierte Papst waren in dem Interview ein Thema. Eine Visite von Franziskus in Deutschland ist nach Marx‘ Einschätzung weiter möglich: "Er hat wohl auch einen Besuch in Deutschland nicht ad acta gelegt", verrät Marx. Er habe Franziskus allerdings geraten erst die europäischen Institutionen zu besuchen, bevor er in einzelne europäische Länder reise.

Der Papst sei ein Mensch, der neugierig sei auf andere Positionen. Er selbst spreche mit ihm in "meinem gebrochenen Italienisch". Dem Papst falle das Deutsche schwer, aber er lese in dieser Sprache. "Insofern ist da eine gewisse Nähe. Hölderlin und andere deutsche Literatur machen ihm viel Freude."

Herzliche Gespräche

Auf die Frage, wie es dem emeritierten Papst gehe, erklärte Marx: "Ganz gut, geistig völlig wunderbar". Benedikt XVI. und er hätten viel Freude miteinander. "Es sind immer herzliche und sehr schöne Gespräche beim Mittagessen. Da Benedikt XVI. auch einst Erzbischof von München gewesen sei, sei er auch immer interessiert an den bayerischen Verhältnissen." (mit Material von KNA)

Von Gabriele Höfling

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