Notstand oder nicht?

Seit Ehescheidungen häufiger wurden, ist umstritten, wie die Kirche mit Katholiken in einer zivilen Zweitehe umgehen soll. Auch nach der Familiensynode in Rom wird weiter darüber debattiert. Aber wie groß ist die Gruppe der Betroffenen eigentlich?

Ehe | Bonn - 03.11.2015

"Wege der Barmherzigkeit" und "offene Türen" einerseits, Festhalten an der Lehre von der unauflöslichen Ehe andererseits - so wurden die Pole auf der Familiensynode oft beschrieben. Bisher sind Katholiken von Sakramenten wie der Kommunion ausgeschlossen, wenn ihre zweite Ehe "in objektivem Widerspruch" zur Lehre der Kirche steht, wie es Papst Johannes Paul II. (1978-2005) formuliert hat.

Die Synode hat sich jetzt für eine stärkere Integration in die kirchliche Gemeinschaft ausgesprochen. Die Betroffenen sollen sich keinesfalls exkommuniziert fühlen. Man müsse sorgfältig prüfen, welche bisherigen Ausschlüsse überwunden werden könnten, heißt es im Schlussdokument. Auf die Frage eines möglichen Kommunionempfangs geht der Text nicht ein.

Bei allen Diskussionen fällt auf: Über die Betroffenen selbst ist wenig bekannt, nicht einmal über ihre Zahl. Das "Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie" (IDAF) kritisierte dies jetzt: Es sei der Eindruck entstanden, es handle sich "um eine immer weiter wachsende und für die Zukunft der katholischen Kirche entscheidend große Gruppe".

"Maximal 200.000 Betroffene" - Tendenz fallend

Laut IDAF-Hochrechnung umfasst die Gruppe der praktizierenden Katholiken unter den zivil wiederverheirateten Geschiedenen "maximal 200.000 Personen" in Deutschland, vermutlich sogar deutlich weniger. Das wären hierzulande nicht einmal ein Prozent der Katholiken, und die Tendenz ist nach IDAF-Berechnungen nicht steigend, sondern fallend.

Themenseite: Familiensynode

Vom 4. bis 25. Oktober 2015 trat die XIV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode unter dem Thema "Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute" zusammen. Die Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de zur Synode.

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Zugrunde legen die Mitarbeiter des spendenfinanzierten Instituts einen seit Jahren zu beobachtenden Rückgang der Zahl kirchlicher Eheschließungen - und nur die davon betroffenen Menschen kommen nach einer möglichen späteren Scheidung und einer dann möglichen zweiten Zivilehe überhaupt als potenzielle kirchliche "Problemfälle" statistisch infrage.

Indes: Es ist schwierig, diese Schätzung zu überprüfen. Das Statistische Bundesamt erhebt Daten zu zivilen, katholischen und evangelischen Heiraten sowie zu Wiederverheiratungen, letztere aber konfessionsunabhängig. Auch die Deutsche Bischofskonferenz hat keine Zahlen und kommentiert die Schätzung nicht.

Kein Notstand - aber viele wünschen sich eine Veränderung

Im Vorfeld der Synode war eine Umfrage in Italien zu dem Ergebnis gekommen, dass es dort "keinen 'Notstand' in der Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion" gebe. Der bekannte Religionssoziologe und ehemalige OSZE-Repräsentant gegen die Diskriminierung und Verfolgung von Christen, Massimo Introvigne, hatte Priester befragt. Das Ergebnis: Viele wiederverheiratete Geschiedene gehen trotz des kirchlichen Verbots zur Kommunion. 75 Prozent der Priester berichteten von entsprechenden Fällen.

Andererseits kamen sowohl die weltweite Vatikan-Umfrage vor der Bischofssynode als auch eine Umfrage dreier Studenten in Deutschland zu dem Ergebnis, dass viele Menschen sich eine Veränderung in dieser Frage wünschen. Auch die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK) sprach sich dafür aus, in einer zweiten Zivilehe lebenden Katholiken unter bestimmten Voraussetzungen den Zugang zu den Sakramenten zu ermöglichen. Ähnlich drückten es etliche Bischöfe bei der Synode aus.

Familiensynode im Vatikan
Die Familiensynode im Vatikan hat sich für eine stärkere Integration von wiederverheirateten Geschiedenen in die kirchliche Gemeinschaft ausgesprochen. Man müsse sorgfältig prüfen, welche bisherigen Ausschlüsse überwunden werden könnten, heißt es im Schlussdokument.
 picture alliance/AP Photo

Unabhängig von der Zahl der tatsächlich Betroffenen scheint sich die Debatte zu einem Symbol dafür entwickelt zu haben, wie barmherzig und reformfähig die katholische Kirche heute ist. Auch wenn Papst und Bischöfe immer wieder betonen, dass es nicht das wichtigste Thema rund um Ehe und Familie sei.

Möglichkeiten der Teilhabe am kirchlichen Leben ausloten

Die Diskussion müsse weitergehen, sagt die Münsteraner Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins. "Die Synode hat einen Weg eröffnet, auf dem weiterzudenken ist, und zwar in sehr grundlegender Hinsicht." Im Hinblick auf die Möglichkeiten und Bedingungen der Teilhabe am kirchlichen Leben scheine ihr die Frage nach der Zahl der Betroffenen nicht entscheidend, fügt die Wissenschaftlerin hinzu.

Ähnlich äußert sich eine Sprecherin der Bischofskonferenz. Da es keine Zahlen gebe, könne man nicht zwingend von einer Minderheit ausgehen. "Doch selbst wenn - auch in anderen Bereichen engagiert sich die Kirche für Minderheiten."

Von Paula Konersmann (KNA)

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