Ökumenischer Lobpreis des Schöpfers

Die katholische Kirche feiert am 1. September erstmals einen Weltgebetstag für die Schöpfung. Bei den Orthodoxen gibt es den schon lange. Erzpriester Constantin Miron erklärt, warum das Thema Umwelt der orthodoxen Kirche ein besonderes Anliegen ist.

Weltgebetstag | Bonn - 31.08.2015

Mit der Einführung des Weltgebetstages für die Schöpfung am 1. September folgt Papst Franziskus einer Anregung aus der orthodoxen Kirche. Der griechisch-orthodoxe Erzpriester Constantin Miron äußert sich im Interview mit katholisch.de zur besonderen Schöpfungsspiritualität der Orthodoxie und zur Tradition dieses Tages. Im gemeinsamen Lob des Schöpfers sieht er ein neues Feld für die Ökumene.

Frage: Herr Miron, Papst Franziskus ist der Anregung der orthodoxen Kirche gefolgt und hat den 1. September zum Weltgebetstag für die Schöpfung erklärt. Was halten Sie davon?

Miron: Das ist eine positive Überraschung - wie so vieles an diesem Papst positiv überrascht. Eine Idee, die bei der Vorstellung der Enzyklika mehr oder weniger spontan vorgetragen wurde, wird sechs Wochen später schon in die Tat umgesetzt - unter ausdrücklicher Berufung auf den Metropoliten Johannes, der sie damals einbrachte.

Frage: In der orthodoxen Kirche gibt es einen solchen Gebetstag schon seit 1989. Warum am 1. September?

Miron: Der 1. September ist der Beginn des orthodoxen Kirchenjahres, weil in Byzanz damals auch das weltliche Jahr am 1. September anfing. Die Zählung beginnt im Herbst, da diese Jahreszeit vor allem für die Landwirtschaft von Bedeutung ist. Am Anfang steht bei allen diesen Überlegungen immer der Lobpreis des Schöpfers: Gott wird als der Schöpfer der Welt erkannt und als solcher gepriesen. Das neue Jahr soll mit dem Lob Gottes eingeleitet werden. Dies ist ein wichtiger Aspekt der orthodoxen Schöpfungsspiritualität.

Frage: Wenn es um die Bewahrung der Schöpfung geht, ist oft nur von Umweltschutz die Rede. Sie haben gerade die theologische Dimension der Schöpfung angesprochen…

Miron: Ja, es ist immer ein Dreischritt, von dem unser Patriarch Bartholomäus ausgeht: Am Anfang steht der Lobpreis des Schöpfers, danach kommt das Erkennen, dass wir Menschen schuldig geworden sind gegenüber der Schöpfung, schließlich müssen Taten des Wiedergutmachens folgen, soweit dies noch möglich ist. Diese drei Dinge gehören für die Orthodoxen zusammen. Es handelt sich also nicht um einen weltfremden Lobpreis, der nicht sieht, dass es auch Umweltzerstörung gibt. Und es ist kein passives Über-sich-ergehen-lassen einer Situation, sondern ein aktives Tätig-werden.

Erzpriester Constantin Miron
Erzpriester Constantin Miron sieht im Lobpreis und der gemeinsamen Sorge für die Schöpfung ein neues Feld der Ökumene.
 Constantin Miron

Frage: Wenn es um "Tätig-werden" geht, hat man manchmal den Eindruck, dass wir selbst die Welt retten könnten. Es gibt irreparable Zerstörungen der Natur; manche Dinge sind gar nicht mehr aufzuhalten. Was sagen Sie dazu?

Miron: In dem Moment, wo wir nicht von "Natur", nicht von "Umwelt", sondern von "Schöpfung" sprechen, glauben wir, dass es einen Schöpfer gibt. Er ist es, der letztendlich Sorge für uns trägt. Gregor von Nyssa, Theologe und Kirchenvater, spricht aber von dem Menschen als einem Mikrokosmos. Die Veränderungen, die in einem Menschen geschehen, können positiv auf die ganze Welt ausstrahlen. Also bleibt uns die Verantwortung überlassen, nachdem wir die Erkenntnis über den Zustand der Welt erlangt haben. Alleine können wir zwar nichts tun, doch wir können auch nicht die Hände in den Schoß legen.

Frage: An Ostern werden Schöpfung und Neuschöpfung nebeneinander gestellt. Warum bedarf es eines besonderen Gebetstages für die Schöpfung?

Miron: Als die Idee des Schöpfungstages 1989 wieder aufkam, hat es in der Tat in der orthodoxen Kirche eine Diskussion gegeben, ob denn ein neues Fest erforderlich ist oder ob nicht Ostern und andere Daten im Kirchenjahr als Gedenktage ausreichend sind. Aber es war nun mal ein Herzensanliegen des verstorbenen Patriarchen Dimitrios wie auch des jetzigen Patriarchen Bartholomäus, den man als den grünen Patriarchen bezeichnet, dass an diesem Tag noch einmal ganz besonders der Schöpfung gedacht und eine Umkehr des Menschen in Erinnerung gerufen wird.

Frage: Seit wann gibt es die Idee zum Schöpfungstag?

Miron: In der Kirchengeschichte des Ostens und des Westens gab es immer wieder Gestalten wie beispielsweise Franziskus von Assisi. Er hat sich sicher nicht als Schöpfungstheologe verstanden, aber er hat doch Schöpfungstheologie betrieben. Schöpfungstheologie ist ein durchgehendes Thema in der Kirchengeschichte des Ostens und des Westens, sie hatte jedoch zu verschiedenen Zeiten einen unterschiedlichen Stellenwert. Das sind Wellenbewegungen der Geschichte. Im Osten ist vielleicht die ganzheitliche Sicht Mensch-Natur-Gottesbeziehung noch stärker vorhanden. Aber auch Papst Franziskus bezieht sich in seiner neuen Enzyklika auf östliche Kirchenväter, so auf Basilius den Großen. Es ist schön, dass mit Papst Franziskus und Patriarch Bartholomäus die zwei Wellen jetzt sehr gleichförmig sind. Dass ein orthodoxer Metropolit bei der Vorstellung der Enzyklika "Laudato si" dabei war, ist ja tatsächlich eine Sensation.

Linktipp: Themenseite Laudato si

Am 18. Juni 2015 wurde die Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus veröffentlicht. Sie stellt die Schöpfung in den Vordergrund. Lesen Sie auf katholisch.de alles Wichtige rund um das Schreiben.

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Frage: Welchen Beitrag für die Ökumene kann ein solcher gemeinsamer Weltgebetstag leisten?

Miron: In allen Kirchen besteht ein großes Interesse für die Schöpfung. Denken Sie an Erntedankfeste, Schöpfungstage, den Gedenktag des Heiligen Franziskus. Vor fünf Jahren hat die ACK, die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, deshalb eine spezielle ökumenische Gedenkzeit für die Schöpfung eingeführt. Sie beginnt am ersten September und dauert bis zum 4. Oktober, dem Franziskus-Gedenktag. Das ist ein neues Feld der Ökumene: Gemeinsam lobpreisen, gemeinsam die Schöpfung als verletzt erkennen und gemeinsam Anstrengungen unternehmen, die die Lage verbessern können.

Frage: Was erwarten Sie sich in Zukunft für die Ökumene?

Miron: Ich erhoffe mir ein stärkeres Wahrnehmen des anderen, damit wir uns gegenseitig so sehen, wie wir sind, und nicht so, wie wir es von unseren Schulbüchern gelernt haben. Die orthodoxen Christen in Deutschland sind eine kleine Gruppe. Aber - der Schöpfungstag zeigt es - wir bringen Impulse mit, die die innerchristliche Ökumene befruchten können. Genauso können wir auch von den hiesigen Kirchen und deren sozialen Diskurs lernen. Ökumene ist ja nie eine Einbahnstraße.

Frage: Welche weiteren Impulse bringen Sie mit?

Miron: Um ganz topaktuell zu sein: Viele von den Flüchtlingen, die jetzt kommen, sind Christen aus dem Nahen Osten. Hier stehen wir in Deutschland vor gemeinsamen Herausforderungen. Es geht nicht nur um ihre Unterbringung und Versorgung. Sich um diese Flüchtlinge zu kümmern, ist vor allem eine geistliche Aufgabe. Wir haben darüber hinaus Erfahrung im Zusammenleben mit dem Islam, die helfen kann, einige der Fragen, die auf interreligiöser Ebene gestellt werden, zu beantworten. Der Dialog mit dem Islam wie auch mit den anderen Religionen muss zudem zu einer Stärkung des innerchristlichen Dialogs führen. Es geht nicht, dass das Christentum hier mit vielen Stimmen spricht.

Zur Person: Constantin Miron

Constantin Miron ist Erzpriester und orthodoxer Pfarrer in Brühl bei Köln. Zudem ist er für ökumenische Angelegenheiten der Griechisch-Orthodoxen Metropolie in Deutschland sowie für die innerchristlichen Beziehungen der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD) zuständig.

Von Julia-Maria Lauer

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