"Schaffen, woran andere scheitern"

Niemand würde in einen Zug steigen, der mit hoher Wahrscheinlichkeit entgleist, meint Journalistin Christiane Florin. Bei der Ehe sei das anders. Ob es lohnt, das Wagnis einzugehen, analysiert sie in einem Buch.

Bücher | Bonn - 01.05.2016

Kirchlich geschlossene Ehen sind auf dem absteigenden Ast, in den letzten 25 Jahren hat sich die Zahl der Trauungen um die Hälfte halbiert. Das mag auch an kirchlichen Moralvorstellungen liegen, die viele Menschen als lebensfremd und nicht mehr zeitgemäß empfinden. Doch auch wenn sich immer weniger Paare trauen - noch ist die Ehe kein Auslaufmodell.

Die Sehnsucht nach einem festen Partner, der einen in allen Höhen und Tiefen begleitet, ist ungebrochen. Auf diese Gemengelage und die Rolle der katholischen Kirche dabei wirft Christiane Florin in ihrem Buch "Die Ehe: Ein riskantes Sakrament" einen genaueren Blick.

Einzigartiges Erfolgsmodell

Abseits von kirchenamtlichen Schreiben beleuchtet Florin die Wirklichkeit von Paaren, jetzt und in früheren Generationen. Die Ehe sei mit ihrer mehr als 2.000-jährigen Tradition ein "einzigartiges Erfolgsmodell", schreibt die katholische Journalistin. Gleichwohl verberge sich hinter den drei Buchstaben ein ganzer Kosmos aus "Hoffnung und Verzweiflung, Liebe und Verachtung, Glück und Schmerz".

Christiane Florin im Porträt.
Christiane Florin ist Redakteurin beim Deutschlandfunk.
 Christ & Welt

Wer heute ein gemeinsames Leben starte, beginne ein Unternehmen mit ungewissem Ausgang. "Niemand würde in einen Zug steigen, wenn laut Statistik 30, 40, 50 Prozent dieses Modells aus der Kurve fliegen. Bei der Ehe ist das anders", konstatiert Florin. Der Reiz liege darin, das "zu schaffen, woran andere scheitern".

Dabei hat sich die Ehe im Lauf der Jahrhunderte stark gewandelt. Von der ursprünglichen Besitzregelung und der Idee einer reinen Versorgungsgemeinschaft bis zur partnerschaftlichen Liebesbeziehung sollten fast 2.000 Jahre vergehen. Dabei änderte sich nicht nur das Eheverständnis, sondern auch die Menschen und deren Haltung zur Kirche.

Jahrzehntelanges Leiden

In den Nachkriegsjahren etwa waren die meisten noch im katholischen Milieu beheimatet, hinterfragten die oft als Korsett empfundenen Moralvorstellungen nicht oder lebten eine Doppelmoral. Die Welt hinter vermeintlich gut katholischen Fassaden und Wohnungstüren erwies sich als doch nicht so heil, wie man heute denken könnte, schreibt Florin. Nur sei nicht darüber gesprochen worden; die Ehe entpuppte sich mitunter als jahre- oder gar jahrzehntelange Leidenszeit. Das hätten auch Rückmeldungen einer Ratgeberkolumne in der ZEIT-Beilage "Christ & Welt" gezeigt, wo Florin bis 2015 Redaktionsleiterin war.

Ziemlich viel Sex vor der Ehe

Jungfräulich zum Traualtar: für viele junge Katholiken klingt das nicht erstrebenswert, ein liberales Liebesleben ist für sie selbstverständlich. Doch manche schwimmen gegen den Strom - aus freien Stücken.

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Die Autorin, die heute beim "Deutschlandfunk" arbeitet, würzt ihre Ausführungen mit weiteren Beispielen aus ihrem Bekanntenkreis und der eigenen Familie. So habe sie ihre "frühkindliche Prägung" - ihre Eltern haben jahrelang nicht miteinander gesprochen - trotz allem "nicht zur Ehe-Gegnerin" werden lassen, schreibt Florin. Sie selbst ist seit fast 20 Jahren verheiratet und dankbar dafür, "dass 'es' bei uns schon so lange grundlos gut gegangen ist".

Während die Ehe viele Jahrhunderte bei der Alltagsbewältigung geholfen habe, diene sie heute der "Glücksgipfelbesteigung", ja sei ein "Gegenentwurf zur Welt da draußen mit ihrem ständigen Wettbewerbs- und Optimierungszwang". Aus kirchlicher Sicht ist die Ehe ein von Gott gestifteter, unauflöslicher heiliger Bund. Die meisten Paare treten erst nach reiflichem Entschluss, nach einer langen Kennenlernphase, in der man auch "die Frühstücks- und Schnarchgeohnheiten des anderen" kenne, vor den Traualtar, so Florin. Dennoch kann die Ehe im Alltag mit seinen Routinen schnell zerbrechen, selbst wenn Gott mit im Boot sitzt.

Das kirchliche Verständnis von der Unauflösbarkeit des Ehesakramentes ist ein Punkt, der an der Lebenswirklichkeit von heutigen Paaren vorbeizugehen scheint. Dabei schreibt auch Florin, dass die Scheidung für manches Paar eine "Befreiung" sein könne. Die Haltung der Kirche zu vorehelichem Sex, nichtehelichen Lebensgemeinschaften, der kirchliche Umgang mit Geschiedenen, Wiederverheirateten und Homosexuellen - es gibt viele Themen, die auch Katholiken an ihrer Kirche verzweifeln lassen und zu einem tiefen Graben zwischen Kirchenleitung und Kirchenvolk geführt haben.

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Was bedeutet die Ehe? Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger".
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Diese Kluft zu schließen war ein Anliegen der Familiensynode im Herbst 2015. Erstmals hat ein Papst im Vorfeld die Gläubigen zu wichtigen Themen befragt, und deren ernüchternde Rückmeldungen in die Beratungen miteinfließen lassen - für Florin eine kleine Sensation; ebenso Franziskus' Forderung: "Erst der Mensch, dann die Ordnung". Bislang sei das eher umgekehrt gewesen.

Die Journalistin, deren Buch wenige Wochen vor Veröffentlichung des nachsynodalen Schreibens "Amoris laetitia" erschienen ist, stimmt das optimistisch. Mit dem Schreiben verkleinere Franziskus die Kluft zwischen katholischer Kirche und Gesellschaft. "Er sucht Anschluss, ohne sich anzupassen", erklärt Florin. "Wäre es nicht von Amts wegen anders, könnte man meinen, Franziskus war selbst schon einmal verheiratet." Der Papst nehme "die Wirklichkeit von Paaren wahr und ernst - von heterosexuellen Paaren jedenfalls".

Kenntnisreich, kurzweilig, scharfzüngig

Die katholische Journalistin analysiert kenntnisreich, kurzweilig und gewohnt scharfzüngig die Institution der Ehe - mit offener Sympathie für diesen Lebensentwurf. "Eheglück ist Anstrengung, Arbeit, Abenteuer. Darin liegen Reiz und Risiko", resümiert Florin.

Hinweis: "Die Ehe: Ein riskantes Sakrament"

Das neue Buch von Christiane Florin "Die Ehe: Ein riskantes Sakrament" ist bei Kösel erschienen. 176 Seiten kosten 24,50 Euro.

Von Angelika Prauß (KNA)

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