Theologie der Liebe und des Lebens

Ende Mai sorgte eine Tagung zu Familienthemen in Rom für Aufmerksamkeit. Drei Bischofskonferenzen hatten zu einem Studientag eingeladen, von dem fast nichts nach außen drang. Nun ist bekannt geworden, worum es genau ging.

Familie | Rom/Bonn - 16.07.2015

Eine Tagung in Rom zu Familienthemen hatte Ende Mai für Aufmerksamkeit gesorgt, weil sie fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Beim Studientag zur Bischofssynode auf Einladung der Vorsitzenden der Französischen, Schweizerischen und Deutschen Bischofskonferenz am Pfingstmontag waren rund 50 Teilnehmer und ein Dutzend journalistischer Beobachter anwesend. Einige Medien hatten kritisch über ein Geheimtreffen progressiver Kräfte zur Absprache einer gemeinsamen Strategie spekuliert. Nun sind alle Vorträge in den drei Sprachen der Teilnehmerländer erschienen.

Auf der Seite der Deutschen Bischofskonferenz kann man sich seit Mittwoch das knapp 180 Seiten starke Dokument herunterladen; der deutsche Text darin umfasst rund 60 Seiten. Bis hin zu den Kaffee- und Mittagspausen ist nun das Programm bekannt sowie die sechs Kurzvorträge von renommierten Theologen, wie etwa der Ratzinger-Preisträgerin Anne-Marie Pelletier und Thomas Söding, der bis 2014 Mitglied in der vatikanischen Internationalen Theologischen Kommission war. Vom deutschen Episkopat hatten Kardinal Reinhard Marx und die Bischöfe Heiner Koch und Franz-Josef Bode teilgenommen, die auch Vertreter bei der Familiensynode sein werden.

Themen der Tagung mit dem Titel "Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute" waren die drei Punkte "Katholische Bibelhermeneutik", "Theologie der Liebe" und "Theologie der Biographie". Das Treffen sollte zur "theologischen Vertiefung" der bei der Synode anstehenden Themen beitragen. Dazu gebe es erheblichen Bedarf, heißt es etwa in Bezug auf den Aspekt der Versöhnung: Diese sei eine Grunddimension der christlichen Botschaft und deshalb müsse es einen Versöhnungsweg "für alle Menschen und alle Lebenssituationen" geben. Dass es für sexuell aktive wiederverheiratete Geschiedene keine Möglichkeit der Versöhnung geben soll, stelle eine Sackgasse dar, für die es in der kirchlichen Praxis keine Parallele gebe, wird kritisiert.

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Theorie trifft Praxis: Über zwei Jahre beraten Bischöfe und Laien im Vatikan über die "pastoralen Herausforderungen der Familie". Das ist ein höchst brisantes Thema, bei dem die Vorstellungen der Kirche und die Lebenspraxis ihrer Gläubigen zunehmend auseinanderdriften.

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Mit "allen Lebenssituationen" meinen die Verfasser der Zusammenfassung neben Wiederverheirateten auch stabile gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Der Jesuit und Moraltheologe Alain Thomasset beschäftigte sich in seinem Vortrag zudem mit dem Thema Verhütung. Sexuelle Handlungen mit Empfängnisverhütung könnten seiner Aussage nach bei Eheleuten als "subjektiv nicht schuldhaft" angesehen werden, wenn das Paar offen bleibe für den Empfang des Lebens im Rahmen einer verantworteten Elternschaft.

Laut der Zusammenfassung der Diskussionsrunden nach den Vorträgen wurde betont, dass biblische Texte wegen ihrer historischen Eingebundenheit der Auslegung bedürfen. Dies sei zwar komplex, aber unvermeidlich, um dem "Willen Jesu und seiner Aussageintention die Treue zu halten". "Völlig unumgänglich" sei es auch, bei der moralischen Bewertung individueller Handlungen den biographischen Zusammenhang zu sehen, heißt es in dem Papier. Wiederverheiratete etwa sähen zwar individuelle Schuld im Hinblick auf die Trennung, aber die neue Verbindung als einen Neuaufbruch und Versuch an, diese Fehler nun zu vermeiden. "Das biographische Geschehen wird unter dem Aspekt einer ‚permanenten Sünde‘ nicht zutreffend erfasst" lautet die Folgerung.

Das Ehesakrament als Form der Christusnachfolge

Weiter wird betont, dass junge Menschen "nicht orientierungslos den Strömungen des Zeitgeistes überlassen werden" sollten. So müsse die Sexualität als "umfassendes Existential" des Menschen ernst genommen werden und dürfe nicht mehr auf den Koitus enggeführt werden. Die Verfasser warnen davor, dass etwa die Moraltheologie den Bezug zu den Humanwissenschaften und ihrem Forschungsstand vernachlässigt. Dies führe zur Trennung von Glaube und Vernunft und einer radikalen Abwertung der Vernunft.

Nicht überraschend für eine Diskussion von Bischöfen und Theologen wurde über das Ehesakrament und über die Ehe und Familie als "genuine Form der Christusnachfolge" festgehalten: "Eine Relativierung der Sakramentalität wurde als Weg in eine Sackgasse betrachtet." Zum Schluss befasst sich die Zusammenfassung der Tagungsergebnisse auch mit möglichen Konsequenzen für die Familiensynode: Es könne in keinem Fall "um vereinfachende Kompromisse gehen, sondern nur um ein ehrliches gemeinsames Ringen", heißt es dort.

Die Dokumentation zum Download

Die gesamte Dokumentation der am Mittwoch veröffentlichten Dokumentation der "Gemeinsamen Tagung auf Einladung der Präsidenten der Französischen, Deutschen und Schweizer Bischofskonferenz zu Fragen der Ehe- und Familienpastoral im Vorfeld der Bischofssynode" können SIe auf der Seite der Deutschen Bischofskonferenz herunterladen.

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Die Kirche müsse sich fragen: "Was haben wir heute diesen Menschen vom Reich Gottes her über die Ehe zu sagen?" Es gehe jedenfalls nicht darum, "angesichts der Zeitströmungen das Niveau des christlichen Ethos zu senken und Erleichterungen zu schaffen". Auch eine Unterscheidung der Geister wird angemahnt: Die Synode solle ohne Spaltung und ohne "gegenseitige Verunglimpfung, Beleidigung und Beschimpfung" stattfinden.

Die Bischofssynode dürfe sich aber auch "nicht darauf beschränken, das Bestehende und bereits Gesagte zu affirmieren". Kirchliche Texte müssten die Menschen ansprechen und zum Denken und Handeln anregen. Die Synode habe "die große Chance, die Botschaft Jesu von der Ehe und Familie neu als Theologie der Liebe zu entdecken und zu verkünden". In zweieinhalb Monaten beginnt das große Bischofstreffen in Rom.

Von Agathe Lukassek

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