Von der Bedeutung der Hauskirche

Der wichtigste Ort, um den Glauben weiterzugeben, ist die Familie. Das Zweite Vatikanische Konzil nennt sie deshalb "Hauskirche". Auch in der Vorbereitung der Familiensynode ist davon die Rede. Doch wie können Eltern mit ihren Kindern den Glauben leben?

Familiensynode | Bonn - 02.10.2015

Die Umfragen unter den Gläubigen im Vorfeld der Synode haben es belegt: Die Kirche geht von einem Ideal der Familie aus, das sich immer seltener mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten deckt. Das ist ein Problem. Doch viel gravierender ist ein anderer Umstand. Nämlich der, dass immer mehr getauften Christen diese Diskrepanz egal ist. Viele von ihnen sind nicht mehr im christlichen Glauben aufgewachsen oder haben der Kirche bewusst den Rücken gekehrt.

Wird das zum Normalfall, hätten sich Diskussionen wie die über die kirchliche Sexualmoral von selbst erledigt. Denn warum sollte die Kirche nach Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen suchen, wenn sie sowieso niemand mehr fragt? Deshalb wird sich die Familiensynode ab Sonntag auch mit einer schwierigen Frage auseinandersetzen müssen, die die Weltkirche in ihrem Innersten betrifft: Wie kann die Weitergabe des Glaubens im Hier und Jetzt gelingen?

Trotz vielfältiger Angebote in katholischen Kindergärten, im Religionsunterricht oder bei der Vorbereitung auf die Sakramente in der Gemeinde bleibt letztlich die Familie die Keimzelle des christlichen Glaubens. Auch deshalb bezeichnet das Zweite Vatikanische Konzil die Familie als "Hauskirche". In ihr sollen die Eltern "durch Wort und Beispiel für ihre Kinder die ersten Glaubensboten sein", wie es in der dogmatischen Konstitution "Lumen Gentium" (LG11) heißt. Johannes Paul II. belebt den Begriff neu, indem er ihn in seinem Apostolischen Schreiben "Familiaris Consortio" (FC) erläutert und präzisiert. Für den polnischen Papst ist die christliche Familie eine spezifische Darstellung und Verwirklichung der kirchlichen Gemeinschaft (FC 21). Wie die "große Kirche" müsse "aber auch die kleine Hauskirche ständig und gründlich in die Frohbotschaft tiefer eingeführt werden" (FC 51), urteilt er.

Im Arbeitspapier der bevorstehenden Synode, dem Instrumentum laboris, taucht das Wort Hauskirche nun wieder auf. Und das gleich neun Mal. Denn bereits vor dem Bischofstreffen im vergangenen Jahr stellten die Ortskirchen auf der ganzen Welt übereinstimmend fest, dass die Gläubigen weder bedeutende lehramtliche Texte noch die Heilige Schrift richtig kennen. Und wo sollte man eher mit der Glaubensvermittlung beginnen als in der Familie?

Albert Biesinger ist emeritierter Professor für Religionspädagogik der Universität Tübingen.
Albert Biesinger ist emeritierter Professor für Religionspädagogik der Universität Tübingen.
 KNA

Für den Tübinger Religionspädagogen Albert Biesinger ist das fehlende Wissen um die Lehre der Kirche allerdings nicht das Hauptproblem der Familien von heute. Wenn man glaube, dass es nur an der Vermittlung der Enzyklika "Humanae vitae" hapere, "dann geht das am Problem junger Eltern mal wieder komplett vorbei", kritisiert er mit Blick auf das Arbeitspapier des Vatikan. Viel eher müsse danach gefragt werden, "wie die nachwachsende Elterngeneration überhaupt noch motivierbar ist und lernt, ihre Kinder religiös zu erziehen". Um Gott konkret im Alltag spüren zu können, sind für Biesinger vor allem Rituale mit den Kindern hilfreich.

Begriffe wie "Hauskirche" und "Glaubensweitergabe" sind schwer verständlich

Die Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung (AKF) setzt genau an diesem Punkt an, "weil heute vor allem niederschwellige Angebote gefragt sind", sagt Geschäftsführer Hubert Heeg. Worte wie Hauskirche oder Glaubensweitergabe findet er unglücklich gewählt, weil "die wenigsten Familien damit noch etwas anfangen können". Stattdessen haben sich die Theologen und Pädagogen des Fachverbands verschiedene Konzepte einfallen lassen, die in ihren Augen zeitgemäß sind. "Hot Spots des Lebens" heißen die dann beispielsweise. Die kleinen Heftchen und Faltposter enthalten Impulse, die dabei helfen sollen, Spiritualität in der Familie zu leben.

"Eine Möglichkeit besteht darin, sich am aktuellen Kirchenjahr zu orientieren", sagt Heeg. Die Botschaft der einzelnen Feste müsste dann allerdings in das Familienleben "übersetzt" werden. Wie das geht, erklärt er anhand von Pfingsten: Gottes gebe durch den Heiligen Geist seine Zusage, dass jeder Mensch einmalig ist. "So kann man Kindern beibringen, zur ihrer Individualität zu stehen", erklärt er. Auf der anderen Seite könne der Heilige Geist auch zusammenführen und ein Zeichen für Gemeinschaft sein. "Das zeigt dem Nachwuchs, dass die Familie mehr als der Einzelne ist."

Die Familie muss eine Erzählgemeinschaft sein.

Hubert Heeg

Die Broschüre "Pfingsten - ein Fest für die Familie" des AKF erläutert den theologischen Grundgedanken von Pfingsten und stellt mögliche Rituale vor, die den Kindern eine Idee der christlichen Glaubensinhalte geben sollen. Ein Beispiel: Eltern könnten gemeinsam mit ihren Kindern die Jalousien öffnen, um den Heiligen Geist hereinzulassen. Hinzu kommen Erfahrungsberichte anderer Eltern sowie Gedanken, Gebete und Geschichten, die thematisch zum jeweiligen Kirchenfest passen. "Die Familie muss eine Erzählgemeinschaft sein", sagt Heeg. Nur dann gelinge es, den Kindern den Glauben näherzubringen. Ähnliche Heftchen wie das zu Pfingsten gibt es auch zu vielen anderen Kirchenfesten wie Weihnachten, Ostern oder Allerheiligen.

Doch auch im alltäglichen Familienleben kann man mit den eigenen Kindern über Gott und den Glauben sprechen. Mit acht Faltpostern, die den Titel "Spiritualität im Alltag" tragen, will der AKF dazu beitragen. Themen sind unter anderem die gemeinsamen Mahlzeiten, ermutigende Rituale wie ein Abschiedskuss oder die Umarmung, aber auch herausfordernde Momente wie Krankheiten. Dabei gehe es um Grundhaltungen und Grunderfahrungen, die das Familienleben prägen können, sagt Heeg. Wie reagiere ich zum Beispiel als Elternteil, wenn mein Kind Freunde zu Besuch einlädt? "Hier sind wir dann schnell beim Thema Gastfreundschaft", so der AKF-Geschäftsführer. "Und die ist im Christentum immerhin eines der sieben Werke der Barmherzigkeit."

Gemeinsam mit dem Kind Fragen stellen

Wichtig ist den Mitarbeitern des AKF, Eltern beizubringen, wie sie die seelische Entwicklung ihres Kindes auch in spiritueller Hinsicht unterstützen können. "Wir wollen ihnen vermitteln, dass sie für die religiöse Bildung ihres Nachwuchses verantwortlich sind", sagt Christof Horst. Der Ehe- und Familienberater hat deshalb verschiedene Elternkurse mit dem Namen "Kess erziehen" entwickelt, die die schriftlichen Angebote des AKF ergänzen sollen. "Die Kurse dienen dazu, sich mit dem Kind auf die fragende Seite zu stellen, sich mit ihm auf den Weg zu machen", erklärt der Pädagoge.

"Kess erziehen" gibt es bereits seit 2003 und wird in Kooperation mit den Fachstellen vieler deutscher Diözesen angeboten. Neben Antworten auf allgemeinen Erziehungsfragen – zum Beispiel zur Pubertät – existiert auch ein spezieller "Glaubenskurs", der eigentlich keiner sein will. Der Titel: "Staunen. Fragen. Gott entdecken." Auch das ist ein niederschwelliges Angebot. "Es soll den Boden für den Glauben bereiten", sagt Horst. Und er ergänzt: "Es sind erst einmal alle Fragen erlaubt." Oftmals gehe es aber um Fragen, die jedes Kind irgendwann stellt: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Und wer begleitet mich? In diesem Zusammenhang würden sich auch viele Erwachsene neu mit ihrem eigenen Glauben beschäftigen.

Dass mit Heftchen, Faltpostern und Kursen noch keine Glaubensvermittlung stattgefunden hat, wie man es sich im Vatikan beim Erstellen des Arbeitspapiers für die Synode vielleicht gewünscht hat, ist den Theologen und Pädagogen vom AKF auch klar. Dennoch sind sie von ihrem Konzept überzeugt, zunächst nicht mehr zu antworten, als das Kind fragt. "Es geht darum, einen Zugang zum Glauben zu legen", sagt Geschäftsführer Heeg. Der Katechismus alleine nütze nichts, solange er in der Familie nicht tragfähig sei.

Linktipp: "Papa, wie sieht Gott aus?"

"Wie sieht denn Gott eigentlich aus", fragte der siebenjährige Tobias seinen Onkel, als sie nach dem Gottesdienst nach Hause fuhren. Wenn Kinder solche Fragen stellen, wird es meistens sehr spannend. Mütter und Väter, Opas, Omas und alle, die Kinder erziehen, kommen um die Beschäftigung mit religiösen Fragen nicht herum - selbst wenn sie nicht gläubig sind.

Religiöse Erziehung stärkt Kinder und Eltern

Von Björn Odendahl

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