Eine Ordensfrau
Kirchen-Kuriosität war im Mittelalter kein Einzelfall

Als eine "tote" Nonne für die Fleischeslust aus dem Kloster floh

Eine Nonne trickste ihr Kloster aus, um zu fliehen und der fleischlichen Lust zu frönen. Diese kuriose Anekdote aus dem Mittelalter haben Forscher in alten Registern gefunden. Und die Nonne war kein Einzelfall.

Von Christoph Paul Hartmann |  York - 17.02.2019

Joan von Leeds hatte anscheinend keine Lust mehr auf das Leben als Nonne: "Sie hat den Anstand der Religion und die Sittsamkeit ihres Geschlechts unverschämt beiseitegeschoben", regt sich im Jahr 1318 der damalige Erzbischof von York, William Melton (gestorben 1340), auf. Demnach täuschte die Benediktinerschwester zuerst eine Krankheit und dann ihren Tod vor. "Mit Hilfe von vielen Komplizen und Übeltätern" baute sie eine Puppe "in der Gestalt ihres Körpers" und ließ diese dann auf dem Friedhof bestatten. Danach floh sie aus dem Kloster und wandte "in gerissener und schädlicher Weise dem Anstand und der Religion den Rücken zu." Der Bischof beschreibt weiter: "Von der Unzüchtigkeit verführt, pervertierte sie ihren Lebensweg hin zur fleischlichen Lust und weg von Armut und Gehorsam. Jetzt schweift sie umher, eine berüchtigte Gefahr für ihre Seele und ein Skandal für alle ihres Ordens."

Auszug aus einem mittelalterlichen Register.

Diese Geschichte aus dem 14. Jahrhundert fanden Forscher der britischen Universität York in einem alten in lateinischer Sprache geführten Register aus dem Mittelalter. Mitarbeiter trugen diese dicken Pergamentbände der Erzbischöfe auf deren Reisen mit sich und notierten darin die Amtsgeschäfte. Die erwähnte Episode kommt als Randnotiz in einem Register William Meltons vor, denn der Bischof schreibt sie dem Dekan von Beverly. In diese Stadt sollte sich die flüchtige Nonne aufgemacht haben. Meltons Anweisung: Sie aufspüren und in ihr Kloster zurückzubeordern. Ob Joan von Leeds den Rest ihres Lebens der Fleischeslust gefrönt oder bald zu ihrem Orden zurückkam, ist nicht bekannt. "Das ist wirklich frustrierend", gibt Forscherin Sarah Rees Jones zu. "Es gibt viele Fälle von Nonnen und Mönchen, die ihre Klöster verlassen. Wir kommen nicht immer dahinter, wie deren Geschichten ausgegangen sind."

Erzbischöfe in vielen Rollen

Rees Jones arbeitet mit Kollegen daran, die lateinischen Texte zu übersetzen und die Register zu digitalisieren. Die Forscher versprechen sich davon neue Erkenntnisse über das Leben im Mittelalter: "Erzbischöfe hatten sehr viele verschiedene Rollen", erklärt die Professorin für mittelalterliche Geschichte. "Sie waren Diplomaten, schlichteten Streitigkeiten des Alltags, inspizierten Klöster und kümmerten sich um eigensinnige Nonnen und Mönche."

Derer gab es anscheinend einige: So berichtet ein Register im Jahr 1301 von einer Nonne, die am Klostertor "bestimmte Männer" traf, die ein gesatteltes Pferd mitgebracht hatten. Sie warf ihren Habit ab, zog sich weltliche Kleidung an und ritt mit den Männern davon, um ihren Geliebten zu treffen, mit dem sie die nächsten drei Jahre zusammenlebte. "Oft wollten die flüchtigen Ordensleute nicht mehr zölibatär leben", führt Rees Jones aus, "sie wollten eine Beziehung haben und heiraten". Das könnte daran liegen, dass im Mittelalter Mädchen ab dem Alter von 14 Jahren einem Kloster beitreten durften – und dazu nicht selten von ihren Eltern gedrängt wurden. Denn eine arrangierte Heirat, der Eintritt in ein Kloster oder die Arbeit in Haushalt, auf dem Feld oder in einem Geschäft waren für Frauen die einzig denkbaren Lebenswege.

Die Priesterarmee

Doch neben pikanten Fußnoten aus dem Klosteralltag haben die Forscher auch spannende Episoden aus dem Leben des Erzbischofs gefunden: William Melton führte im Jahr 1319 eine Armee aus Priestern und Bürgern an, um York im Kampf gegen die Schotten zu verteidigen. Die Stadt war strategisch wichtig an der Frontlinie im schottischen Unabhängigkeitskrieg. Der Erzbischof war aber nicht besonders erfolgreich: 4.000 Männer seiner Truppe wurden auf dem Schlachtfeld getötet, weitere 1.000 ertranken wohl bei der Flucht in einem Fluss.

Archivar Gary Brannan mit Professorin Sarah Rees Jones.

Doch nicht nur Kriege machten Kirchenfürsten wie William Melton zu schaffen: Zwischen 1347 und 1351 wütete in England die Pest, 60 Prozent der Bevölkerung starben daran. "In heutigen Maßstäben würde das dem Tod von 40 Millionen Briten innerhalb von fünf Jahren entsprechen", erläutert Rees Jones. Das habe leere Klöster und entvölkerte Dörfer bedeutet. "Priester sein war damals einer der gefährlichsten Jobs Europas, denn die Geistlichen haben die Kranken besucht und an Totenbetten die letzte Ölung vollzogen." Damit gingen sie das Risiko ein, sich anzustecken.

Doch der "Schwarze Tod" bedeutete auch in anderer Hinsicht einen Wandel in der Kirche des Mittelalters: Durch den Tod vieler Priester gab es nicht mehr so viele Menschen, die des Lateinischen mächtig waren. "Da es keine Übersetzer gab, mussten Predigten auf Englisch veröffentlicht werden." Die Pest war also ein Schritt hin zu einer stärkeren Verwendung der Landessprache in der Kirche.

Von Christoph Paul Hartmann