Die Kirche lässt sich den Mund nicht verbieten
Religion und Politik in der Schweiz

Die Kirche lässt sich den Mund nicht verbieten

In der Schweiz will sich ein neuer Thinktank mit den Themen Kirche und Politik beschäftigen – und das stößt manchen Eidgenossen sauer auf. Denn es geht um das Grundverständnis der Schweizer Kirche, in der die Laien viele Möglichkeiten zur Mitbestimmung haben.

Von Christoph Paul Hartmann |  Zürich - 04.02.2019

Schon der erste Satz der Schweizer Verfassung ruft "Im Namen Gottes des Allmächtigen!" Doch welche Rolle die Religion und damit die Kirche in der politischen Diskussion spielen soll, ist strittig. Der Präsident der christlich-demokratischen Volkspartei (CVP), Gerhard Pfister, hat einen Thinktank "Kirche/Politik" eingerichtet und sich dazu unter anderem die katholische Theologin und Politikerin Béatrice Acklin mit ins Boot geholt. Pfister störte sich in einem Artikel im Zürcher "Tages-Anzeiger" an der politischen Rolle der Kirchen. Es sei zwar ihre Aufgabe, auf Normen hinzuweisen, sie sollten sich aber nicht zur Tagespolitik äußern. Wörtlich sagte er: "Wenn wir Religion und Politik nicht trennen, nähern wir uns dem Gottesstaat."

Da widerspricht ihm Franziska Driessen-Reding ganz entschieden: "Das ist natürlich Polemik, da brauchte er ein bisschen Aufmerksamkeit. Wir haben hier keine Staatsreligion, sondern eine klare Trennung von Kirche und Staat." Auf einem Weg zum Gottesstaat sei die Schweiz ganz sicher nicht, aber: "Die Kirche muss sich äußern und sie hat sich schon immer geäußert", sagt die Synodalratspräsidentin im Kanton Zürich und ebenfalls CVP-Mitglied, "wir wollen uns die Stimme nicht verbieten lassen, tun das aber auch den anderen nicht an." So steht sie auch dem neuen Thinktank gegenüber: "Ich sage jetzt von mir aus sicher nicht: 'Die dürfen sich nicht äußern.'"

Franziska Driessen-Reding, die Präsidentin des Synodalrats im Kanton Zürich.

Mitinitiatorin Béatrice Acklin wehrt sich gegen den Verdacht, dass der Kirche mit dem neuen Thinktank ein Maulkorb verpasst werden soll: "Die Kirche soll sicher nicht die Klappe halten. Im Gegenteil", sagte sie gegenüber dem Schweizer Radio und Fernsehen. Die Frage sei eher das "wie". Bei Abstimmungen eine klare Parole herauszugeben, sei sicher falsch, findet Acklin. Auch hier wiederspricht Driessen-Reding: "Zeigen Sie mir mal den Pfarrer, der sowas macht." Vielmehr hat sie durchaus den Verdacht, dass ein paar Politiker, die sich nicht gern reinreden lassen, ein Gremium zu ihren Gunsten aufbauen. Denn die Kirche versuche nicht, in irgendetwas hereinzureden und bevorzuge auch keine Partei. "Aber unsere Grundlage ist das Evangelium. Wenn wir unsere Stimme für die Schwächsten erheben, dann ist das deshalb unsere Pflicht." Besonders im Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik sei es wichtig, dass die Kirchen für die Schwachen Position beziehen – sonst tue das ja keiner. Deshalb müsse Kirche politisch sein – und Driessen-Reding ist dafür selbst ein Beispiel: Vergangenen Herbst machte sie mit dem Satz "Ein guter Christ kann nicht SVP wählen" von sich reden und zielte damit auf die rechtspopulistische Schweizerische Volkspartei, die unter anderem mit ihrer Initiative für ein Minarettverbot über die Grenzen der Schweiz hinaus von sich reden gemacht hat. Für ihr Zitat wurde die Synodalratspräsidentin angegriffen, steht aber bis heute dazu. Sie habe keine Parteipolitik gemacht, sondern mit Blick auf die Flüchtlingspolitik direkt auf das Johannesevangelium verwiesen, in dem es heißt: "Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen." (Joh 14,2)

Diskussion ist immer gut

Eigentlich findet Franziska Driessen-Reding den neuen Thinktank gar nicht schlecht, denn Diskussion sei immer gut, sagt sie. Die Kirche sei in der schweizerischen Gesellschaft bisher kein großes Thema: "Die Diskussion wird zu oft auf das Private minimiert, man tauscht sich in der Gesellschaft nicht über den Glauben aus", beklagt sie.

Den Grund dafür sieht der sozialdemokratische Politiker und Parlamentsabgeordnete Philipp Hadorn bei den Kirchen selbst: "Ich persönlich schätzte es, dass sich die Kirchen bis vor wenigen Jahrzehnten noch häufiger zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen äußerten. In den vergangenen Jahren ist eine große Zurückhaltung entstanden." Das größer gewordene Schweigen der Kirchen erklärt sich Hadorn damit, dass es immer wieder Gegenwind für Positionen der Kirche gab und dadurch die Kirche vorsichtiger geworden ist. Dabei sei die Meinung der Kirche wichtig für den demokratischen Meinungsfindungsprozess, sagt er. Aber: "Eine große Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer interessiert sich nach meiner Einschätzung kaum für die Rolle der Kirche in der Gesellschaft", beobachtet er, Kirche sei für viele nur Privatsache. Das habe auf der einen Seite mit der voranschreitenden Säkularisierung zu tun, allerdings auch damit, dass das Land multikultureller geworden sei, auch innerhalb der kirchlichen Gemeinschaften. Das merkt Hadorn an sich selbst: "Ich bin seit Geburt Mitglied der reformierten Kirche, engagiere mich auch als Mitglied in der evangelisch-methodistischen Kirche, bin in einer Täufergemeinde aufgewachsen und lebe in einem katholischen Kanton. So lernte ich die Vielfalt der Kirchen kennen und schätzen."

Etwas kleiner, etwas spezieller

Bei der Diskussion um die Rolle der Kirche in der Schweizer Gesellschaft moniert Driessen-Reding, dass oft gar nicht klar sei, wer mit "der Kirche" eigentlich gemeint sei: Normale Gläubige, Engagierte oder nur Priester? Denn die Verfasstheit der Schweizer Kirche ist weltweit besonders: Wer als Katholik in die Schweiz fährt, wird dort im Gemeindeleben keine großen Unterschiede zu den deutschen Verhältnissen feststellen. Allerdings ist die Kirche grundlegend anders organisiert: "Bei uns ist alles etwas kleiner und etwas spezieller", sagt Driessen-Reding mit einem Schmunzeln. Denn in der Schweiz geht das Geld aus der Kirchensteuer nicht an die Bischöfe, sondern an die Laien. Neben den Bischöfen mit ihren Diözesen gibt es gewählte Laienvertretungen, die die Kirchensteuer erhalten und verteilen. Im Kanton Zürich gibt es beispielsweise eine Synode, ein demokratisch gewähltes Kirchenparlament. Diese Synode wählt dann als Exekutive den Synodalrat. Diese Prinzip setzt sich bis in die Gemeindeebene fort, wo dem Pfarrer ebenfalls eine gewählte Laienvertretung gleichberechtigt gegenübersteht, die die Finanzmittel nach ihren Prioritäten verteilt. In anderen Kantonen – bezeichnend für die Schweiz – ist es zum Teil etwas anders organisiert, das Grundprinzip ist aber ähnlich.

Das Kanton Zürich galt mal als protestantische Hochburg. Heute sind die beiden großen Konfessionen fast gleichauf - auf niedrigem Niveau.

Die Laien verteilen also das Geld und die Geistlichen sorgen für die Pastoral. Das kann natürlich zu Meinungsverschiedenheiten führen. "Die Reibereien und die Diskussion sind notwendig", sagt Franziska Driessen-Reding, "wir kennen Konflikte, aber das Plus überwiegt." Denn so müssten sich die Seelsorger nicht mit den Finanzen herumschlagen, das sei für alle eine Entlastung. Außerdem beuge dieses duale System Machtmissbrauch vor – denn so viel Macht haben die Bischöfe nicht: "Wir haben ein natürliches Korrektiv und das ist sehr wertvoll – dank unserer direkten Demokratie." Dieses System, bemerkt Driessen-Reding nicht ohne Stolz, sei in dieser Form weltweit einzigartig. In der schweizerischen Kirche gäbe es zwischen den Laien und zwischen Laien und Geistlichen einen Austausch über Machtsysteme und die Verteilung von Geldern: "Das sind Diskussionen, die so andernorts nicht geführt werden, weil es über das Geld nichts zu regulieren gibt."

Damit das Zusammenspiel zwischen Priestern und Laien funktioniert, sei es für beide Seiten aber wichtig, die Grenzen der eigenen Kompetenzen zu kennen. Wenn der Pfarrer in seiner Kirche kein Rockkonzert wolle, dann gäbe es keins, denn die Kirche ist der Verfügungsraum des Pfarrers. Andererseits gelte aber auch: "Wenn der Pfarrer aber sagt: 'Für das Ferienlager gibt es kein Geld, weil da Jugendliche mitfahren, die ich in der Kirche gar nie sehe', dann sagen die Laien: Das ist uns egal. Wir wissen, dass sie es sich verdient haben, die sollen fahren."

Die Doppelstrukturen in der Schweizer Kirche sorgen also für mehr Mitbestimmung der Laien und damit auch für eine größere Bereitschaft von deren Vertretern, in gesellschaftlichen Diskussionen die Stimme zu erheben. In dem laizistisch geprägten Land spielen die Kirchen eine wahrnehmbare Rolle im gesellschaftlichen Leben, wenn auch in der Schweizer Gesellschaft der Anteil der Kirchenmitglieder in der Gesellschaft schrumpft. Diese Rolle sorgt bei Kirchen-Vertretern wie Franziska Driessen-Reding für das Selbstbewusstsein, auch in politischen Themen das Wort zu ergreifen und sich nicht den Mund verbieten zu lassen.

Von Christoph Paul Hartmann