"Die Mundkommunion ist nicht das drängende Thema"
Ein Interview über Problemfelder in der Eucharistiefeier

"Die Mundkommunion ist nicht das drängende Thema"

Kardinal Robert Sarah fordert die Mundkommunion. Für Deutschland sei das Thema aber nicht relevant, sagt Theologe Martin Stuflesser. Im katholisch.de-Interview berichtet er über ganz andere Probleme.

Von Tobias Glenz |  Bonn/Würzburg - 22.03.2018

Mundkommunion, Zelebrationsrichtung "ad orientem", lateinische Sprache: Mit seinen Forderungen zur Liturgie hat der Präfekt der Gottesdienstkongregation, Kardinal Robert Sarah, in jüngster Zeit immer wieder für Aufsehen gesorgt. Aber spricht der Kardinal hier wirklich die drängenden Themen hinsichtlich der Eucharistiefeier an? Der Würzburger Liturgiewissenschaftler Martin Stuflesser jedenfalls sieht andere "Baustellen". Ein Interview.

Frage: Herr Stuflesser, Kardinal Robert Sarah hat kürzlich zur Praxis der Mundkommunion aufgerufen. Ein Thema, das auch Sie als Liturgiewissenschaftler beschäftigt?

Stuflesser: Natürlich beschäftigten uns alle Aussagen zur Liturgie, die aus Rom kommen, in irgendeiner Weise. Aber ich halte die Frage der Mundkommunion – zumindest was die Praxis der Eucharistiefeiern hier in Deutschland angeht – nicht für ein drängendes Problem. Mir scheint auch, dass es letztlich bei solchen Äußerungen gar nicht in erster Linie um die Art des Kommunionempfangs geht. Im Hintergrund schwingt da durchaus ein divergierendes Bild von Kirche, oder eine andere Ekklesiologie mit.

Frage: Heißt das, der Kardinal als oberster Liturgiker der Kirche vertritt ein anderes Kirchenbild?

Stuflesser: Es steht mir nicht zu, die Aussagen des Kardinals hier einer Wertung zu unterziehen, und das sehe ich auch nicht als meine Aufgabe an. Was ich aber schon interessant finde, ist, dass immer wieder gewisse Schlagworte vorkommen. Etwa, dass die Gläubigen doch eher in eine passive Rolle gedrängt werden sollen, dass sie Zuschauer sind, die sich in der Liturgie möglichst still und ruhig zu verhalten haben. Und so etwas widerspricht den Texten der Liturgiekonstitution des jüngsten Konzils diametral. Dort wird in Artikel 48 genau gesagt, dass die Gläubigen eben keine Zuschauer, keine Außenstehenden sind, sondern dass sie tätig an der Liturgie teilnehmen sollen. Insofern sehe ich hier einen gewissen Widerspruch zu dem, was das Konzil mit seiner Liturgiereform bewirken wollte.

Frage: Also ist eine Forderung wie die nach der Mundkommunion rückwärtsgewandt, vorkonziliar?

Stuflesser: Ich spreche ja erst mal nur für die Situation in Deutschland. Es mag sein, dass in anderen Gegenden der Welt die Frage nach der Form des Kommunionempfangs tatsächlich ein ganz drängendes Problem ist. Außerdem kann man die Aussagen des Kardinals auch positiv aufgreifen und fragen: Wie kann eine würdige Feier der Eucharistie gelingen? Und hier geht es natürlich auch um einen würdigen Kommunionempfang. Die Frage ist dabei aber nicht, ob Mund- oder Handkommunion – beides sind legitime Formen. Wer die Kommunion empfängt, sollte sich also nicht für die eine oder die andere Form rechtfertigen, gar schämen müssen. Die Form des Kommunionempfangs darf aber eben auch nicht zum vermeintlichen Test für Rechtgläubigkeit oder gar zum Kriegsschauplatz für kirchenpolitische Auseinandersetzungen werden. Denn ich glaube, man kann genauso würdig die Handkommunion praktizieren wie man eventuell unwürdig Mundkommunion praktizieren kann und umgekehrt. Bezüglich der derzeitigen Praxis der Kommunionspendung sehe ich ganz andere Baustellen.

Bild: © Privat

Martin Stuflesser ist Professor für Liturgiewissenschaft und Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Würzburg. Er ist Priester des Bistums Mainz und Berater der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Frage: Welche wären das?

Stuflesser: Eine ganz wichtige Frage ist die nach der vollen Zeichenhaftigkeit der Eucharistie. Im vergangenen Jahr wurden 500 Jahre Reformation gefeiert. Und eine der zentralen Forderungen der Reformatoren war der sogenannte Laienkelch. Ihr berechtigtes Anliegen lautete, dass zur vollen Zeichenhaftigkeit nicht nur die Kommunion unter der Brotgestalt gehört, sondern auch unter der Gestalt des konsekrierten Weines. Wenn man etwas flapsig ist, könnte man sagen, dass wir da – zumindest in Deutschland – in 500 Jahren nicht weitergekommen sind.

Frage: Warum ist der Laienkelch so wichtig? Ist Christus nicht in der Brotgestalt voll gegenwärtig?

Stuflesser: Das wird häufig als Gegenargument gebracht. Aber das ist insofern problematisch, weil es von vornherein von der "Minimalform" ausgeht. Hier wird ja nur noch – wie sich das in der hochscholastischen Sakramententheologie zugespitzt hat – danach gefragt, was ich brauche, um das Sakrament gültig und erlaubt zu feiern. Das sind sicherlich wichtige Kategorien, aber dem möchte ich die Kategorie "sinnvoll" hinzufügen: Wie kann ich dieses Sakrament sinnvoll so feiern, dass seine Zeichenhaftigkeit zum Ausdruck kommt? Da gehört der eucharistische Kelch unabdingbar dazu. Denn es geht hier theologisch um die Teilhabe am Blut Christi, das – wie es heißt – für uns vergossen wurde zur Vergebung der Sünden. Diese Teilhabe wird aber erst durch die Kelchkommunion sichtbar.

Frage: Ab wann wurde auf den Laienkelch verzichtet und warum?

Stuflesser: In den ersten neun Jahrhunderten war es selbstverständlich, dass die Kommunion unter beiderlei Gestalten empfangen wurde. Ab der Spätantike bzw. dem Frühmittelalter bildete sich dann ein übertriebenes Sündenbewusstsein der Gläubigen heraus, sodass sie aus Furcht, aus einem Unwürdigkeitsempfinden heraus nicht mehr zur Kommunion gegangen sind. Das ging einher mit einer Klerikalisierung, bis irgendwann nur noch die Priester kommunizierten. Die Laien mussten durch das Vierte Laterankonzil von 1215 sogar dazu angehalten werden, wenigstens einmal im Jahr zur Kommunion zu gehen – und das geschah nur noch unter der Brotgestalt.

Kardinal Robert Sarah
Bild: © KNA

Der Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Kardinal Robert Sarah.

Frage: Die Reformatoren wollten dann eine Rückkehr zur alten Praxis…

Stuflesser: Genau. Und erstaunlicherweise stand man von katholischer Seite der Laienkelchforderung zunächst durchaus wohlwollend gegenüber. Das Bistum Mainz etwa hat die Kelchkommunion sogar für einige Zeit wieder eingeführt. Aber dann, wenige Jahrzehnte später, war der Laienkelch zum Identifikationsmerkmal der Lutheraner geworden. Und man wollte sich von ihnen abgrenzen, indem man darauf verzichtete, nach dem Motto: Katholiken erkennt man daran, dass sie eben keine Kelchkommunion praktizieren. Ein seltsames Kriterium, wie ich finde.

Frage: Wann gab es hier einen Umbruch?

Stuflesser: Natürlich drängte bereits die Liturgische Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf die volle Zeichenhaftigkeit der Eucharistie. Das Zweite Vatikanische Konzil hat nun nicht explizit den Laienkelch gefordert, doch sprechen die nach dem Konzil reformierten Liturgiebücher eine deutliche Sprache: Zum Beispiel soll im Trauritus das Brautpaar die Kommunion unter beiderlei Gestalten empfangen, ebenso die Neugetauften in der Osternacht. In dem Zusammenhang ist immer von der "vollen Gestalt" der Eucharistie die Rede. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Kelchkommunion als quasi unverzichtbarer Bestandteil der Eucharistiefeier angesehen wird. Andere Länder sind da übrigens schon deutlich weiter als wir. In den USA habe ich erlebt, dass es dort in den Gemeinden selbstverständlich ist, dass die Kommunion unter beiden Gestalten gereicht wird. Die Kommunion unter beiderlei Gestalten ist grundsätzlich überall möglich, die Gemeinden müssen es nur wollen.

Frage: Sehen Sie bei der derzeitigen Praxis der Kommunionspendung noch weitere Probleme?

Stuflesser: Das zweite drängende Problem ist aus meiner Sicht die Kommunionspendung aus dem Tabernakel. Es ist liturgisch ganz klar reglementiert, dass das nicht so sein sollte. Der Tabernakel ist seit jeher als Aufbewahrungsort der Eucharistie für die Krankenkommunion und als Wegzehrung für die Sterbenden vorgesehen. Heute ist es zur Praxis geworden, in den Tabernakeln Hunderte von Hostien vorzuhalten und sie den Gläubigen in den Eucharistiefeiern zu spenden.

Frage: Ist es nicht "derselbe" Christus, egal, wann die Hostien konsekriert wurden?

Stuflesser: Auch hier geht es um die Zeichenhaftigkeit. Der Herr sagt zu uns: "Nehmt hin und esst, das ist mein Leib." Das heißt: Das Brot, das jetzt auf dem Altar steht, über dem das Hochgebet gesprochen wird mit Lob, Dank und Bitte, dieses konsekrierte Brot soll den Gläubigen gereicht werden. Das hat das Zweite Vatikanum deutlich gesagt: Es wünscht, dass die Gläubigen aus derselben Opferfeier den Herrenleib entgegennehmen. Auch in der neuen Grundordnung, die für das zukünftige Messbuch gültig sein wird, heißt es ganz klar: Die Gläubigen sollen die Hostien aus derselben Messe erhalten. Übrigens empfiehlt sie im selben Atemzug die Kelchkommunion. Durch beides soll die Teilhabe am Opfer Christi und der Kirche deutlicher zum Ausdruck kommen. Das führt natürlich auch zu der Frage, in welcher Form wir das eucharistische Brot eigentlich zu uns nehmen.

Bild: © KNA

Gängige Praxis: Eine Kommunionhelferin holt bei einem Gottesdienst aus dem geöffneten Tabernakel das Ziborium – den Speisekelch – mit den konsekrierten Hostien.

Frage: Können Sie das erläutern?

Stuflesser: Es gibt ein schönes Zitat, das dem Bochumer Fundamentaltheologen Hermann Josef Pottmeyer zugeschrieben wird: "Es ist ein größerer Glaubensakt, in der Hostie Brot zu erkennen, als in der Hostie den Leib Christi." Da ist was dran. Die Hostien, die heute verwendet werden, sind zumeist kleine runde Plättchen. Erkennt man darin wirklich Brot? Eher nicht. Außerdem gehört die Brotbrechung als Zeichen unabdingbar zur Eucharistiefeier dazu. Nicht umsonst hieß die ganze Feier in der frühen Kirche schlicht "Brotbrechen". Es geht darum, dass alle von dem einen gebrochenen Brot essen, das Christus ist, der sich wörtlich für uns am Kreuz zerbrechen ließ.

Frage: Sie plädieren also für andere Hostien?

Stuflesser: Man muss zumindest darüber nachdenken, welche Beschaffenheit des eucharistischen Brotes sinnvoll ist. Wenn ich eine große Hostie breche und mir vorstelle, dass sich die vielen Teile wie verschiedene Puzzleteile aneinanderfügen, erst dann wird wirklich deutlich, dass wir alle zum selben Leib Christi gehören. Um darauf aufmerksam zu machen, haben wir von der Würzburger Fakultät im vergangenen Jahr ein Pilotprojekt mit großen liturgischen Gefäßen gestartet, durch die möglichst alle von dem einen Brot essen und aus dem einen Kelch trinken können.

Frage: Sie sehen diverse "wunde Punkte" bezüglich der Art und Weise, wie Eucharistie gefeiert wird. Wie aber kann es hier zu einem Umdenken in den Gemeinden kommen?

Stuflesser: Ich plädiere dafür, im Sinne eines Qualitätsmanagements die eigenen liturgischen Feiern regelmäßig zu evaluieren und zu fragen: Warum machen wir das eigentlich so, und geht es nicht besser? Wenn wir die Eucharistiefeier als Höhepunkt unseres Glaubens ernstnehmen, dann kann uns keine Mühe, kein Nachdenken darüber, wie wir diese Feier noch sinnvoller, noch besser feiern können, zu viel sein. Und das Schöne ist: Jede Gemeinde kann und darf das selbst in die Hand nehmen.

Von Tobias Glenz