"Ein ganz bedeutendes Erbe"
Wie ein Mönchengladbacher Ehepaar Kirchenfenster rettet

"Ein ganz bedeutendes Erbe"

Bald wird die Kirche St. Barbara in Essen abgerissen. Ihre Fenster aber konnten gerettet werden – so wie schon rund 650 weitere. Ein Ehepaar aus Mönchengladbach hat sich den Erhalt zur Aufgabe gemacht.

Von Angelika Prauß (KNA) |  Mönchengladbach - 27.05.2018

Ein Frühsommertag wie er im Buche steht: Die Morgensonne scheint durch das Glasfenster in der Kirche Sankt Barbara in Essen-Frillendorf. Das bunte Licht der Scheibe mit dem heiligen Franziskus zaubert einen gelben und rötlichen Schimmer auf den Steinboden. Ein letztes Mal – so, als wollte sie sich noch einmal in ihrer ganzen Schönheit zeigen. Gleich werden Handwerker das Werk des Glaskünstlers Wilhelm de Graf entfernen, für immer.

Annette Jansen-Winkeln macht noch ein paar Fotos. "Schönes Licht", murmelt die 63-Jährige mit brüchiger Stimme und muss erst mal schlucken. Dies sei die 13. katholische Kirche, die in Essen im Zuge des Strukturwandels abgerissen werde, erklärt die Kunsthistorikerin wehmütig, "ein unglaublicher Vorgang, was da passiert". Mit ihrem Mann, dem Mönchengladbacher Architekten Ernst Jansen-Winkeln, Sohn des gleichnamigen Glasmalers, verfolgt sie an diesem Morgen den Ausbau der Kirchenfenster. Die Eheleute haben die Fachfirma auf eigene Kosten beauftragt; rund 5.000 Euro ist ihnen allein die Rettung der Glaskunst in Sankt Barbara wert. "Wir können schlecht mit ansehen, wie Fenster weggeschmissen und Kirchen zerstört werden." Rund 650 Kunstwerke konnten sie so bislang vor der Abrissbirne bewahren.

Jede Scheibe ist ein Unikat

"Dass wir die Fenster in Sankt Barbara ausbauen können, ist schon eine Besonderheit. Man kann die Bilder ja nicht retten, wenn man kein Eigentümer ist", bedauert die Kunsthistorikerin. Sie vermisst das Gespür der Kirchenverwaltung, wenn es um das Aufgeben von Gotteshäusern geht. Jede Scheibe sei schließlich ein von der Gemeinde in Auftrag gegebenes Unikat – eigens für die räumlichen Gegebenheiten und Lichtverhältnisse der jeweiligen Kirche geschaffen.

Ernst und Annette Jansen-Winkeln in der Kirche Sankt Barbara in Essen.

Viele Gemeindemitglieder entwickelten eine besondere Beziehung zu "ihren" Fenstern, verweilten dort auch im Gebet. "Je länger man davor sitzt, desto mehr berührt es einen; umso weniger kann man sich vorstellen, dass das einfach abgerissen wird." Weil Sankt Barbara im Zweiten Weltkrieg zerstört und dann 1952 wiederaufgebaut wurde, steht die Kirche wie viele andere Gotteshäuser aus dieser Zeit nicht unter Denkmalschutz.

Auf die Kirche ist Jansen-Winkeln derzeit nicht gut zu sprechen. Gemeinden müssten meist hilflos mit ansehen, wie ihr Gotteshaus mitsamt der wertvollen Scheiben dem Abriss geweiht ist. "Die Fenster gehören nicht dem Bistum, das den Abriss anordnet, sondern der Gemeinde", stellt die Mönchengladbacherin klar. Sie wird bei drohenden Kirchenschließungen immer wieder um Rat gefragt. "Ich verstehe nicht, warum das Bistum den Gemeinden nicht die Chance gibt, die Fenster zu retten. Sie können bestimmen, was damit geschieht – nicht der Bischof oder kirchliche Verwaltungsstellen!" Sie plädiert für eine "zeitliche Schutzzone", damit Kirchenvorstände Zeit haben, über eine andere Verwendung – etwa in Gemeindehäusern – nachzudenken.

Manche Kirchen werden ausgeplündert

Schließlich dokumentierten die kirchlichen Glasmalereien lokale Kulturgeschichte "und müssten deshalb auch in der Region bleiben". Das Ehepaar Jansen-Winkeln beobachtet, dass manche Kirche mittlerweile – mitunter sogar vor der Profanierung – ausgeplündert und das Inventar beispielsweise nach Polen geschafft wird. Gerade Fenster dürften nicht ins Ausland gelangen, "da müsste das Kulturgutschutzgesetz greifen", fordert Annette Jansen-Winkeln.

Linktipp

Weitere Informationen zum Engagement von Annett und Ernst Jansen-Winkeln finden Sie auf der Internetseite der von ihnen gegründetene Europäischen Akademie für Glasmalerei.

Derweil schlagen die zwei Handwerker am Bild des heiligen Franziskus konzentriert den Putz ab, um die Eisenarmierung – die Querstreben, die das Fenster stabilisieren – und die Windeisen aus der Verankerung zu lösen. Die grauen Putzstücke liegen, eingetaucht in buntes Licht, über den Kirchenboden verteilt. Wenig später werden die drei Teile des Kunstwerks vorsichtig angehoben und schließlich verladen. Ihre künftige Bleibe: das leer geräumte Parkdeck einer Tiefgarage in Mönchengladbach. Dort lagert das Ehepaar Jansen-Winkeln derzeit die über 650 ausgebauten Fenster aus katholischen und evangelischen Kirchen, darunter auch Scheiben des im Januar abgerissenen Immenrather Doms. Vorübergehend, wie die Kunsthistorikerin betont. "Sie sollen nicht im Keller oder im Privatbereich verschwinden, sondern wieder in den öffentlichen Raum zurückkommen."

Die Glasmalerei als Lebensthema

Viele Menschen sollen die bunten Lichtspiele erleben können. Annette Jansen-Winkeln gerät ins Schwärmen, wenn sie darüber spricht, "wie Künstler den Raum beeinflusst und ein Farblicht hergestellt haben, das dem Raum einen ganz besonderen Charakter gibt". Viel technisches und künstlerisches Wissen werde benötigt, damit Glasfenster ihre ganze Wirkung entfalten könne. So müssten Windeisen und Eisenarmierung unauffällig "in die Komposition miteinfließen".

Die Glasmalerei ist für Jansen-Winkeln zu einer Art Lebensthema geworden. Sie hat 1982 über die Glasfenster ihres künftigen Schwiegervaters promoviert – damals ein absolutes Orchideenthema in der Kunstgeschichte. Und als Fenster von ihm mitsamt einem Kloster abgerissen werden sollten, wurde sie zum ersten Mal aktiv. 2006 begann sie schließlich damit, im Ruhrgebiet alle sakralen Glasmalereien zu erfassen – in Kirchen, Klöstern, Krankenhäusern, Schulen. Zehn Jahre später hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann sämtliche rund 100.000 Glasfenster in ganz Nordrhein-Westfalen in 40 Einzelbänden und eine eigens für die Zwecke der Forschungsstelle entwickelte Datenbank akribisch dokumentiert. Auch Luxemburg und das niederländische Limburg sind vollständig registriert.

Im Keller eines Studentenwohnheims in Mönchengladbach sind Kirchenfenster gelagert, die aus Kirchen entfernt werden mussten.

Unterstützt wird die Kirchenhistorikerin durch Heimatvereine und Menschen vor Ort, die eifrig Informationen über Künstler und Fenster beisteuerten. "Es sind nie Fachleute, die schreiben; es sind immer normale Bürger." Für die Expertin ein Indiz dafür, wie wichtig vielen Menschen "ihre" Kirchenfenster sind. Deshalb hat sich das Ehepaar schon einen neuen Wirkungsbereich ausgesucht: Mit orangefarbenen Punkten haben die beiden auf einer Karte potenzielle Ziele im Bistum Trier markiert. In rund 3.000 Kirchen und Kapellen möchten sie weitere 30.000 Glasmalereien erfassen.

Gläserne Zeugen einer dramatischen Entwicklung

Für die Mönchengladbacher sind diese Bilder "ein ganz bedeutendes Erbe". Um es zu erhalten, hat das Ehepaar 1993 die Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts gegründet. Ende 2016 riefen die beiden Kunstexperten die Europäische Akademie Glasmalerei ins Leben; die Stiftung dient der Erforschung und dem Erhalt der Glaskunst. Sie soll – in Kooperation mit verschiedenen Institutionen – das Anliegen auf den Weg bringen, damit es sich dauerhaft trägt. Die Kunsthistorikerin wünscht sich, dass die Fenster "gemeinschaftlich gesichert und gerettet werden können", etwa in Form einer Kirchenbaustiftung. "Ideal wäre eine Schonzeit von mindestens drei Generationen, bis die Werke Geschichte geworden sind und wir aus dem historischen Rückblick heraus zu objektiveren Beurteilungskriterien kommen, die den Erhalt an Ort und Stelle ermöglichen."

Die Fenster in dem ungewöhnlichen Tiefgaragen-Depot sind für Annette Jansen-Winkeln gläserne Zeugen einer dramatischen Entwicklung. Ihr Ausmaß werde erst so richtig greifbar, wenn man die vielen eingelagerten und zustaubenden Scheiben sieht. Auch ein bayerischer Bischof habe sich bei einem Besuch "begeistert und erschüttert zugleich" über die Sammlung gezeigt. Und die könnte demnächst noch größer werden, befürchtet die Expertin. "Die Welle der Kirchenschließungen im Erzbistum Köln fängt gerade erst an." Nur ungern möchte die Familie auch noch das zweite Parkdeck des von ihrem Mann gebauten Studentenwohnheims für das Einlagern von Fenstern zweckentfremden.

Von Angelika Prauß (KNA)