Eine rastlose Gottsucherin
Vor 75 Jahren starb die Philosophin und Mystikerin Simone Weil

Eine rastlose Gottsucherin

Eine "unbekannte Verrückte" sei sie gewesen, sagte Charles de Gaulle. "Eine Heilige" nannte sie dagegen der Dominikaner Jean-Marie Perrin. Bis heute bleibt Simone Weil eine rätselhafte, ja tragische Gestalt. Vor 75 Jahren starb sie.

Von Julia Grimminger (KNA) |  Bonn - 24.08.2018

Die Suche nach Gott war eine zentrale Antriebsfeder für Simone Weil. Das Leben der französischen Philosophin und Mystikerin war kurz und intensiv - radikal in Stil und Denken. Es endete vor 75 Jahren, am 24. August 1943, im Alter von nur 34 Jahren. Weil war rastlos auf der Suche nach Vernunft und Glauben, Mystik und Politik, Leid und Tod, Gerechtigkeit und Erlösung.

Sie wächst in großbürgerlichen Verhältnissen auf, kommt früh mit kommunistischen Ideen in Berührung. Religion gilt für sie als überholt und anachronistisch. Und doch handelt sie zeitlebens nach dem Prinzip der Nächstenliebe.

"In der christlichen Geistigkeit bin ich gewissermaßen geboren, groß geworden und immer geblieben", schreibt sie. Trotzdem sollte es Jahre bis zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben dauern. Nach dem Philosophiestudium wird sie zunächst Lehrerin in der Provinzstadt Le Puy. Sie engagiert sich in Gewerkschaften und publiziert in linken Zeitschriften. Ihr politisches Engagement lässt sie den Schuldienst quittieren. Sie hält sich 1932 in Deutschland auf und schreibt Aufsätze über die Gefahren des Faschismus.

"Die rote Jungfrau"

Es sind die Rätsel der modernen Welt, denen sich "die rote Jungfrau", wie Freunde sie nennen, stellen will. Sie sucht die Wirklichkeit dort, wo sie am wirklichsten ist: im Schmerz, im Leiden. Als Fabrikarbeiterin fühlt sie sich in das Schicksal des Proletariats ein. Sie lernt Hunger und Müdigkeit kennen, die Anrempelungen, die Arbeitshast und die Sorgen der Arbeitslosigkeit. Im "Tagebuch aus der Werkstatt" liefert sie einen erschütternden Beweis.

Während ihres Deutschlandaufenthaltes 1932 warnte Simone Weil vor dem Faschismus. Ein Jahr später waren die Nazis an der Macht.

Ihre Radikalität nimmt zu: Nach einem Urlaub in Portugal geht Weil 1936 nach Spanien, um an der Seite der Republikaner im Bürgerkrieg zu kämpfen. Kurze Zeit später kehrt sie schwer verletzt nach Frankreich zurück. Ein Genesungsaufenthalt in Italien bringt 1939 eine schicksalhafte Wende. "Christus ist herabgestiegen und hat mich in Besitz genommen", erzählt sie Jean-Marie Perrin, einem Dominikanerpater, der von nun an neben dem katholischen Philosophen Gustave Thibon ihr wichtigster Vertrauter und spiritueller Freund wird. In den folgenden Jahren beschreibt sie immer wieder Christus-Visionen: "Er trat in mein Zimmer und sagte: 'Elendes Geschöpf, du verstehst nichts, du weißt nichts! Komm mit mir, und ich werde dich Dinge lehren, von denen du keine Ahnung hast'."

Während des Zweiten Weltkriegs flieht die Jüdin kurze Zeit in die USA, geht dann nach England, wo sie zeitweilig mit Charles de Gaulle zusammenarbeitet. Die Frage des christlichen Glaubens wird hierbei immer dringender. In einem Brief "lettre a un religieux" (Brief an einen Ordensmann) stellt sie sich unvoreingenommen dem Katholizismus, äußert aber auch ihre Vorbehalte gegenüber der Kirche als Institution.

Tod im Sanatorium

Jahrelang wird sie von Kopfschmerzen geplagt. Trotz ihres schwachen Gesundheitszustands hungert sie im Krieg aus Solidarität mit ihren französischen Landsleuten. Im April 1943 wird sie in eine Klinik eingeliefert. Ihr Zustand verschlechtert sich zusehends. Sie stirbt am 24. August 1943 in einem Sanatorium in Ashford in der Grafschaft Kent an Tuberkulose. Ein Priester aus London wird durch einen Bombenangriff gehindert, zu ihr zu kommen. Kurz vor ihrem Tod soll sie von einer Freundin getauft worden sein. In ihren Aufzeichnungen findet sich allerdings kein Hinweis.

Viele Leser fand sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch den posthumen Band "Schwerkraft und Gnade". Wie wichtig naturwissenschaftliche Denkmodelle als Basis von Weils Überlegungen sind, zeigen ihre Tagebücher, die sogenannten Cahiers. Darin spannt sie den Bogen von Max Plancks Quantentheorie bis zu den Lehren tibetanischer Mönche. Ihre christlich-mystische Wende nach schweren politischen Enttäuschungen hat ihr Werk in den Augen vieler Linker entwertet.

Dieser Eindruck wurde auch durch eine einseitige editorische Praxis begünstigt: Zunächst wurden ihre religiösen Werke veröffentlicht, später erst die politischen Schriften. In religiöser Hinsicht ist ihr Denken beispielhaft für eine weltökumenische Offenheit, wobei sie die Einheit von Religion und Politik nie aufgibt.

Von Julia Grimminger (KNA)