Eine alte Teufelsdarstellung
Himmel, Hölle, Fegefeuer: Ein Plädoyer für mehr Jenseits

Gott sei Dank gibt es die Hölle!

Die Hölle ist aus der Mode gekommen. So richtig fürchtet sich kaum einer vor den letzten Dingen, vor Fegefeuer, Gericht und Hölle – dabei wäre die Vorstellung einer Welt ohne Hölle selbst die Hölle.

Von Philipp Spahn |  Frankfurt am Main - 02.03.2019

"Das Böse hat Angst", meinte Papst Franziskus vor kurzem. Und der Mensch? Was ist mit der Angst der Menschen vor dem Bösen, vor der möglichen Verdammnis, der Hölle?

Weltliteratur ist selten leicht verständlich. Dante ist so ein Fall. In seiner Göttlichen Komödie führt er den Leser in einhundert Gesängen durch die Hölle über das Fegefeuer hinauf in den Himmel. Dante starb 1321. Eine ziemlich antiquierte Vorstellung vom Jenseits, mindestens so schwer bekömmlich wie Dantes Meisterwerk. Oder etwa nicht?

Die Hölle hat ausgedient, so scheint es. Zwar spricht der Papst, wie jetzt gerade wieder, oft vom Teufel und von der Hölle. Auch der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt nach wie vor die finstre mittelalterliche Jenseitsvorstellung. Nur so recht glauben wollen heute daran die wenigsten Schäfchen.

Nur Schauermärchen?

Die Hölle, das Fegefeuer: Das sind doch Schauermärchen. Klerikale Versuche, die Gläubigen zu domestizieren. Wie oft ist zu hören, Generationen von Kindern seien mit der Angst vor der Hölle und Qualen im Fegefeuer erzogen worden, in den Beichtstuhl gezwungen und konfrontiert mit Todsünden, kein Entrinnen vor der ewigen Verdammnis, sofern nicht schon das irdische Leben in den Fußspuren der Heiligen verläuft. Deshalb wünschen sich Kirchenkritiker für sich selbst und uns armen Teufeln, die wir noch an solches glauben, auch: "Heidenspaß statt Höllenqual". Wie aufmerksam.

Dantes Göttliche Komödie

So stellte sich Dante die Hölle vor – keine schöne Vorstellung: Damit zu drohen, ist heute out.

Dabei ist es doch in Wirklichkeit so: Die letzten zwei Generationen wurden nur noch selten mit der Hölle konfrontiert. Helikoptereltern drohen ihren Kindern schließlich nicht und würden es keinesfalls zulassen, würde ein Fremder sich derartiges anmaßen. Und schon das Fegefeuer ist seit längerer Zeit in der Pädagogik unpopulär. Kaum einer spricht noch davon außer dem Papst natürlich.

Himmel, Fegefeuer und Hölle – nach wie vor Teil des Glaubens

Aber dass niemand mehr von der Hölle und vom Fegefeuer spricht, macht es nicht besser. Entweder sie sind Teil des Glaubens oder eben nicht. Papst Benedikt XVI. stellte zwar 2007 fest, dass der Limbus, die Vorhölle für ungetaufte Kleinkinder – die Dante übrigens auch kennt –kein Bestandteil der kirchlichen Lehre sei. An der Hölle hingegen rüttelte er nicht. Die Trias aus Himmel, Fegefeuer und Hölle ist weiterhin offizielle Lehre der Kirche. Und an dieser Trias festzuhalten, ist auch vernünftig.

Als Gott den Menschen schuf, billigte er ihm zu, seine Entscheidungen frei zu treffen. Niemand ist die Marionette des Schöpfers, sein Schicksal nimmt jeder selbst in die Hand. Vielleicht ist das die Besonderheit des christlichen Glaubens: Gott lässt den Menschen gewähren, aber nie verlässt er ihn. Diese Freiheit geben wir nicht zusammen mit dem Löffel ab.

Alles hat seinen Preis

Der Himmel ist das Ja des Menschen zum Angebot Gottes, die Ewigkeit mit ihm zu teilen. Selbstverständlich ist dieses Angebot nicht einfach so zu haben. Alles hat seinen Preis. Nur weil Gott den Menschen frei geschaffen hat, kann dieser auch sündigen. Im Himmel aber sind alle Heilige, frei von Sünde. Sich von der Sünde im Purgatorium reinzuwaschen ist ein großartiger Gnadenerweis, keine Folter eines sadistischen Gottes. Der Mensch ist es, der sich für sein Verhalten verantworten muss. Die Hölle hingegen ermöglicht das Nein des Menschen zur Ewigkeit mit Gott.

Ein Gott aber, der den Menschen in den Himmel zwingt, der dem Menschen keine Wahl lässt, weil die Hölle nicht existiert, ein Gott also, der die Freiheit seiner Geschöpfe am Ende doch nicht achtet – ein solcher Gott lehrt einen das Fürchten. Nicht die Hölle sollte Angst machen, sondern der Gedanke, dass es eine solche nicht gibt. Die Konsequenz wären handlungsunfähige Menschen, nur Puppen im Kasperletheater Gottes – eines zweifelhaften Gottes angesichts der Kriege und des Terrors, denn nicht mehr Menschen wären dafür verantwortlich, sondern ganz allein Gott. Erst die Möglichkeit der Entscheidung beinhaltet die Option, auch das Böse zu wählen. Gott sei Dank gibt es die Hölle!

Der Mensch kann sich nicht selbst erlösen

Weder Hölle noch Fegefeuer haben also ausgedient. Das Fegefeuer erinnert uns: Der Mensch kann sich nicht selbst erlösen. Aber er kann sich frei entscheiden, das Angebot der Erlösung anzunehmen. Das Fegefeuer zeugt so auch von der wunderbaren Hoffnung, dass die Hölle leer bleibt, weil niemand das überwältigende Angebot der Liebe Gottes ausschlägt. Die Hölle hingegen erinnert uns: Wir sind frei geschaffen. Wir können auch das Böse wählen, und sei's auf ewig. Niemand zwingt uns dazu, in Ewigkeit bei Gott zu verweilen.

Um mit einem anderen Stück Weltliteratur zu schließen: "So schreitet in dem engen Bretterhaus / Den ganzen Kreis der Schöpfung aus, / Und wandelt mit bedächt'ger Schnelle / Vom Himmel durch die Welt zur Hölle." Was sich der Direktor im Vorspiel auf dem Theater von Goethes Faust wünscht, sollten auch wir uns von der kirchlichen Verkündigung wünschen: Kostet den ganzen Kreis der Schöpfung aus! Denn nicht die Hölle macht Angst – sondern die Vorstellung, es könnte keine geben.

Von Philipp Spahn