Jürgen Habermas: Er denkt noch lange nicht ans Aufhören
Zum 90. Geburtstag des berühmten Philosophen

Jürgen Habermas: Er denkt noch lange nicht ans Aufhören

Er zählt zu den berühmtesten und bedeutendsten noch lebenden Denkern der Welt: Jürgen Habermas. Heute feiert der Philosoph und Soziologe seinen 90. Geburtstag. Auch im hohen Alter forscht Habermas weiter zur Beziehung zwischen Religion und Philosophie.

Von Fabian Brand |  Bonn - 18.06.2019

Mit neunzig Jahren denkt Jürgen Habermas noch lange nicht ans Aufhören. Während andere in diesem Alter schon längst mehrere Jahre im Ruhestand sind oder den Lebensabend in Zurückgezogenheit und Stille genießen, legt Habermas zu seinem Jubiläum eine neue Frucht seiner Arbeit vor. So hat der Suhrkamp-Verlag kürzlich in einer Pressemitteilung bekannt gemacht, dass im Herbst ein neues Buch von ihm erscheinen soll: 1.700 Seiten stark, zwei Bände, der Titel: "Auch eine Geschichte der Philosophie". Alleine diese Tatsache zeigt, dass man mit Jürgen Habermas rechnen muss – auch im hohen Alter verfolgt er die Entwicklungen der Gesellschaft aufmerksam und kommentiert, das darf man zumindest für das neue Werk erwarten. Zum Ehrentag soll ein Blick in seine Biographie geworfen werden: Wer ist dieser Mann, der mit einer so eindrucksvollen Lebensleistung aufwartet?

Jürgen Habermas wurde 1929 in Düsseldorf geboren, die Jugend war geprägt von der Machtergreifung der Nazis und dem Zweiten Weltkrieg. Nach dessen Ende begann Habermas seine Studien in Göttingen, Zürich und Bonn; er konzentrierte sich natürlich nicht nur auf ein Fach, sondern befasste sich mit einer ganzen Bandbreite von Philosophie, Geschichte, Psychologie und Literatur. Besonders seine Begegnung mit dem Diskursethiker Karl-Otto Apel, der seinerzeit in Bonn über Heidegger promovierte, war für Habermas ein prägendes und nachhaltiges Erlebnis. Als Martin Heidegger Anfang der 1950er Jahre seine "Einführung in die Metaphysik" veröffentlichte, fand sich bereits im Jahr der Veröffentlichung – es war 1953 – in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) eine Rezension desselben Werkes, die von einem gewissen Jürgen Habermas verfasst worden war. Dass sich Habermas gegenüber Heidegger damals schon sehr kritisch äußerte, zieht sich wie ein roter Faden durch seinen Lebenslauf; mit der Heidegger-Lektüre und einem kritischen Diskurs darüber wurde Habermas nie fertig.

1954 wurde er von der Bonner Universität mit einer Arbeit über Schelling promoviert, anschließend wechselte er in den journalistischen Bereich und war unter anderem für die FAZ und den Merkur als freier Mitarbeiter tätig. Nach Jahren als wissenschaftlicher Assistent in Frankfurt/Main, wo Habermas bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno forschte, berief man ihn 1964 als Nachfolger von Horkheimer auf den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie. Doch Habermas hielt es nicht lange in Frankfurt und schon 1971 verließ er die Universität, um in Starnberg zusammen mit Carl Friedrich von Weizsäcker das "Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt" zu leiten. Doch auch die Aufgabe als Instituts-Direktor war nur von kurzer Dauer und er wechselte 1983 abermals nach Frankfurt, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 den Lehrstuhl für Philosophie innehatte. Doch auch nach seinem Abschied aus dem aktiven Lehrbetrieb wurde es nicht ruhig um Habermas: Immer wieder meldete er sich zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen zu Wort und kommentierte sie nicht selten kritisch.

Bild: © KNA

Der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger und der renommierte Philosoph Jürgen Habermas trafen am 19. Januar 2004 zu einer Diskussionrunde in der Katholischen Akademie Bayern in München zusammen.

Das wissenschaftliche Wirken von Jürgen Habermas wurde mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt: Unter anderem erhielt er 2001 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, für sein Lebenswerk zeichnete man ihn 2004 mit dem Kyoto-Preis aus und jüngst wurde er mit dem großen deutsch-französischen Medienpreis geehrt (2018). All dies zeigt: Habermas ist einer der anerkanntesten und meist diskutiertesten Philosophen der Gegenwart.

Nimmt man das Denken von Jürgen Habermas in den Blick, so kann man nur versuchen, dies bruchstückhaft nachzuvollziehen. Zu vielschichtig und zu komplex sind seine Wortmeldungen, die er in den letzten Jahrzehnten immer wieder vorgelegt hat. Habermas ist keiner, der sich auf ein Thema konzentriert und sich alleine auf dieses beschränkt. Im Lauf seiner wissenschaftlichen Laufbahn hat er sich immer wieder den Weitblick bewahrt; Seitenblicke auf andere Disziplinen und in besonderer Weise die enge Verbindung zwischen Philosophie und Soziologie sind für sein Denken prägend. Fragt man nach dem Ausgangspunkt seiner Forschungsarbeiten, so ist es vor allem die Erfahrung des Nationalsozialismus gewesen, die Habermas von Jugend an nachhaltig geprägt hat.

Habermas wollte den Menschen die Furcht nehmen

In der Einleitung seiner "Philosophischen Texte" schreibt er: "Für uns war es nicht möglich, zu den Enthüllungen über die Verbrechen des NS-Regimes nicht Stellung zu nehmen, sei es defensiv oder in selbstkritischer Weise. (...) Für uns ist die politische Auseinandersetzung mit dem Faktum der breiten Zustimmung unserer Bevölkerung zum NS-Regime bis heute mehr als nur ein Thema unter anderen geblieben. (...) Die frühe Bundesrepublik war durch eine Kluft zwischen zerbrechlichen demokratischen Institutionen und kaum erschütterten autoritären Mentalitäten geprägt. Wie in fast allen Funktionsbereichen war auch im akademischen Betrieb die personelle Kontinuität ungebrochen. Die intellektuellen Vorreiter des alten Regimes hatten – bis auf wenige Ausnahmen – die Entnazifizierung unbeschädigt überstanden. Sie fühlten sich vor Kritik sicher und sahen keinen Grund zur Selbstkritik. Die personellen und geistigen Kontinuitäten, die sich unter der Decke eines Verdrängungsantikommunismus unbehelligt fortsetzten, haben auf der anderen Seite die Furcht vor einem Rückfall in die autoritären Verhaltensmuster und elitären Denkgewohnheiten des vordemokratischen Deutschlands wach gehalten – bei mir sogar bis in die frühen 80er Jahre hinein."

Aber Habermas war nicht daran gelegen, sich aufgrund dieser Erfahrungen in Schwarzmalerei zu verlieren. Viel entscheidender war für ihn der Gedanke, den Menschen die Furcht zu nehmen und in ihnen die Hoffnung auf eine gute Zukunft zu stärken. Als Nachfolger von Horkheimer und Adorno in der "Frankfurter Schule" war es Habermas ein Anliegen, die Verknüpfung von Philosophie und Sozialwissenschaften zu stärken und dadurch an einer demokratischeren und humaneren Gesellschaft zu arbeiten.

Für uns war es nicht möglich, zu den Enthüllungen über die Verbrechen des NS-Regimes nicht Stellung zu nehmen.

Zitat: Jürgen Habermas

Auch die Themen Religion und Christentum waren in den Arbeiten von Habermas zumindest in den letzten Jahren immer wieder präsent. Noch 1981 schloss er sich in seiner "Theorie des kommunikativen Handelns" der alten Säkularisierungsthese an, wonach die Religion nach und nach von selbst absterben würde. Doch Jahre später sprach Habermas von einem "postsäkularen" Zeitalter, bezeichnete sich selbst zwar (in Anlehnung an Max Weber) als "religiös unmusikalisch", erkannte aber doch allerhand positive Züge innerhalb des religiösen Systems, besonders in Fragen der Moral und Ethik. Im Gegensatz zur mittelalterlichen Annahme, die Philosophie sei eine bloße "Magd" der Theologie, drehte Habermas diese althergebrachte Verhältnisbestimmung und sprach sich für die Nutzung religiöser Traditionen in philosophisch-gesellschaftlichen Diskursen aus.

Ratzinger und Habermas: Näher als gedacht

In einem Gespräch mit Kardinal Joseph Ratzinger im Januar 2004 in der Katholischen Akademie in München jedenfalls äußert sich Habermas: "Säkularisierte Bürger dürfen, soweit sie in ihrer Rolle als Staatsbürger auftreten, weder religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotential absprechen, noch den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen. Eine liberale politische Kultur kann sogar von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie sich an Anstrengungen beteiligen, relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen." Dass Habermas und Ratzinger am Ende gar nicht so weit voneinander entfernt waren, zeigt, wie hoch der Philosoph den Einfluss der Religion auf das politisch-gesellschaftliche System doch einschätzte.

Es bleibt zu erwarten, wie sich Habermas in seinem neuen Buch, in dem es darum gehen wird, wie "die Philosophie sich sukzessive aus ihrer Symbiose mit der Religion gelöst und säkularisiert hat", so die Verlagsvorschau, weiter dazu äußern wird.

Von Fabian Brand