Kaum eine Messe ist kürzer
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Ein Dominikanerpater über die älteste Autobahnkirche

Kaum eine Messe ist kürzer

Sie ist rund um die Uhr geöffnet: Deutschlands älteste Autobahnkirche an der A8. Pater Wolfram Hoyer erklärt, was an ihr besonders ist, warum hier viele beichten - und wieso die Messen kurz sind.

Von Christopher Beschnitt (KNA) |  Adelsried - 26.08.2017

Diese Kirche kann man schlecht im Dorf lassen - denn sie steht in keinem Weiler, sondern direkt an der A8: "Maria, Schutz der Reisenden" bei Adelsried im Landkreis Augsburg ist Deutschlands älteste Autobahnkirche. Jetzt im Sommer besuchen sie besonders viele Menschen, dem Ferienverkehr sei Dank. So ist das schon seit 1958, dem Weihejahr der Kirche. 44 ähnliche Gotteshäuser gibt es heute in der Republik. Doch der Bau in Adelsried ist nicht nur wegen seines Alters besonders. Wieso, erklärt der zuständige Betreuer Wolfram Hoyer (48) im Interview. Zudem verrät der Dominikanerpater, weshalb seine Messen kaum kürzer sein könnten.

Frage: Pater Wolfram, welcher Eintrag im Anliegenbuch Ihrer Kirche ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Hoyer: Im Januar 2012 gab es die Havarie der "Costa Concordia"; das Kreuzfahrtschiff fuhr im Mittelmeer auf einen Felsen auf, 32 Menschen starben. Später ist ein Bus mit Überlebenden aus Deutschland auf der Reise gen Norden bei uns vorbeigekommen. Alle Mitfahrer haben sich ins Gästebuch eingetragen und dafür gedankt, dass sie noch da sind. Das hat mich berührt.

Frage: Was machen Sie mit solchen Aufzeichnungen?

Hoyer: Ich wandle sie meist in Fürbitten um. Wobei ich viel zusammenfasse, wegen der Wiederholungen. Wünsche nach einer sicheren Reise und einem erholsamen Urlaub gibt es nämlich ständig.

Frage: Sind diese das Hauptmotiv für einen Besuch in Ihrer Kirche?

Hoyer: Da gibt's schon auch andere Anliegen. Etwa bei den Pendlern: Einige von denen kehren fast jeden Morgen ein, um im kurzen Gebet Alltagssorgen loszuwerden. Viele Autofahrer kommen auch, um einfach mal Pause an einem stillen Ort zu machen, um Kraft zu tanken. Andere schätzen es, hier ein Beichtgespräch zu führen, weil ihnen die Anonymität einer weit von zu Hause entfernten Autobahnkirche lieber ist als die Vertrautheit in der Heimatgemeinde. Und was die Gottesdienste angeht, die ich sonn- und feiertags um 8, 10 und 18 Uhr feiere: Die haben natürlich ihren speziellen Reiz.

Pater Wolfram Hoyer in der Autobahnkirche Adelsried
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Pater Wolfram Hoyer in der Autobahnkirche Adelsried.

Frage: Welchen?

Hoyer: Sie sind nüchtern, kurz und knapp. Kaum eine Messe dürfte kürzer sein als meine, sie dauert meist nur eine gute halbe Stunde. Erstens habe ich ja keine Orgel und auch sonst kaum Musik zur Verfügung. Zweitens kann ich nur ein begrenztes Liedgut singen. Denn meine Gäste kommen ja von überall her - und jemand von der Nordseeküste kennt eben keine urbayerischen Melodien. Da bleibt dann nicht viel mehr als Schlager wie "Großer Gott, wir loben dich" oder "Maria, breit den Mantel aus". An drei Tagen im Jahr ist das allerdings anders.

Frage: Erzählen Sie!

Hoyer: Karfreitag, Osternacht und Christmette sind diese Ausnahmen, dann geht's auch in Adelsried höchst feierlich zu. Wer dann kommt, erwartet auch das volle Programm.

Frage: Wie viele Menschen kommen denn überhaupt nach "Maria, Schutz der Reisenden"?

Hoyer: Zwischen 100 und 150 am Tag, im Sommer mehr, im Winter weniger, und zu den drei Messen insgesamt 700 bis 800. Im Jahr haben wir geschätzt rund 500.000 Besucher, Tendenz steigend - weil ja auch der Autobahnverkehr zunimmt. Die meisten Gäste sind übrigens Männer. Sie sind eben in der Mehrzahl auf der Autobahn unterwegs, denken Sie nur an all die Lastwagenfahrer. Von denen kommen viele nachts her; die Kirche ist ja rund um die Uhr geöffnet.

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Frage: Wie gewährleisten Sie, dass in der Dunkelheit niemand Unfug treibt?

Hoyer: Wir haben gute Sicherheitssysteme. Und in der Kirche selbst ist es ja nie dunkel. Im Gegenteil, die ist abends und nachts wunderschön beleuchtet - schließlich ist sie das einzige Gotteshaus im ganzen Bistum Augsburg, das komplett mit LED-Licht ausgestrahlt wird. Und noch etwas macht unsere Kirche einzigartig.

Frage: Was denn?

Hoyer: Das große Holzkreuz in unserem Garten. Es ist das einzige Wegekreuz an einer deutschen Autobahn. Als wir es aufstellen wollten, musste erst geklärt werden, ob das nicht Werbung wäre - denn die ist an Autobahnen verboten. Aber wir haben die Erlaubnis letztlich bekommen, wofür ich sehr dankbar bin.

Frage: Zum Schluss ein Blick nach vorn: Nächstes Jahr wird Ihre Kirche 60. Planen Sie ein großes Fest?

Hoyer: Ich hoffe erst mal, dass bis dahin alle Umbauten abgeschlossen sind. In den vergangenen Jahren wurden die Kirche saniert, die Sakristei gebaut, der Parkplatz und die Anschlüsse neu hergerichtet, nun steht noch die Renovierung der Toiletten an. Und wenn der 60. Weihetag, der 12. Oktober 2018, dann da ist, dann wird's hier bloß einen größeren Gottesdienst geben. Der darf aber ruhig länger eine halbe Stunde dauern.

Von Christopher Beschnitt (KNA)

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