Pastoralreferent Martin Wichmann zeigt Erzbischof Stephan Burger die App zur Landesgartenschau.
Erster Referent für "Digitalisierung und Pastoral"

So nutzt das Erzbistum Freiburg die Digitalisierung für die Kirche

Die Digitalisierung macht auch vor der Kirche nicht halt – und das bedeutet viel mehr als Gottesdienste online finden und E-Mails statt Faxe im Pfarrbüro. Nur was genau? Damit beschäftigt sich Martin Wichmann ab Januar im Erzbistum Freiburg: Als erster Referent für "Pastoral und Digitalisierung".

Von Felix Neumann |  Freiburg/Lahr - 31.12.2018

"Der Wichmann ist beharrlich, haben die sich wohl gedacht, der bleibt dran" – so erklärt sich Martin Wichmann, wie man im Freiburger Ordinariat auf ihn kam, um die neue Stelle eines Referenten für "Digitalisierung und Pastoral" im Erzbistum zu besetzen. Denn eigentlich ist Wichmann Pastoralreferent. Der promovierte Theologe hat jahrelang in einer Seelsorgeeinheit im Schwarzwald das gemacht, was Pastoralreferenten eben machen: Seelsorge, Firmkatechese, Öffentlichkeitsarbeit – und er hat sich ordentlich in das Redaktionssystem für die Webseiten des Bistums reingehängt.

Die Erzdiözese stellt ihren Gemeinden und Einrichtungen das zentrale Content-Management-System "SESAM" zur Verfügung, um sich im Netz zu präsentieren, und wie so oft bei großen IT-Projekten: Nicht alle sind glücklich damit. Aber der Wichman war beharrlich. Immer wieder hat er den Verantwortlichen in Freiburg rückgemeldet, wo der Schuh drückt, Verbesserungsvorschläge gemacht, sich in die Materie eingearbeitet. Nach zehn Jahren wurde aus dem engagierten Anwender an der Basis schließlich offiziell im Auftrag des Generalvikars der Projektleiter für das Webprojekt des Erzbistums: "SESAM-Beauftragter" ist er seither – zur Zeit noch neben seiner Tätigkeit als Pastoralreferent in Lahr.

Übersetzungsarbeit zwischen Theorie und Praxis, Basis und Zentrale

Vieles an seiner Arbeit als SESAM-Beauftragter ist Übersetzung: Die Anwender in den Pfarrbüros sprechen eine andere Sprache als die Softwareentwickler, die für sie programmieren. Die Technikabteilung des Bistums hat ganz andere Vorstellungen von IT-Sicherheit und Alltagstauglichkeit als die Pastoralreferentin, die noch schnell abends einen Termin auf der Webseite aktualisieren will. Es hilft, Arbeitsabläufe aus erster Hand zu kennen, um die Software darauf abzustimmen. Diese Übersetzungsarbeit sieht er jetzt auch als eine seiner Aufgaben an der neuen Stelle.

Martin Wichmann ist SESAM-Beauftragter und schult die Mitarbeiter

"Web first" ist die Devise von Martin Wichmann: Der erste Zugangspunkt von immer mehr an der Kirche Interessierten ist die Webseite – deshalb macht er sich stark für das Webseiten-System des Erzbistums Freiburg, bringt die Entwicklung voran und schult Anwender.

Denn eins ist für ihn klar: Die verschiedenen Leute sprechen viel zu wenig miteinander. So will er sich auch in den heißen Debatten um Datenschutz in der Kirche zunächst nicht auf eine Seite schlagen und hat noch keine fertige Lösung, wie der Spagat geschafft werden kann zwischen Datenschutz und medial dahin gehen, wo die Leute sind. Er wünscht sich zuerst, dass sich Datenschützer und Jugendarbeiter, Pastoral und IT-Abteilungen an einen Tisch setzen, um die vielen Reibungsverluste abzubauen und praktisch handhabbare Kompromisse zu finden.

Im Gespräch benutzt Wichmann natürlich die schicken Buzzwords: "web first", "gamification", "augmented reality". Aber er kann es so erklären, dass es nicht abgehoben und abschreckend klingt. Man nimmt ihm ab, dass er mit dem Pfarrsekretär wie mit der Softwareentwicklerin verhandeln kann – und als langjähriger Pastoralreferent ist er auch nicht der von außen eingeflogene Berater, der weltfremde Lösungen verkaufen will. Der gemütliche badische Dialekt des 54-Jährigen tut da sein Übriges.

Augmented Reality bei der Landesgartenschau

Als die Landesgartenschau in Lahr gastierte, war Wichmann für den Kirchenauftritt zuständig. Statt eines festen Kirchenstandes gab es eine – Achtung, Buzzword! – Augmented-Reality-App: Auf dem gesamten Gelände der Ausstellung konnten die Besucher mit dem Smartphone und der App "up to you. Dein Wort zählt" Wünsche und Bitten in den Himmel steigen lassen. Mit der App kann man aber auch die Wünsche der anderen App-Nutzer am Himmel sehen: "augmented reality" bedeutet, mithilfe von Technik eine zusätzliche Informationsebene anzuzeigen: Das kann das Navigationsgerät sein, aber auch das Spiel, in dem man mit dem Handy in echten Landschaften virtuelle Monster jagt – oder eben die Fürbitten-App, mit der man bei der Landesgartenschau sieht, was andere Menschen bewegt – und sich vielleicht ihrem Gebet anschließt.

Screenshots aus der App "Up to you"

Mit dem Smartphone konnten Besucher der Landesgartenschau in Lahr mit der App "Up to you" Wünsche zum Himmel fliegen lassen – und die Wünsche der anderen Besucher sehen. Ein Beispiel für "augmented reality": Die Umgebung wird angereichert mit digitalen Inhalten.

Die App war ein großes Leuchtturmprojekt, eine große Ausnahme – sie hat aber auch Erfahrungswerte geschaffen, wie Menschen tatsächlich das Netz und ihr Smartphone nutzen. Dass man natürlich schicke Apps für viel Geld programmieren kann – aber wer installiert sich schon Apps? Die meisten nutzen ihr Smartphone für drei, vier bestimmte Funktionen. Gerade die typischen Kirchgänger haben oft nicht die modernsten Geräte, viele von ihnen konnten die Gartenschau-App gar nicht installieren. "Solche Gimmicks sind nett und gut", sagt Wichmann, "aber die eigentliche Frage ist doch: Was brauchen die Leute wirklich?"

Und da ist die Webseite einer Pfarrei für ihn viel wichtiger als preisverdächtige Leuchtturmprojekte – deshalb das Engagement für das Content-Management-System. Er spricht dabei vom "Web-first-Prinzip": Viele Reibungsverluste entstehen, wenn ständig die gleichen Daten eingegeben werden müssen, wenn der Gottesdienstkalender einmal fürs Pfarrblatt, einmal extra für die Webseite abgetippt werden muss – oft mit dem Ergebnis, dass kirchliche Webseiten nicht so aktuell sind, wie die Besucher es erwarten. Da sollte es doch genügen, die Daten nur einmal vorzuhalten und in verschiedenen Formaten ausgeben zu können. "Was im Netz steht, wird viel mehr wahrgenommen, als viele Kirchenleute denken", sagt Wichmann: Der Zugang über die Suchmaschine zur Pfarreiwebseite ist oft der erste Berührungspunkt, wenn Taufe, Hochzeit oder Beerdigung anstehen.

Pastorale Alltagsprobleme mit digitalen Mitteln lösen

Ein Projekt, das mit dem "Web-first-Prinzip" im Blick entstanden ist, ist der "digitale Gottesdienstanzeiger": Ein Monitor zeigt in der Lahrer Kirche St. Peter und Paul den Kalender der Gemeinde an – so ist stets aktuell zu sehen, wann und wo die Gottesdienste stattfinden. Zusätzlicher Aufwand entsteht den Gemeinden nicht: Die Daten sind ohnehin im System enthalten, wenn die Webseite gepflegt ist, ist automatisch auch der digitale Schaukasten aktuell – und auch die Kirchenbesucher sind informiert, die vielleicht gar kein Smartphone haben, auf der sie die nächste Vorabendmesse googeln könnten.

Martin Wichmann mit dem digitalen Gottesdienstanzeiger in Lahr

Seit Ende Juli empfängt ein digitaler Gottesdienstanzeiger die Besucher der Kirche St. Peter und Paul in Lahr. Hier bekommen Interessierte die Gottesdienste dieser und der benachbarten Kirche angezeigt - immer auf dem aktuellen Stand.

Damit gewinnt man wohl keine prestigeträchtigen Preise für Digitalisierung und kommt nicht in die Schlagzeilen – aber das Projekt hat einen klaren Nutzen, es bringt den Menschen etwas. Diesen Ansatz will Wichmann auch als Referent für Digitalisierung und Pastoral verfolgen. Nächstes Jahr tritt er die Stelle an – in Freiburg, in der Zentrale des Erzbistums, nicht in der Kleinstadt Lahr, wo er bisher war. Das bedauert er etwas: Zentral für ihn ist, was "in der Fläche" gebraucht wird – und in den Seelsorgeeinheiten stellen sich oft andere Fragen als im Ordinariat. Lösungen müssen auch im kleinen Pfarrbüro funktionieren, wo es keine Grafikabteilung gibt und statt spezialisierten Fachreferenten das Pastoralteam aus Allroundern mit vollen Terminkalendern besteht. Die großen digitalen Leuchtturmprojekte seines Bistums wie die Netzgemeinde da_zwischen findet er gut – aber damit erreicht man natürlich nicht alle Menschen, die sich für die Kirche interessieren. Genauso wenig wie mit einer Landesgartenschau-App.

Da ist immer noch die Sakramentenkatechese ein wichtiger Zugangspunkt. Gerade in der Arbeit mit jungen Menschen schlagen der digitale Wandel und gesellschaftliche Veränderungen voll durch. "Die klassische Firmgruppenstunde funktioniert nicht mehr", erzählt Wichmann: Schon einen Termin zu finden, an dem alle Zeit haben, ist fast unmöglich. In seiner Seelsorgeeinheit hat er bereits 2008 ein internetgestütztes Konzept der Firmvorbereitung eingeführt: Die Firmanden melden sich auf der Webseite der Pfarrei an. Ein halbes Jahr lang sollen sie sich mit dem christlichen Glauben beschäftigen, jede Woche etwa eine Stunde. Dazu sammeln sie bei Veranstaltungen Symbole für die drei Grundvollzüge der Kirche. Aus den Bereichen Gottesdienst, Verkündigung und Nächstenliebe müssen je zehn Symbole gesammelt werden. Auf den ersten Blick wirkt das Konzept wie die ungeliebten Stempelhefte, mit denen Firmanden beweisen müssen, dass sie genügend Sonntagsgottesdienste besucht haben.

Schritt für Schritt statt Leuchtturmprojekte

Tatsächlich ist das Konzept eine Möglichkeit, die vielen verschiedenen Tätigkeitsfelder in der Seelsorgeeinheit kennenzulernen; der spielerische Charakter motiviert die Jugendlichen, am Ball zu bleiben, die Flexibilität nimmt auf den vollen Terminkalender Rücksicht und ermöglicht, ein eigenes Profil zu entwickeln. Und es wirkt in die Gemeinde hinein: Manche Gruppe beschwert sich, keinen Nachwuchs zu finden – aber wenn es dann darum geht, ein für die Firmvorbereitung passendes Angebot anzubieten, stellen sie erst fest, warum das so ist, erzählt Wichmann. Die Firmung wird plötzlich Sache der ganzen Gemeinde – und nicht nur von wenigen Firmkatecheten: Der Chor, die Frauengemeinschaft, der Bibelkreis, der Kindergarten, das Altenheim, die Ministranten: Alle sind dabei. Das Konzept ist sehr erfolgreich: Mittlerweile hat sich die vielseitige Firmvorbereitung herumgesprochen. Oft gehen Anmeldungen zur Firmung schon ein (natürlich online), bevor die Gemeinde die Jugendlichen der zur Firmung anstehenden Jahrgänge angeschrieben hat.

Diese praktischen Erfahrungen bringt Wichmann nun in seine neue Stelle als Referent für Digitalisierung und Pastoral ein. Auch wenn noch nicht viel feststeht, was er da eigentlich genau macht: Wichmann geht es um den konkreten Nutzen, um umsetzbare Konzepte. Kleine, schrittweise Innovationen – und nicht medienwirksame einmalige Aktionen oder den großen theologischen Wurf. Auf die Frage einer Theologie der Digitalität angesprochen, wehrt er zunächst ab. "Wir Katholiken haben oft so eine kulturkritische Grundhaltung, da räsonieren dann Leute über etwas, was sie gar nicht kennen", erinnert er sich an manche Podiumsdiskussion zu Digitalisierungsthemen. Er will lieber offen ausprobieren, was sich bewährt, so wie die Kirche immer schon alle verfügbaren Techniken für ihren Auftrag genutzt hat. Die Digitalisierung ermöglicht andere Weltwahrnehmungen und Kommunikationen als bisher, sagt er: "Und darin liegt fürs Christliche vor allem eine Chance."

Von Felix Neumann