Söding verteidigt Ratzingers Theologie des Judentums
Emeritierter Papst wolle "verdeutlichen, versachlichen und vertiefen"

Söding verteidigt Ratzingers Theologie des Judentums

Stört der neue Aufsatz von Benedikt XVI. das christlich-jüdische Verhältnis? Legt er gar Grundlagen für einen neuen christlichen Antijudaismus? Der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding widerspricht.

Bonn/Berlin - 30.07.2018

Der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding verteidigt den neuen Aufsatz von Joseph Ratzinger zur Theologie des Judentums. In der aktuellen Ausgabe der Herder-Korrespondenz betont der Herausgeber von Communio, dass Ratzinger mit seinem Text "verdeutlichen, versachlichen und vertiefen" wolle. Diese Differenzierung solle "den jüdisch-christlichen Dialog nicht konterkarieren, sondern zeigen, wie tief die Erneuerung in der Schrift und in der Tradition begründet ist, ohne dass jüdisch-christliche Unterschiede verwischt würden."

Man müsse den Text von seinem Titel her lesen, so Söding weiter: Auf die dem Römerbrief entlehnte Überschrift "Gnade und Berufung ohne Reue" hin sei der gesamte Artikel geschrieben worden, "von ihm her soll er gelesen werden und deshalb nicht als Irritation, sondern als Inspiration des jüdisch-christlichen Gesprächs dienen."

Dabei betont Söding, "dass es antijüdisch wäre, den Sinai-Bund durch den Christus-Bund ersetzt zu sehen und Judenmission betreiben oder vorbereiten zu wollen." Man könne auch nicht bezweifeln, "dass auch jede Christologie, die exklusivistisch ist, dem Judentum die Luft zum Atmen nehmen würde."

Die in der Juni-Ausgage der Zeitschrift Communio erschienenen Anmerkungen Ratzingers zur christlichen Theologie des Judentums haben eine intensive Diskussion ausgelöst. Christliche Theologen wie der Jesuit und Judaist Christian Rutishauser und der Wuppertaler Dogmatiker Michael Böhnke haben den Aufsatz deutlich kritisiert und sehen darin einen Rückschritt im jüdisch-christlichen Verhältnis, der den Dialog beschädigen könnte. Vertreter des Judentums wie der Potsdamer Rabbiner Walter Homolka und der Schweizer Judaist David Bollag befürchten, dass mit dem Text eine neue Grundlage für Judenmission und christlichen Antijudaismus gelegt werde.

Innerkatholischer Diskussionsbeitrag

Wie Kardinal Kurt Koch, der die Veröffentlichung des Aufsatzes veranlasst hatte, und der Mitherausgeber von Communio, Jan-Heiner Tück, ordnet Söding den Text als innerkatholische Verständigung ein und erklärt damit, warum Ratzinger ausschließlich katholische Positionen reflektiert. Söding verweist dabei auf andere Publikationen des emeritierten Papstes, etwa seine Jesus-Bücher, in denen er eine derartige interreligiöse Auseinandersetzung suche. Zudem habe Benedikt in einem früheren Beitrag "den Juden eine eigene 'Sendung' in der Zeit zuerkannt".

Der Theologe, der bis 2014 Mitglied der päpstlichen Internationalen Theologenkommission war, sieht allerdings auch missverständliche Formulierungen in Ratzingers Aufsatz. So etwa lade die Formulierung, dass Tieropfer "notwendig" verschwänden und "an deren Stelle ('Substitution') die Eucharistie" träte, zu Missverständnissen ein. Die Kritik an der Formulierung einer "Umstiftung des Sinai-Bundes in den neuen Bund im Blute Jesu" müsse auch einbeziehen, dass für Ratzinger damit "dem Bund eine neue und für immer gültige Gestalt" gegeben werde.

Judenmission kein Thema im Text

Söding nennt drei Punkte der christlichen Israel-Theologie, die immer wieder diskutiert werden: "das Bekenntnis zur gemeinsamen Vergangenheit, die Hoffnung auf die gemeinsame Zukunft und die Anerkennung eines Dissenses in der Gegenwart". Ratzinger sei sowohl bei der Deutung der gemeinsamen Vergangenheit wie bei der Formulierung der Unterschiede "ganz klar": "Das Alte Testament ist der gemeinsame Text, der unterschiedlich gelesen wird; das Reich Gottes ist die gemeinsame Hoffnung, deren Erfüllung Gott anvertraut ist." In Bezug auf die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft argumentiere Ratzinger ausschließlich eschatologisch: "Judenmission ist noch nicht einmal ein Thema im Ratzinger-Benedikt-Beitrag." (fxn)

Linktipp: Stolpersteine im jüdisch-christlichen Dialog

Benedikt XVI. fragt in einem neuen Aufsatz, ob die Theologie des ungekündigten Bundes Gottes mit dem Volk Israel noch zeitgemäß sei. Damit verstört er nicht nur Juden, sondern löst auch in der Kirche Kritik aus.