"Stolz werden auf die Geschichte"
Landesbischöfin Ilse Junkermann zum Reformationsgedenken in Wittenberg

"Stolz werden auf die Geschichte"

Alle Menschen sollten mit dem 500. Jubiläum von Martin Luthers Thesenanschlag etwas anfangen können - das sagt die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann. Weil sehr viele Ostdeutsche keine Christen seien, müssten die Fragen der Reformation aktuell übersetzt werden, sagte Junkermann im Interview in Magdeburg. Außerdem spricht sie sich für ein ökumenisches Gedenken aus.

Magdeburg - 03.01.2014

Frage: Was erwarten Sie vom Reformationsjubiläum 2017?

Junkermann: Als allererstes, dass die Menschen, die hier leben, stolz werden auf diese Geschichte. Und auch wenn sie nicht glauben oder nicht religiös sind, sagen können, hier ist vor 500 Jahren Entscheidendes geschehen für Europa und die europäische Kultur. Ich erhoffe mir, dass es ein Fest für alle Menschen wird und dass sie dann mit den Fragen von damals heute etwas anfangen können. Zum Beispiel mit der Frage: Was ist das Wichtigste im Leben? Wofür muss ich mich sorgen?

Frage: Es geht also darum, alle mitzunehmen. Immerhin ist Wittenberg als Ausgangpunkt der Reformation heute die Region mit den wenigsten Christen, der Anteil der Protestanten an der Bevölkerung beträgt nicht einmal 15 Prozent.

Junkermann: Es ist ganz wichtig, die Grundfragen zu sehen, die die Menschen in der Reformation umgetrieben haben und zu fragen, welche Fragen treiben die Menschen heute um und was haben wir vom Evangelium her dazu zu sagen. Das Wichtige an der Reformation ist ja, dass sie in der ganzen Kirche, auch in der römisch-katholischen, zu einer Neuorientierung an der Bibel geführt hat. Es ist immer wieder nötig zu fragen, was sagt die Bibel zu Grundfragen unseres Lebens und es dann ins Heute zu übersetzen. Diese Übersetzungsarbeit muss uns gelingen. Es geht um Fragen wie: Was ist lebenswertes Leben? Was ist, wenn ich mal alt bin und nicht mehr arbeiten kann? Wie ist es mit Präimplantationsdiagnostik?

Bild: © dpa/Jens Wolf

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands, predigt im Dom von Magdeburg.

Frage: Ist das Reformationsjubiläum ein evangelisches Ereignis oder inwiefern wird die katholische Kirche miteinbezogen?

Junkermann: Ich möchte gut zur Öffnung auf ein gemeinsames Gedenken hin beitragen. Dass es ein öffentliches Ereignis wird, mit der katholischen Kirche und den sogenannten Freikirchen, mit allen Christen und Nicht-Christen, mit den Menschen, die gern mitfeiern und feiern möchten.

Frage: Wie steht es um die Vorbereitungen?

Junkermann: Konkret sieht es so aus, dass wir Anfang Dezember einen Starttag hatten für Kernteams in Halle und Magdeburg, Dessau, Leipzig, Erfurt und Jena. Sie bereiten die regionalen Kirchentage 2017 vor, parallel zu einem großen, normalen deutschen evangelischen Kirchentag in Berlin. Bei diesen regionalen Kirchentagen wird in der Region gefeiert werden. Ich hoffe, dass wir die regionale Reformationsgeschichte großmachen: Die Rolle des Buchdrucks und der Buchstadt Magdeburg für die Reformation etwa. Dann soll es eine gemeinsame große Abschlussveranstaltung in Wittenberg geben mit den Kirchentagsbesuchern aus Berlin und den regionalen Kirchentagen.

Frage: Ist Wittenberg von einem solchen Großereignis nicht heillos überfordert?

Junkermann: Mehr als 30.000 gehen nicht in die Stadt, das weiß man vom Reformationstag und dem Fest "Luthers Hochzeit". Es wird sicher so sein, dass man speziell an diesem Tag der großen Abschlussveranstaltung so etwas wie Eintrittskarten für Wittenberg brauchen wird. Diese große Abschlussveranstaltung soll auf den Elbwiesen stattfinden, mit einem logistischen Aufwand vergleichbar mit dem Weltjugendtag in Köln.

Das Interview führte Dörthe Hein (dpa)

Zur Person

Ilse Junkermann ist seit 2009 Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland mit rund 800.000 Mitgliedern überwiegend in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die 56 Jahre alte Theologin ist in der kleinen Gemeinde Dörzbach/Jagst im Norden Baden-Württembergs geboren und arbeitete in dem südwestlichen Bundesland bis sie ihr Bischofsamt antrat. Junkermann ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.