Umstrittener Turmbau
Am Sonntag startet der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche

Umstrittener Turmbau

Die Garnisonkirche war lange Zeit das bekannteste Wahrzeichen Potsdams - bis der Turm auf Geheiß der DDR-Führung gesprengt wurde. Nun soll er wiedererrichtet werden. Das Projekt ist allerdings umstritten.

Von Steffen Zimmermann |  Potsdam - 28.10.2017

An diesem Sonntag soll es tatsächlich losgehen: Nach jahrelangen Diskussionen soll mit einem "Baustartgottesdienst" der Auftakt für den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche erfolgen. Damit wollen die Unterstützer deutlich machen, dass die Bauarbeiten für das umstrittene Projekt jetzt tatsächlich losgehen.

"Nun heißt es endlich nicht mehr: Wir wollen wieder aufbauen, sondern: Wir werden wieder aufbauen – und ihr könnt euch alle daran beteiligen!", sagt Wieland Eschenburg, der Sprecher der Stiftung Garnisonkirche Potsdam, während er erwartungsfroh auf die Baustelle in der historischen Mitte der brandenburgischen Landeshauptstadt blickt. Mehr als 20 Jahre lang haben Eschenburg und viele Mitstreiter auf den Baustart hingearbeitet – nun stehen sie kurz vor dem Durchbruch.

Wieraufbau soll offene Wunde im Stadtbild heilen

In einem ersten Schritt soll für veranschlagte Kosten von 38 Millionen Euro zunächst der Kirchturm in alter Form wiedererrichtet werden. Den Fans des Wiederaufbaus gilt der knapp 90 Meter hohe Turm in der Nähe des ebenfalls wiedererrichteten Stadtschlosses als unverzichtbares Wahrzeichen im Potsdamer Stadtbild. Sie beklagen eine offene Wunde, seit die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte Kirche 1968 auf Geheiß der DDR-Führung gesprengt wurde. Die geplante Rekonstruktion soll diese Wunde heilen.

Auf der Suche nach der alten Identität von Preußen-Brandenburg wird unkritisch die Garnisonkirche wiederaufgebaut, als neues nationales Denkmal.

Zitat: André Tomczak vom Bündnis "Stadtmitte für alle"

Doch der Wiederaufbau stößt nicht nur auf Gegenliebe. "Auf der Suche nach der alten Identität von Preußen-Brandenburg wird unkritisch die Garnisonkirche wiederaufgebaut, als neues nationales Denkmal", kritisiert André Tomczak, der Sprecher des Bündnisses "Stadtmitte für alle". In dem Bündnis haben sich rund 30 Initiativen zusammengeschlossen, die den Wiederaufbau der Garnisonkirche allesamt ablehnen. Die Gegner des Bauprojekts, die vornehmlich aus der linken Szene Potsdams kommen, wollen am Sonntag gegen den sogenannten Turmbau zu Potsdam demonstrieren. Die Anspielung auf den Turmbau zu Babel ist noch die harmloseste Kritik – andere sehen bei den Unterstützern des Wiederaufbaus eine "Barock-Al-Quaida" am Werk, die im modernen Potsdam das Garnisonstädtchen des Alten Fritz wiederaufleben lassen wolle.

Die Kritik am Wiederaufbau der Kirche entzündet sich vor allem an einem Datum: dem 21. März 1933. Damals trafen sich beim "Tag von Potsdam" Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler an den Grabstätten der beiden preußischen Könige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich dem Großen. Die Begegnung verschaffte Hitler große Unterstützung im nationalen Lager. Die Garnisonkirche steht seither symbolisch auch für die Kooperation der Nationalsozialisten mit den alten preußischen Eliten.

Kritiker beklagen "stark geschöntes Bild der Geschichte"

Durch den "Tag von Potsdam", so das Bündnis "Stadtmitte für alle", sei "das verheerende Bündnis zwischen konservativem Bürgertum, preußischem Militär und Nazi-Führung mit kirchlichem Zeremoniell besiegelt" worden. Hinzu komme, dass die Rolle der Garnisonkirche in der Weimarer Republik als Tummelplatz rechtsextremer Organisationen von den Unterstützern des Wiederaufbaus bis heute relativiert werde. Vermittelt werde stattdessen "ein stark geschöntes Bild der Geschichte."

Mehr als 200 Jahre prägte der Turm der Garnisonkirche das Stadtbild von Potsdam - bis die DDR-Führung das im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte Gebäude im Jahr 1968 sprengen ließ. Nun soll der Turm wiederaufgebaut werden.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die städtebauliche Entwicklung Potsdams. Die Landeshauptstadt werde mehr und mehr "zu einer Art Themenpark", so Tomczak. Parallel zum Wiederaufbau der Garnisonkirche beginnt in diesen Tagen der Abriss der alten Fachhochschule, einer stark umstrittenen architektonischen Hinterlassenschaft aus DDR-Zeiten mitten im Stadtzentrum. Dort sollen stattdessen Bürgerhäuser mit teils historischen Fassaden entstehen. "Mit dem Stadtbild wird das gesamte Gefüge der Stadt verändert", urteilt Tomczak. "Es geht darum, ob es dort gesellschaftliche Begegnung gibt oder nur noch schickes Essengehen und teures Wohnen."

"Die Reichen kaufen sich die Stadt"

"Die Reichen kaufen sich die Stadt", argwöhnen Aktivisten aus der linken Szene und verweisen darauf, dass der in Potsdam wohnende Software-Milliardär Hasso Plattner schon mehr als 20 Millionen für das Stadtschloss spendierte. Anschließend durfte Plattner in unmittelbarer Nachbarschaft das Palais Barberini als privates Kunstmuseum wiedererrichten und wurde Ehrenbürger der Stadt. Auch Fernsehmoderator Günther Jauch spendete Millionen für das Schloss und den Garnisonkirchen-Turm.

Die Unterstützer des Wiederaufbaus ficht der Widerstand allerdings nicht an. Inzwischen habe sich die Garnisonkirche der internationalen Versöhnungsarbeit verschrieben, betont Wieland Eschenburg. Der Wiederaufbau sei gerade wegen der wechselvollen Geschichte des Gotteshauses notwendig. "Wir sind der Überzeugung, dass wir Orte brauchen, wo Geschichte diskutiert wird", sagt der Stiftungssprecher. "Wo nichts mehr ist, können auch keine Fragen mehr gestellt werden."

Wenn sich hier erstmal die Kräne drehen, werden die Spenden auch weiter fließen.

Zitat: Wieland Eschenburg von der Stiftung Garnisonkirche Potsdam

Erste Bemühungen um eine Wiederherstellung des Gotteshauses gab es bereits vor dem Fall der Berliner Mauer. Die "Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel" ließ das Geläut der Kirche wiederherstellen und übergab es 1991 der Stadt Potsdam. Allerdings überwarf sich die Organisation später mit der Stadt und der evangelischen Kirche, als es um die Frage der künftigen Nutzung der Kirche ging. Bereits gesammelte Spenden in Höhe von sechs Millionen Euro stellte sie deshalb nicht für den Wiederaufbau zur Verfügung.

Noch fehlen mindestens zehn Millionen Euro

Die Pläne für die Rekonstruktion der Kirche wurden dennoch weiterentwickelt. 2004 gründete sich die "Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche", vier Jahre später die kirchliche "Stiftung Garnisonkirche". Für das Projekt machten sich auch prominente Unterstützer stark, so der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Berliner Bischof, Wolfgang Huber, und Brandenburgs früherer Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD).

Ein Problem haben die Wiederaufbau-Fans aber auch zum Baubeginn noch: Trotz aller privaten Spenden und öffentlichen Zuschüsse – die Bundesregierung fördert den Turmbau mit zwölf Millionen Euro, auch die Evangelische Kirche gibt Darlehen in Höhe von fünf Millionen Euro – hat die Stiftung die Kosten für den Turm noch nicht zusammen, vom Kirchenschiff ganz zu schweigen. Finanziert sind bislang nur gut 26 Millionen für eine Rumpfversion ohne den barocken Zierrat, für die Fertigstellung des Turms sind mindestens weitere zehn Millionen Euro notwendig. "Doch wenn sich hier erstmal die Kräne drehen, werden die Spenden auch weiter fließen", hofft Eschenburg. (mit Material von dpa und KNA)

Von Steffen Zimmermann