Was Bibelübersetzungen so schwer macht
Ringen um jede Formulierung

Was Bibelübersetzungen so schwer macht

Die vollständige Bibel gibt es in fast 700 Sprachen, Teile von ihr sogar in über 3.000: Kein Buch wurde häufiger übersetzt. Aber eine verbindliche ökumenische Übersetzung gibt es in Deutschland bisher nicht. Der Grund dafür liegt nicht nur bei der richtigen Wortwahl.

Von Christoph Paul Hartmann |  Stuttgart - 12.03.2019

Zu verstehen, was die Bibel eigentlich sagen will, ist nicht immer ganz einfach – das gibt das Buch der Bücher sogar selbst zu: So sagt schon der Verfasser des 2. Petrusbriefes, der wohl nicht identisch mit dem gleichnamigen Apostel ist, über die Briefe des Paulus: "In ihnen ist einiges schwer zu verstehen." (2 Petr 3,16). Das Problem, für den Glauben die richtigen Worte zu finden, ist also nicht neu. In besonderer Form stellt es sich bei der Übersetzung der Hunderte Jahre alten Texte in die Sprachen von heute: Laut aktuellen Zahlen gibt es die Bibel mittlerweile in 692 Sprachen. Allerdings ist die Geschichte der Bibelübersetzung auch eine Geschichte der Revisionen. Stets muss der Text an den Sprachgebrauch oder an eine neue Quellenlage angepasst werden. Allein in Deutschland machten in den vergangenen Jahren zwei große Revisionen von sich reden: die der katholischen Einheitsübersetzung 2016 und der Lutherbibel 2017, pünktlich zum Reformationsjubiläum. Zwar gibt es mit der "Gute Nachricht Bibel" seit über 20 Jahren eine ökumenische Bibelübersetzung, die ist in der katholischen Kirche jedoch nur zum privaten Bibelstudium vorgesehen. Eine für gemeinsame Gottesdienste verbindliche gemeinsame Übersetzung steht bis heute aus. Dabei haben katholische und evangelische Exegeten bei den Revisionen der jeweiligen Ausgaben ähnliche Ziele verfolgt.

Beide Übersetzungen waren schon ein paar Jahrzehnte alt. Außerdem wurden neue Handschriften gefunden, die berücksichtigt werden sollten. Katholiken wie evangelische Christen strebten bei der Revision eine größere Nähe zum Originaltext an – und lösten sich dabei zum Teil von vorigen Übersetzungen, die alte biblische Metaphern mit modernen Bildern widergeben wollten. Denn was eine gute Übersetzung ist, ist nicht immer einfach zu bestimmen. Klar wird das an einem bekannten Beispiel, Mt 5,3: Die Zürcher Bibel, die für ihre enge Treue zum Originaltext bekannt ist, übersetzt hier: "Selig die Armen im Geist - ihnen gehört das Himmelreich." Diese genaue Übersetzung sagt dem Gläubigen von heute allerdings nicht viel, sie könnte sogar missverständlich sein, wenn Mancher denkt, es gehe um Menschen mit niedrigem Intellekt. Die Herausgeber setzen deshalb eine Fußnote, in der sie beschreiben, was gemeint ist: Die "Armen im Geist" sind die Menschen, "die arm sind an göttlichem Geist und die vor Gott mit leeren Händen dastehen." Um sich diese Fußnote zu ersparen, schreibt die neue Einheitsübersetzung "Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich", die revidierte Lutherbibel greift auf Martin Luthers Formulierung "Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich" zurück. Während die Einheitsübersetzung also den "Geist" aus dem Original zur besseren Verständlichkeit wegfallen lässt, sucht die Lutherübersetzung einen Mittelweg.

Das Denkmal für Martin Luther in der Lutherstadt Eisleben.

Seine Bibelübersetzung ist weithin bekannt: Martin Luther.

Strukturtreue und Wirkungstreue sind die beiden Begriffe, die bei der Übersetzungsfrage fallen. Die Strukturtreue will das Original möglichst mit dessen Worten wiedergeben, die Wirkungstreue zielt in erster Linie auf den Leseeindruck ab. Letzteres kann Vorteile haben. So übersetzte Martin Luther selbst Ps 22,22 mit den folgenden Worten: "Hilf mir aus dem Rachen des Löwen, und errette mich vor dem Einhorn." Einhörner waren für die Menschen seiner Zeit furchterregende Kreaturen. Ein heutiger Leser verbindet mit ihnen aber flauschige Fabelwesen. Um die Wirkung des Satzes zu erhalten, spricht die Einheitsübersetzung von den "Hörnern der Büffel" und die neue Lutherbibel von den "Hörnern der wilden Stiere".

Über 5.000 Handschriften für das Neue Testament

Die Übersetzung ist aber nur das eine Problem. Vorher stellt sich die Frage: Was ist eigentlich der "Originaltext", den es zu übersetzen gilt? Denn von der Bibel gibt es keine verbindliche Urschrift im modernen Sinn. Es existieren seit der Antike zahlreiche Einzelschriften und frühe Übersetzungen, außerdem werden immer wieder neue Schriften gefunden. Gebündelt werden diese Erkenntnisse in zwei historisch-kritischen Ausgaben, die weltweit und konfessionsübergreifend anerkannt sind: Für das Alte Testament ist das die Biblia Hebraica, für das Neue Testament das Novum Testamentum Graece, das heute vor allem unter den Namen seiner ersten Herausgeber als "Nestle-Aland" bekannt ist und dessen Grundlage 5.500 Handschriften bilden. Beide Ausgaben enthalten viele Varianten von Textstellen, bei denen es wiederum internationale, interkonfessionelle Absprachen gibt, welches die wahrscheinlichste Fassung eines Verses ist.

Bild: © KNA

Der Erfurter Altbischof Joachim Wanke (Jg. 1941).

Obwohl es Absprachen zur Textgrundlage und zu Varianten gibt: Zu einer offiziellen Zusammenarbeit zwischen katholischen und evangelischen Exegeten ist es bei den neuesten Revisionen nicht gekommen. An der ersten Einheitsübersetzung zwischen 1962 und 1980 hatten evangelische Vertreter noch teilweise mitgearbeitet – doch am Ende gab es ein Missverständnis. Von katholischer Seite war man der Überzeugung, jetzt nicht nur eine Bibel für alle katholischen Gottesdienste im deutschsprachigen Raum zu haben, sondern auch für alle ökumenischen. Das hatte die evangelische Seite aber nie so gesehen. Bei der Revision hatten die Protestanten dann Probleme mit Rom. Laut der vatikanischen Instruktion "Liturgiam authenticam" sollte für jede katholische Übersetzung die Nova Vulgata mit herangezogen werden, also die verbindliche lateinische Bibel der Kirche. Außerdem musste die Revision der Einheitsübersetzung in Rom rekognosziert, also anerkannt werden.

Die neuen Fassungen von Lutherbibel und Einheitsübersetzung
Bild: © KNA

Kardinal Marx hält die evangelische Lutherbibel in den Händen, Heinrich Bedford-Strohm die katholische Ausgabe.

Konfessionsbruch

"Das war nichts, was uns binden konnte", sagt Christoph Kähler dazu. Der ehemalige Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen leitete die Revision der Lutherbibel. Es kam zum Bruch und keiner unmittelbaren Zusammenarbeit – zumindest auf offizieller Ebene. Denn katholische wie evangelische Kommissionen tauschten gegenseitig Vorabdrucke ihrer Übersetzungen aus und übernahmen zum Teil auch Formulierungen voneinander. Als beide Revisionen fast zeitgleich fertig wurden, empfahlen sich beide Konfessionen deren Gebrauch gegenseitig für ökumenische Gottesdienste. "Eine gute ökumenische Lösung" nennt das der emeritierte Erfurter Bischof Joachim Wanke, der auf katholischer Seite der Kommission für die Revision der Einheitsübersetzung vorstand. Er akzeptiert, dass sich die Lutherbibel für evangelische Christen nicht einfach ersetzen lässt. Denn dabei gehe es um mehr als Sprache: "Das ist Ausdruck der Identität als reformierte, lutherische Christen. Da wird man nicht erwarten können, dass die Evangelischen auf den offiziellen Charakter der Lutherübersetzung verzichten."

Ob es bei den nächsten Revisionsanläufen in einigen Jahrzehnten auch offiziell ein ökumenisches Team geben wird, sehen beide Seiten eher skeptisch: Wanke glaubt nicht daran, für Kähler müsste dafür erst einmal ein vernünftiges Ziel verabredet werden. "Nur ökumenisch wird nicht reichen", sagt er. Denn es gibt schon über 40 deutsche Bibelübersetzungen. Die haben aber oft eine enge Zielgruppe, wenn sie zum Beispiel primär für die Jugendarbeit bestimmt sind, oder fallen mit der Zeit dem Sprachwandel zum Opfer. "Da muss ich mir erstmal eine Übersetzung vorstellen, die die Einheitsübersetzung und die Lutherbibel schlägt", sagt Christoph Kähler. Danach sieht es im Moment nicht aus – und da es mit der gegenseitigen Empfehlung auch eine Lösung für ökumenische Gottesdienste gibt, fehlt auch der konkrete Anlass. Interessierte Bibelleser werden also auch in Zukunft eine große Auswahl haben, welcher Formulierung der Heiligen Schrift sie den Vorzug geben.

Von Christoph Paul Hartmann