Ein Gesangbuch liegt aufgeschlagen auf einer Kirchenbank und wird nur vom Schein der kleinen Kerze links daneben beleuchtet.
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Ein Kind der Revolution

Das katholische Gesangbuch ist ein Kind der Revolution. Oder des Aufruhrs, wie es der Historiker Andreas Schneidgen nennt. Denn das katholische Gesangbuch ist ohne Martin Luther und seine Reformation nicht denkbar. Noch vor der Kirchenspaltung gab es auf die Frage nach der Kirchenmusik nur eine Antwort: Während der Gottesdienste sangen Mönche, Nonnen und Priester und zwar ausschließlich auf Latein.

Von Michael Richmann |  Bonn - 29.11.2013

Für die Christen der ersten Stunden war das völlig normal – Latein war schließlich die Amtssprache des römischen Reiches. Doch den meisten Gläubigen des 16. Jahrhunderts war die Sprache völlig fremd. So fremd, dass sich irgendwann aus der liturgischen Formel "Hoc est enim corpus" – Latein für "Hier ist mein Leib" – der Begriff "Hokuspokus" ableitete, der bis heute obskure, schier unerklärliche Ereignisse beschreibt.

Musik war nicht Teil der Liturgie

Im Vergleich dazu pflegten die reformorientierten Priester, die sich für die Lehren Martin Luthers begeisterten, ein eher lockeres Verhältnis zum deutschen Volkslied: Sie erklärten es freimütig zum Teil ihrer Liturgie und ließen wie selbstverständlich auf Deutsch singen. Davon ließen sich viele Christen begeistern und schlossen sich der Reformbewegung an. Freilich waren die Angst vor der Hölle, kirchliche Repression und der Ablasshandel für die meisten Schäfchen noch drängendere Gründe, den Hirten zu wechseln. Allerdings ist die Strahlkraft der Musik für den Erfolg der Reformation nicht zu unterschätzen, denn der Gesang bezog die Gläubigen ein: Sie waren plötzlich Teil des Gottesdienstes. Und Martin Luther nutzte den Text der geistlichen Lieder, die oft auf bekannten und beliebten Melodien fußten, um seine Ideen bekannt zu machen. Der gerade erfundene Buchdruck half ihm dabei.

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Lutherdenkmal auf dem Marktplatz in Wittenberg.

Die Reformation wirkte jedoch nicht überall gleich: Während die Bischöfe im Südwesten des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation von der Reformation wenig betroffen waren, liefen die Gläubigen in Sachsen und Brandenburg gleich scharenweise über. Die dortigen Bischöfe mussten reagieren - und das taten sie auch über die Musik. So war es Albrecht von Brandenburg, einer der bekanntesten Gegenspieler Martin Luthers, der 1537 das erste Gesangbuch in Auftrag gab: das "New Gesangbüchlein Geystlicher Lieder". Der Theologe und Weihbischof Michael Vehe hatte darin 56 Stücke zusammengetragen; viele davon waren evangelische Lieder, deren Texte Vehe an die katholische Lehre anpasste. Vehe bezweckte damit zweierlei: Einerseits wollte er die Gläubigen mit deutschen Liedern wieder stärker an den katholischen Ritus binden, andererseits wollte er abtrünnigen Christen den Weg zurück so einfach wie möglich machen. So trafen evangelische Christen auch in der katholischen Kirche auf Lieder, die sie schon kannten.

Die Musik zog die Gläubigen an

Nun konnten die Bischöfe die deutschen Volkslieder nicht einfach zum Teil der Liturgie erklären. Zwar war Rom weit weg, und der Papst hatte nur sehr beschränkten Einfluss auf die Entscheidungen in den Bistümern, eine so tiefgreifende Reform war ohne den Vatikan trotzdem nicht zu machen. Stattdessen behalfen sich die Bischöfe mit einem theologischen Kniff: Statt die Lieder als integralen Bestandteil einzubeziehen, nutzten sie sie zur spirituellen Begleitung der Liturgie. Der Text lehnte sich eng an die liturgischen Handlungen an, die der Priester weiterhin mit dem Rücken zur Gemeinde auf Latein vollführte.

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Bischof Friedhelm Hofmann durfte beim Andruck des neuen Gotteslobes in Nördlingen den Startknopf drücken.

Ein Ereignis, das der weiteren Verbreitung des Kirchenlieds zumindest indirekt zupass kam, war das Konzil von Trient (1545 bis 1563), mit dem die katholische Kirche auf die Reformation reagierte. Es betonte die liturgischen Unterschiede und zementierte damit die Spaltung der Kirche in zwei Konfessionen. Als es daran ging, die Beschlüsse in den Bistümern bekannt zu machen, zeigte sich den Bischöfen der Vorteil der Lieder. Die Musik machte es dem Volk einfacher, die neuen Inhalte nachzuvollziehen – so wie es schon bei Martin Luther und der Reformation der Fall gewesen war.

In der Folgezeit entstanden neue katholische Gesangbücher. Einer der bekanntesten Komponisten jener Jahre war der Jesuit Friedrich Spee, dessen Hauptwerk "Trutznachtigall oder geistlich-poetisch Lustwäldlein" allerdings erst 1649 posthum erschien. Spee gelang es, komplizierte theologische Sachverhalte in schlichte Lieder umzuwandeln. Da der Einsatz geistlicher Lieder im Gottesdienst offiziell weiterhin enge Grenzen hatte, wurden Volkslieder überwiegend in der Katechese eingesetzt. Das bekannteste Werk jener Jahre war Johann Leisentritts Gesangbuch "Geistliche Lieder und Psalmen der Alten Apostolischer recht und warglaubiger Christlicher Kirchen", das 1567 erschien.

Speerspitze der Gegenreformation

Somit hatte sich nach einer langen Entwicklung das katholische Gesangbuch etabliert. Der Historiker Dominik Fugger spricht sogar von einer "Speerspitze der Gegenreformation". Dennoch dauerte es noch bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, bis auch die Bistümer im Süden und im Westen Deutschlands mit großen Gesangbuch-Editionen aufwarten konnten.

Auch in der Folgezeit gab es immer wieder Bestrebungen, die Gesangbücher im Sinne des Zeitgeistes zu reformieren: Im Barock richtete sich der Blick zurück ins Mittelalter, während der Aufklärung wurden die Texte rationalistischer, während der deutschen Romantik verspielter. Doch niemand kam mehr ernsthaft auf die Idee, das geistliche Volkslied und damit die Gesangbücher komplett abzuschaffen. Und trotzdem dauerte es noch bis ins 20. Jahrhundert, bis ein deutschlandweit anerkanntes katholisches Gesangbuch eingeführt wurde: das Gotteslob von 1975.

Von Michael Richmann