Weiße Kuh mit in den Farben der indischen Nationalflagge bemalten Hörnern in den Straßen von Neu Delhi.
Religiös motivierte Gewalt gegen Minderheiten in Indien nimmt zu

Im Namen der Kuh

Indien - Indische "Kuhrächer" greifen immer häufiger zur Selbstjustiz gegen Muslime und Christen. Sie sind nur die Spitze der Gewalt gegen religiöse Minderheiten im Indien des nationalistischen Premiers Narendra Modi.

Von Michael Lenz (KNA) |  Neu Delhi - 11.08.2016

Niemand kommt den Frauen zu Hilfe. Auch die Polizei schaut tatenlos zu. Erst als eine der Frauen unter den Schlägen zu Boden geht, greift sie ein - und nimmt beide Prügelopfer fest. "Gau Mata Ki Jai!", schreit der Mob weiter, was so viel heißt wie "Heil der heiligen Kuh!".

Mandsaur ist kein Einzelfall. Erst vor wenigen Tagen überfielen sogenannte Kuhrächer im Norden des Landes zwei Männer auf offener Straße, weil diese angeblich Rindfleisch transportierten. Die Fanatiker zwangen die beiden Muslime, zu Zwecken der "Selbstreinigung" Kuhdung zu essen und hielten die demütigende Aktion auf Video fest.

Entfesselte radikale Hindugruppen

Seit dem Erdrutschsieg des Hindu-Nationalisten Narendra Modi und seiner Indischen Volkspartei (BJP) im Jahr 2014 sind radikale Hindugruppen wie die Nationale Freiwilligenorganisation (RSS) wie entfesselt. Christen und Muslime werden diskriminiert, geschlagen, zum Religionswechsel gezwungen, ermordet.

Betroffen sind fast ausschließlich die Dalit, die Ärmsten der Armen, die unterste Kaste, die einstmals "Unberührbare" genannt wurden. "Die Dalit, Kommunisten und andere Minderheiten sind die Hauptfeinde der RSS", sagt Pater Devasagaya Raj, Sekretär der für die Dalit zuständigen Kommission der Indischen Bischofskonferenz. Ziel der RSS ist es, aus dem multireligiösen Indien einen hinduistischen Gottesstaat zu machen, in dem andere Religionen keinen Platz haben. 80 Prozent der rund 1,2 Milliarden Inder sind Hindus, etwa 13 Prozent Muslime, 2,3 Prozent Christen. Zudem leben Sikhs, Buddhisten, Parsen und Anhänger des Jainismus in Indien.

Menschen in Indien.

Unter dem Hindu-Nationalisten Narendra Modi sind radikale Hindugruppen wie entfesselt. Christen und Muslime werden diskriminiert, geschlagen, zum Religionswechsel gezwungen, ermordet.

Nach der Gewalttat von Mandsaur verurteilte Premierminister Modi die "Kuhrächer" erstmals mit deutlichen Worten. Ihnen gehe es nicht um die Kühe - "sie wollen gesellschaftliche Spannungen schaffen", sagte er. Indiens Katholiken sind von Modis Worten unbeeindruckt. Sie vermissen Taten. "Die Kuhrächer sind einer der inoffiziellen Flügel des hindu-fundamentalistischen Sangh-Parivar-Geflechts, das die Ideologie des RSS durchsetzen will", sagt Pater Raj. "Modi sollte mit Hilfe des Regierungsapparates die gesetzlosen Aktionen stoppen können."

Gut die Hälfte der rund 28 Millionen indischen Christen gehört zur Kaste der Dalit. Sogenannten "scheduled castes" wie den hinduistischen Dalit garantiert Indiens säkulare Verfassung wirtschaftliche, soziale und politische Förderprogramme. Christliche und muslimische Dalit hingegen gelten nicht als förderwürdig. "Wir fordern ein Ende dieser Ungerechtigkeit", hieß es Ende März in einer gemeinsamen Erklärung des Dachverbands der protestantischen Kirchen Indiens und der katholischen Bischofskonferenz.

"Kuhrächer" haben wenig zu befürchten

Die "Kuhrächer" haben derweil von BJP-Regierung, Polizei und Justiz wenig zu befürchten. Im Bundesstaat Uttar Pradesh ist ein Prozess gegen 18 junge Täter, die vor einem Jahr einen Muslim umbrachten, zum Politikum geworden. Familienangehörige der Angeklagten drohen unverhohlen mit Gewalt, sollten die Männer verurteilt werden. Unterstützung bekommen sie und ihre Anwälte von RSS und BJP. Im kommenden Jahr wird in dem mit 200 Millionen Einwohnern größten indischen Bundesland Uttar Pradesh gewählt. Ein Wahlsieg der BJP über die amtierende linksgerichtete Regierung wäre ein weiterer politischer Triumph Modis.

Die beiden muslimischen Frauen in Mandsaur hatten, wie sich herausstellte, gar kein Rindfleisch, sondern Büffelfleisch im Gepäck. Büffel aber gelten nicht als heilig. Die Frauen wurden trotzdem angeklagt, nicht die Gewalttäter. Der Vorwurf: die fehlende behördliche Genehmigung zum Handel mit Fleisch.

Von Michael Lenz (KNA)