Über den dramatischen Wandel der Bestattungskultur

Sarg oder Urne?

Aktualisiert am 26.10.2016  –  Lesedauer: 
Gräberfeld auf einem Friedhof.
Bild: © KNA
Gesellschaft

Bonn ‐ Der Vatikan hat bestimmt, in welchem Rahmen Feuerbestattungen für Katholiken zulässig sind. Damit reagiert er auf den Wandel der Bestattungskultur. Die hat sich auch in Deutschland dramatisch verändert.

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Bäume als letzte Ruhestätte boomen. 2013 gab es rund 45.000 Bestattungen auf mittlerweile 400 Baumbestattungsstandorten in Deutschland. Die Zahl der Feuerbestattungen ist auf über 60 Prozent gestiegen. Friedhöfe verändern ihre Gestalt, weil Grabfelder für Muslime angelegt und Gräber individueller oder - wegen veränderter Familienstrukturen - pflegeleicht gestaltet werden. Zu besichtigen ist ein dramatischer Wandel der Bestattungskultur.

Kirchen, Friedhofsverwalter und Bestatter beobachten zwei gegenläufige Trends: auf der einen Seite immer mehr anonyme, kostengünstige Rasengrabstellen, auf der anderen Seite zunehmend persönlich gestaltete Grabmale. Einerseits bieten Discountbestatter Einfachbeerdigungen. Andererseits wollen immer mehr Hinterbliebene den Sarg des Verstorbenen bemalen, seine Lieblingsmusik bei der Trauerfeier oder eine besonders persönliche Trauerrede hören.

"Traditionen, Konventionen und religiöse und familiäre Bindungen verlieren an Bedeutung", so fasst es der Vorstand der Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas, Christoph Keldenich, zusammen. "Mobilität und Vielfalt der Lebensentwürfe nehmen zu." Das hat Auswirkungen auf Tod und Sterben.

Friedhofspflicht und Sargzwang

Solche Vielfalt war lange unmöglich: Friedhofspflicht und Sargzwang prägten die Bestattungskultur. Es war die Angst vor Seuchen, die etwa im Preußischen allgemeinen Landrecht von 1794 zu der Vorschrift führte, dass Tote nur auf festgelegten Flächen außerhalb der bewohnten Städte und Dörfer beerdigt werden durften. Seit 1934 gilt dies zwingend auch für die Asche von Toten.

Ausnahmen sind nur die Seebestattung und die Naturbestattung in einem Wald. Jedoch wird auch bei Baumbeisetzungen die Urne vom Bestatter an den ausgewiesenen Bestattungsort gebracht. Während andere europäische Länder inzwischen erlauben, die Asche von Verstorbenen auch daheim aufzubewahren, bleibt Deutschland streng. Lediglich Bremen erlaubt seit 2015, die Asche von Verstorbenen auf Privatgrundstücken und festgelegten öffentlichen Flächen zu verstreuen. Eine völlige Abschaffung des Friedhofszwangs bedeutet das nicht.

Bild: ©Markus Kremser

Zehn Stelen für 420 Urnen stehen in der Magdalenenkapelle in Erfurt, die bereits seit 1850 nicht mehr als Gotteshaus genutzt wird.

Insbesondere die Kirchen wehren sich gegen eine Aufhebung der Friedhofspflicht. Sie warnen vor einem Verlust an Trauerkultur; Friedhöfe sollten als Orte des Gedenkens, der Mahnung und des gemeinschaftlichen Trauerns erhalten bleiben. Auch Städte und Gemeinden haben als Träger ein Interesse am Erhalt von Friedhöfen. Schließlich können sie ihre Kosten kaum noch decken, weil es immer weniger Erdbestattungen gibt.

Weit flexibler sind die Regelungen zum Sargzwang: Insbesondere aus Rücksicht auf die Vorstellungen von Muslimen, wonach die Bestattung in einem Leichentuch stattfindet, wurden in den meisten Bundesländern Ausnahmen von der Sargpflicht zugelassen.

Feuerbestattung als weltanschauliches Statement

Jahrzehntelangen Streit gab es um die Zulassung von Feuerbestattungen. Die meisten Juden und Moslems sind bis heute gegen das Verbrennen von Leichen. Die Totenruhe darf nicht gestört werden. Auch die christlichen Kirchen wehrten sich lange gegen Feuerbestattungen, sollten die Toten doch für den Tag ihrer "fleischlichen" Auferstehung in ein Grab gelegt werden.

Linktipp: Das sind die Regeln zur Feuerbestattung

Die Urne auf dem Kaminsims, Bestattung im Friedwald oder die Asche vom Heißluftballon oder im Meer verstreuen? Was für Katholiken nach einer Feuerbestattung erlaubt ist und was nicht, regelt jetzt ein neues Vatikandokument.

Für Katholiken war eine Einäscherung seit dem Edikt von Paderborn 785 durch Karl den Großen verboten. Leichenverbrennungen waren nur als besonders schändliche Bestattungsform vorgesehen, zum Beispiel für Hexen. Dazu kam, dass Feuerbestattungen im 19. Jahrhundert insbesondere von humanistischen Kreisen und ausgewiesenen Kirchengegnern propagiert wurden. Die Kirche sah darin eine Leugnung der leiblichen Auferstehung.

1876 wurde in Gotha das erste Krematorium im Deutschen Reich eröffnet. 1960 waren gerade mal zehn Prozent der Bestattungen in der Bundesrepublik Feuerbestattungen. Mittlerweile sind es über 60 Prozent. Die evangelische Kirche gab 1920 ihren Widerstand auf. Erst 1963 erlaubte der Vatikan auch Katholiken Einäscherungen.

Auf die Kirchen hat der Wandel der Bestattungskultur darüber hinaus große Auswirkungen: Bei 925.000 Todesfällen in Deutschland 2015 gab es nur noch 604.260 kirchliche Bestattungen. Das waren 65 Prozent. Im Jahr 2000 lag der Anteil noch bei 71,5 Prozent.

Von Christoph Arens (KNA)

Dossier: Friedhof: Die letzte Ruhestätte

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