Der Mailänder Dom von der Piazza del Duomo aus gesehen.
Warum in Mailand schon jetzt die Adventszeit beginnt

Sein violettes Wunder erleben

In der Kirche gibt es viele Arten, Gottesdienste zu feiern. Auch in Mailand gibt es eine eigene Liturgie. Die Unterschiede zum traditionellen Ritus sind zwar gering. Im Advent ticken die Uhren aber anders.

Von Roland Müller |  Mailand - 13.11.2016

Wer in den letzten Wochen des Novembers einen Stadttrip nach Mailand macht und dort die Messe besucht, kann sein blaues – nein, violettes – Wunder erleben. Die liturgische Kleidung der Priester trägt nicht, wie in Deutschland, die grüne Farbe, sondern lila. Das ist nicht ohne Grund so, denn im Erzbistum Mailand gibt es einen eigenen liturgischen Ritus. Diese besondere mailändische Art der Feier der Gottesdienste unterscheidet sich lediglich in Details vom römischen Ritus, also der Liturgie, wie sie weltweit in den meisten Bistümern und Gemeinden in der katholischen Kirche begangen wird.

So findet ein Teil der Gabenbereitung zu Beginn der Messe statt und nicht ausschließlich nach den Fürbitten. Beim Kyrie-Ruf wird dreimal "Kyrie eleison" gebetet anstatt eines Wechsels mit dem "Christe eleison". Das gewandelte Brot wird schon vor dem Vaterunser gebrochen und nicht erst danach. Auffälliger jedoch ist die Eigenheit des mailändischen Ritus in Bezug auf die Adventszeit. Denn sie umfasst nicht nur vier, sondern sechs Adventssonntage. Daher beginnt der Advent bereits Mitte November in den Gemeinden des Erzbistums Mailand, einigen umliegenden Diözesen und mehreren Gemeinden des Schweizer Bistums Lugano.

Bild: © KNA

Der heilige Ambrosius von Mailand auf einem Mosaik aus einer Kuppel in der Mailänder Ambrosius-Basilika (Sant'Ambrogio). Es handelt sich um eine der frühesten Darstellungen des Kirchenlehrers, vermutlich aus dem 5. Jahrhundert.

Die Vielfalt der Eigenliturgien innerhalb der Kirche ist sehr groß. Grundsätzlich werden westliche und östliche Riten unterschieden. Diese zahlreichen lokalen Feierformen entstanden beim Übergang der Liturgiesprache des frühchristlichen Gottesdienstes von der griechischen zur lateinischen Sprache. Die Eigenliturgie Mailands ist zuerst bei Bischof und Kirchenvater Ambrosius (339-397) belegt. Daher wird sie auch ambrosianischer Ritus genannt. Sie ist geprägt durch Einflüsse orientalischer Liturgien und Riten aus Gallien.

Karl Borromäus förderte den Ritus

Der im frühen Mittelalter an Bedeutung gewinnenden römischen Stadtliturgie wurde sie in der Zeit der Karolinger angepasst. Mit Aquileia und Ravenna hatten auch andere italienische Städte eigene Riten, die jedoch mit der Zeit wieder aufgegeben wurden. In Mailand passierte dies nicht, denn der einflussreiche Mailänder Kardinal Karl Borromäus förderte den Ritus seiner Diözese stark. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde er überarbeitet, blieb aber erhalten.

Als eigener Ritus der Stadt und des Erzbistums Mailand hatte und hat er eine große identitätsstiftende Funktion für die Mailänder. Mailand war in der Spätantike für mehr als hundert Jahre die Residenzstadt der römischen Kaiser. Die erste christliche Gemeinde gab es bereits im frühen 3. Jahrhundert. Die Bewohner der zweitgrößten Stadt Italiens sind stolz auf diese Eigenheit und wollen sich so auch von der italienischen Hauptstadt Rom abgrenzen.

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Er war ein schlichter und ein großer Diener Gottes. Karl Borromäus hatte den Mut, Missstände offen anzuprangern. Weil er den Geistlichen das prunkvolle Leben untersagte, trachtete man ihm mehrmals nach dem Leben. Doch er gewann die Zuneigung der Menschen, weil er ein gutes Herz hatte und überall half, wo er Not sah.

Für Pfarrer Hermann Lückertz, den Priester der deutschsprachigen Katholiken in Mailand, spielt der ambrosianische Ritus nur eine nebensächliche Rolle. Wie in Deutschland und Österreich feiert er die Heilige Messe mit seiner Gemeinde auf Deutsch nach dem römischen Ritus. Da sich die deutschsprachigen Gläubigen aber in der italienischen Pfarrkirche San Bartolomeo zum Gottesdienst versammeln, kommt es aufgrund des ambrosianischen Ritus in den letzten Novemberwochen manchmal zu Missverständnissen.

Verwirrung bei den liturgischen Farben

"Es ist schon vorgekommen, dass der Küster die violetten Messgewänder heraussucht hat, da nach der Mailänder Liturgie bereits Adventszeit war. Ich bitte ihn dann, dass er grüne Gewänder für die normale Zeit im Kirchenjahr heraussucht", wie Pfarrer Lückertz, der seit 2012 in Mailand lebt, amüsiert erzählt.

Auch für die Schüler in der Deutschen Schule in Mailand, in welcher der Geistliche Religionsunterricht gibt, sind die kleinen Unterschiede zwischen den Riten interessant. Sie stammen, wie auch seine Gemeindemitglieder, oft aus Familien, in denen es deutsche und italienische Verwandte gibt. Daher sind den Schülern beide Riten mit ihren Traditionen bekannt. Doch sicher ist es auch für sie befremdlich, in italienischen Gottesdiensten in Mailand schon den Advent zu begehen, während in der deutschen Gemeinde noch nicht die violette Farbe dominiert.

Von Roland Müller