Pater Mertes über gute Bedingungen für das Lernen

Schule ist nicht Elternhaus

Schachfigur
Bild: Fotolia.com/Roma

Am kommenden Wochenende veranstaltet die KED (Katholische Elternschaft Deutschlands) in Mainz ihren Jahreskongress. Thema ist das Verhältnis von Eltern und Schule.  In der Tat ist dieses Verhältnis aus vielen Gründen komplexer geworden und bedarf einer vertieften Reflexion: Kinder verbringen immer mehr Zeit in der Schule; damit verstärkt sich auch die mentale Präsenz von Eltern in Schule. Umgekehrt sind Lehrer mental intensiver in der Familie präsent - zumal, wenn die Bildungsforschung in den letzten Jahren sie immer wieder auf den (positiven oder negativen) Einfluss von familiären Verhältnissen auf den Bildungserfolg der Kinder und Jugendlichen aufmerksam macht.

Um es einmal selbstkritisch aus der Perspektive eines Lehrers zu sagen: Wir Lehrer neigen gelegentlich dazu, Probleme, deren Behandlung eigentlich in die Schule hineingehört, in die Familien zu verschieben. Wenn ein Kind disziplinarisch auffällt, nimmt der Lehrer oder die Lehrerin schon einmal gerne den Telefonhörer in die Hand und ruft bei den Eltern an: "Sagen Sie mal Ihrem Sohn/Ihrer Tochter, sie soll ...." Ein klassischer systemischer Übergriff, der in der Regel nichts besser und meist alles schlechter macht. Oder: Die Schule stellt sich in der Gestaltung des Unterrichts nicht auf den Ganztagsbetrieb ein, sondern verlagert weiterhin einen wesentlichen Teil der Arbeiten und Übungen in die abendlichen und nächtlichen Hausaufgaben. Dabei weiß man aus der empirischen Bildungsforschung, dass "schulbasierte" Kooperation zwischen Elternhaus und Schule nicht viel bringt - wenn Kinder sich auch noch zu Hause mit Schule befassen müssen; umso mehr aber "heimbasierte" Kooperation - wenn Kinder zu Hause in einer liebevollen Atmosphäre aufwachsen, einen verlässlichen Lebensrythmus erleben und zu Selbstvertrauen ermutigt werden. Manchmal werden Übergriffe von Schule auf Elternhaus mit dem in katholischen Kreisen beliebten Begriff von der "Erziehungsgemeinschaft" legitimiert, nach dem Motto: "Wir sind gemeinsam für die Bildung und Erziehung der Kinder verantwortlich - also macht mal!" Also: Aufpassen, da gibt es auch Fallen!

Aber eben auch Chancen. Meine Erfahrung ist: Schule und Elternhaus kooperieren gut, wenn sie einander zuhören, die systemischen Unterschiede zwischen Schule und Familie respektieren, und die pädagogische Expertise der jeweils anderen Seite schätzen - eine Expertise aus gelebter und reflektierter Erfahrung, von der sich gegenseitig mehr lernen lässt als von aufgeregten bildungspolitischen Debatten, die mit viel Lärm und Wortgeklingel weit über den Alltag der Jugendlichen, der Eltern und der Schule schweben. Es ist gut, dass sich die verfasste katholische Elternschaft dieses Themas annimmt. Glückauf zum Gelingen des Kongresses!  

Pater Klaus Mertes

Der Autor

Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

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