"Christenkreuz und Hakenkreuz"
Luther und die Nationasozialisten

"Christenkreuz und Hakenkreuz"

Nationalsozialismus - Das Reformationsjubiläum lenkt den Blick auf ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte: 1933 schlossen evangelische Kirche und Nazis eine unheilige Allianz. Sie beriefen sich dabei auch auf Martin Luther.

Von Esteban Engel (dpa) |  Berlin - 27.04.2017

Adolf Hitler nannte 1922 Jesus Christus "unseren größten arischen Führer". Schon neun Jahre vor seinem Antritt ahnte Hitler, dass er auf dem Weg zur Macht die Kirchen gewinnen musste. Zwar versuchten die Nazis mit ihrem Führer- und Germanenkult später eine eigene, zivile Religion zu begründen. Doch Protestanten und Katholiken stellten Hitlers totalitären Anspruch zunächst infrage.

Eine Ausstellung in Berlin zeichnet von diesem Freitag an (bis 5. November) das Verhältnis des NS-Regimes zur evangelischen Kirche nach - und fragt, welche Rolle Martin Luther (1483-1546), seine Theologie und seine antisemitischen Schriften dabei spielten. Zum Reformationsjubiläum spürt das NS-Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" mit Schrift- und Tondokumenten diesem dunklen Kapitel der deutschen Kirchengeschichte nach. Ein Gedenken, das nicht auch an diese Seite des Reformators erinnerte, wäre unvollständig, schreibt Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) im Vorwort zum Katalog. Gerade in seinen Spätschriften und Predigten habe Luther einen abstoßenden Antisemitismus gepflegt.

Auf Luther konnten sich alle berufen

Der Ausstellung vorangestellt ist ein unvollständiges Zitat des von den Nazis hingerichteten Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). "Überall Luthers Worte ...", heißt es dort. Doch der Satz geht weiter: "...und doch aus der Wahrheit in Selbstbetrug verkehrt". Denn, das stellt der Historiker Ulrich Prehn als Kurator der Schau klar, auf Luther konnten sich alle berufen - die Nazis, die ihnen nahestehenden "Deutschen Christen" und die oppositionelle "Bekennende Kirche".

Pakt mit dem Teufel

Für manche Beobachter war es ein Pakt mit dem Teufel. Am 20. Juli 1933 unterzeichneten Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., und der deutsche Vizekanzler Franz von Papen das Reichskonkordat, das das Verhältnis zwischen Nazi-Deutschland und dem Heiligen Stuhl regeln sollte.

Zu einem "Heroen" war Luther lange vor der NS-Zeit aufgestiegen, wie "Topographie"-Direktor Andreas Nachama klarstellte. Im 19. Jahrhundert wurde er zu einem Wegbereiter der "deutschen Nation" hochstilisiert. Auch ein Teil der evangelischen Kirche sah sich in dieser Tradition. 1932 legte die "Glaubensbewegung Deutsche Christen" ein Bekenntnis zur "positiven Kirche" ab. In "Rasse, Volkstum und Nation" sahen sie von Gott geschenkte und anvertraute Lebensordnungen. Hitler sollte die Reformation vollenden.

Luthergeburtstag als Schulterschluss

So nutzte das Regime bereits kurz nach Machtantritt 1933 den "Tag von Potsdam" im März und die Feiern zu Luthers 450. Geburtstag im November zum Schulterschluss. Luther wurde als ideologischer Vorreiter vereinnahmt. Mit dem Vatikan hatte die NS-Regierung ein "Reichskonkordat" geschlossen und sich von katholischer Seite zunächst einen Spielraum gesichert. Bei den Protestanten wurde "Reichsbischof" Ludwig Müller mit der Gleichschaltung der Gemeinden und Landeskirchen beauftragt.

Die Reichstagung der "Deutschen Christen" im Berliner Sportpalast stand im Zeichen der "völkischen Sendung Luthers". Nur ein kleiner Teil der Protestanten versuchte, sich als "Bekennende Kirche" dagegen zu stellen. Und auch sie führten Luther in ihrem Glaubenszeugnis an. Zwar fragte sich Bonhoeffer später, "warum aus Luthers Tat Folgen entstehen mussten, die genau das Gegenteil von dem waren, was er wollte". Doch Luthers Antisemitismus bot genug Bezugspunkte, um die "Entjudung" in Kirche und Theologie voranzutreiben. Das NS-Blatt "Der Stürmer" nannte ihn einen "Kämpfer gegen den Judengeist".

Dass zum Luther-Geburtstag in der Pogrommacht zum 10. November 1938 die Synagogen in Deutschland brannten, war wohl kein Zufall. Luther hatte in seiner Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" schon 1543 das Niederbrennen der jüdischen Tempel gefordert und gerechtfertigt, wie es im Ausstellungskatalog heißt.

Von Esteban Engel (dpa)