Am Stuttgarter Flughafen wurde ein Gebetsautomat aufgestellt

Digital ins Himmelreich?

Aktualisiert am 03.06.2017  –  Lesedauer: 
Digital ins Himmelreich?
Bild: © Uwe Bork
Gebet

Stuttgart ‐ Momente des Innehaltens bietet der Gebetomat am Stuttgarter Flughafen. Sein Schöpfer, der Berliner Künstler Oliver Sturm, möchte den Reisenden so spirituelle Impulse mitgeben.

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Ja, sind die denn jetzt total verrückt geworden? Wenigstens ein kurzes Stoßgebet sollte doch wohl jeder noch hinbekommen, der seinen Glauben nicht ganz verloren hat! Gerade massive Flugangst könnte schließlich auch dazu führen, wenigstens im Stillen ein paar Worte mit seinem Herrgott zu wechseln.

Über 300 Gebete in 35 Sprachen

Der im auffälligen Rot eines Feuerlöschers lackierte Gebetomat, der noch bis zum Ende des Sommers im Abflugbereich des Stuttgarter Flughafens aufgestellt bleibt, provoziert geradezu Vor- und Fehlurteile solcher oder ähnlicher Art. Dabei geht es seinem Schöpfer, dem in Berlin lebenden Künstler Oliver Sturm, um alles andere als um billigen Spott über irdisch-himmlische Zwiegespräche. Mit seiner im Wortsinn geistreichen Medieninstallation, in der per Fingerdruck auf einen berührungsempfindlichen Bildschirm über 300 Gebete in 65 Sprachen und allen wesentlichen Religionen dieser Welt abgerufen werden können, will er zwar durchaus irritieren, er sieht sich aber weder als Kirchenkritiker noch als Kirchenkasper.

Während der Entwicklung seines Gebetomaten, die sich über rund neun Jahre hinzog, hat der seriös wirkende Endfünfziger mit der hohen Denkerstirn vielmehr eine Entwicklung durchlaufen, die ihn auch selbst veränderte. "Natürlich sind es anfangs vor allem ironische Fragen gewesen, die mich bewegt haben: Wie weit kann man Automation heute eigentlich treiben? Was kann und darf man den Automaten noch alles überlassen? Aber mit den Jahren und je mehr ich einzelne Gemeinden aufgesucht und dort Gebete gesammelt habe, desto mehr gewann der ernste Anteil der Arbeit an Gewicht."

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Video: © katholisch.de

Wie geht Beten per Automat? Schülerinnen und Schüler des Berufskolleges in Bonn haben es ausprobiert.

Kein Wunder, dass Oliver Sturm seine Gebetomaten heute zwischen Himmel und Erde in einem "ambivalenten Schweben" bestens aufgehoben sieht: "Ich würde jetzt keinem empfehlen, wenn er ernsthaft innere Meditation sucht, als erste Wahl einen Gebetomaten aufzusuchen, aber jeder kann in ihm einen Impuls für sich finden."

Gebetomat keine High-Tech-Gebetsmühle

Das sieht auch Marjon Sprengel so, seit 2014 katholischer Teil der ökumenischen Flughafenseelsorge in Stuttgart: "Da treffen sich Kirche und Kunst, das ist ja auch unser Anliegen. Es geht darum, an so einem öffentlichen Ort, an dem viel los ist, an dem es viel Betrieb gibt und wo viel Stress herrscht, einen Impuls zu setzen, kurz innezuhalten." Die Seelsorgerin will unter den gehetzten Fluggästen nicht missionieren, ihr Ansatz ist viel bescheidener: "Durch die Irritation des Gebetomaten werden sich die Leute im besten Fall bewusst, dass es auch noch etwas gibt, das über den Tag hinausreicht. Vielleicht nehmen sie dann für einen Augenblick Fahrt 'raus und sind bei sich. Das ist dann ja auch ein religiöser Moment, und das allein ist viel."

Der rote Kasten mit seinem im Inneren versteckten Bildschirm ist damit etwas völlig anderes als das, was sein Name im ersten Moment suggeriert. Er ist keine High-Tech-Gebetsmühle, die digital animiert anstelle eines Menschen betet, er ist eher eine Art postmoderner Klause, die hinter einem kleinen Vorhang Raum und Gelegenheit für spirituelle Erlebnisse schafft.  Dass dieses geistige Abheben dann in einer betont schmucklosen Umgebung geschieht, ist von Oliver Sturm gewollt: "Dass man sich in eine Blechschachtel hineinsetzt, ist bewusst so gemacht. Ich wollte das mit Absicht banal halten, und trotzdem lädt sich das ganze Ding mit seinem Inhalt langsam auf. Das ist einerseits zwar nur so etwas wie ein Zigarettenautomat, aber mit der Zeit – ich weiß auch nicht, wie – spiritualisiert sich dieser Kasten durch das, was er anbietet."

Bild: ©Uwe Bork

Die katholische Flughafenseelsorgerin Marjon Sprengel (links) und der Künster und Schöpfer des Gebetomats, Oliver Sturm, im Gebäude des Flughafens Stuttgart.

Sechs Gebetomaten gibt es insgesamt, wobei der Stuttgarter, weil er ursprünglich für die Universität in Manchester gebaut wurde, als einziger die weltläufige Aufschrift 'Prayomat' trägt. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie für stark besuchte öffentliche Räume konzipiert sind. Sie stehen oder standen in Theatern und Museen, in Kinos und auf Messen, einer tourt auf Einladung des Erzbistums Paderborn auch durch nordrhein-westfälische Schulen. Besonders reizvoll findet Oliver Sturm jedoch Standplätze auf Bahnhöfen oder Flughäfen. Warum das so ist, dafür nennt Pfarrer Dieter Kleinmann, evangelischer Flughafenseelsorger in Stuttgart, ein Beispiel: "Die Geschäftsleute zwischen Sechs und Neun am Morgen, die haben ja alle schon ihre Bordkarte und bestenfalls Handgepäck. Sie müssen aber trotzdem ungefähr eine Dreiviertelstunde für den Security-Check einkalkulieren, von der sie in der Regel nur zehn Minuten brauchen. Was machen sie nun mit der verbleibenden Zeit? Sie können noch einen Kaffee trinken oder die Zeitung lesen, das geht beides aber auch im Flugzeug. Für uns ist das die Chance, die Leute in einer entspannten Situation und ohne Termindruck mit unserem Gebetomaten anzusprechen."

Noch ein kurzes Stoßgebet vor dem Boarding?

Ganz ohne Schwellenangst und Anspannung ein Angebot zur Um- und Einkehr für Vielflieger und Urlaubsreisende: Genau das könnte der digitale Vorbeter auf dem Stuttgarter Flughafen in der Tat sein. Oliver Sturm bestätigt seine Wirkung aus eigener Erfahrung: "Es ist allein schon dieses Moment, den Vorhang zuzuziehen, für sich zu sein und plötzlich so einen Perspektivwechsel zu haben auf seine Alltagswahrnehmung. Das macht schon sehr viel aus."

Und zusätzlich noch ein kurzes Stoßgebet vor dem Boarding? Schaden könnte es jedenfalls nicht…

Von Uwe Bork