Natalie Dedreux hat Trisomie 21 und kämpft gegen Abtreibung

"Mein Leben ist gut"

Aktualisiert am 26.12.2017  –  Lesedauer: 
Natalie Dedreux ist 19 Jahre alt und hat Trisomie 21. Sie strahlt in die Kamera.
Bild: © katholisch.de
Behinderung

Bonn ‐ Natalie Dedreux ist wunschlos glücklich. Das darf sie auch sein: Neun von zehn Kindern mit Trisomie 21 werden abgetrieben - Dedreux ist das andere Kind. Deshalb kämpft sie für ein Lebensrecht für alle.

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"Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben." Ein Satz, der berührt. Auch Angela Merkel in der Wahlarena im September 2017. Ausgesprochen und die Bundeskanzlerin mit dem Tabuthema Spätabtreibungen konfrontiert hat diesen Satz Natalie Dedreux. 18 Jahre alt, Erstwählerin, Journalistin. Sie will dafür eintreten, dass "Menschen wie sie" leben dürfen. Damit meint sie Menschen mit Trisomie 21, dem Down-Syndrom.

Seit September arbeitet sie im Caritas-Mehrgenerationenhaus. Mitten im Kölner Wohngebiet geht die Eingangstür zwischen Mehrfamilienblocks unter. Fast versteckt liegt dort im Erdgeschoss das Cafe Querbeet, ein Ausbildungsplatz für Menschen mit Behinderung. Doch Natalies Arbeit ist oben, stellt sie beim Treffen im Café klar. Auf ihrer Schürze ist der Kölner Dom aufgenäht, unter dem Arbeitsshirt trägt sie einen grauen Pulli – und rosa Lippenstift: eine junge, selbstbewusste Frau. Also auf zum Fahrstuhl. "Jetzt ist er da", sagt sie ungeduldig. Sie muss ja schließlich arbeiten und hat nicht den ganzen Tag Zeit für das Filmteam.

"Wir kommen jetzt auf die dritte Etage, da arbeite ich gerade in der Spülküche." Dort wird sie begrüßt. "Natalie der Promi." Im Gemeinschaftsraum hängt ein Artikel über Natalies Auftritt in der Wahlarena. Die beachtet ihn gar nicht. "Wir brauchen einen der abtrocknet und einen der spült. Und der bin ich." Während die anderen noch Pause machen, eilt sie zur Spülküche. Dort stapelt sich schon das Geschirr. Jetzt aber schnell.

Natalie Dedreux greift in der Spülküche nach dem Wasserschlauch.
Bild: ©katholisch.de

Natalie Dedreux arbeitet im Caritas Mehrgenerationenhaus. Abspülen mag sie am liebsten.

"Ich finde es gut, hier zu arbeiten." Ihre Lieblingsbeschäftigung gerade? Abspülen. Doch nur in der Arbeit, ergänzt ihre Mutter Michaela Dedreux lachend. In der Freizeit zählen für Natalie andere Dinge: Schwimmen, Reiten, Leichtathletik, Puzzeln, Freunde treffen, lesen, Musik hören. Die junge Frau, die mittlerweile 19 Jahre alt ist, weiß ganz genau, wo sie in ihrem Leben hinwill. Und welche Ansichten sie vertritt. An Gott glaubt sie nicht. Ans Christkind sowieso nicht. Ihren Standpunkt äußert sie auch mal drastisch: "Spätabbruch find' ich scheiße! Ich will einfach leben und nicht getötet werden, das ist alles. Ich bin ja auf der Welt, um etwas zu lernen!"

"Welches Leben ist einfach?"

In der Wahlarena wurde Natalie im September für diesen Mut gefeiert. Doch Natalie nimmt das fast selbstverständlich: Ihre klare Haltung hat einen einfachen Hintergrund. Auch ihre Mutter erinnert sich im Gespräch an die Wahlarena zurück: "Ich glaube, ich war aufgeregter als Natalie. Wir wussten ja nicht, ob sie drankommt. Ich hab ihr versprochen, dass ich alles tue, damit sie ihre Frage stellen kann." Und dann hat es geklappt. Vorher hätten sie ihre Fragen per E-Mail schicken müssen. Natalie hatte zwei Themen: die Politik in der Türkei und den Spätabbruch. Ein Thema, das auch Natalies Mutter wichtig ist. Doch Michaela Dedreux verurteilt niemanden, der sich gegen ein Kind mit Down-Syndrom oder gegen ein Kind mit Behinderung entscheidet. Sie glaubt, dass es viele aufgrund von Angst tun. "Ich möchte dazu beitragen, diese Angst zu nehmen. Unser Leben war nicht immer einfach. Aber welches Leben ist denn einfach?" Sie lächelt Natalie an. Und die nickt.

Michaela Dedreux küsst ihre Tochter Natalie auf die Wange.
Bild: ©katholisch.de

Natalie Dedreux und ihre Mutter Michaela Dedreux.

9 von 10 Frauen, die ein Kind mit Down-Syndrom erwarten, entscheiden sich für einen Abbruch. Pränatale Untersuchungsmethoden mit komplizierten medizinischen Namen wie Chorionzottenbiopsie, Amniozentese und Nabelschnurpunktion verheißen das Recht auf ein gesundes Kind. Dabei bergen Methoden, bei denen in den Körper von Mutter und Kind während der Schwangerschaft eingegriffen wird, enorme Risiken. Neueste Forschungen besagen zwar, dass es keinen Zusammenhang zwischen einer Untersuchung und einer Fehlgeburt gebe. Doch nicht außer Acht gelassen darf die psychische Belastung der werdenden Mutter.

Als Spätabbrüche gelten Abtreibungen ab der 23. Schwangerschaftswoche. Laut §218a Absatz 2 ist eine Abtreibung ohne zeitliche Frist "nicht rechtswidrig, wenn der Abbruch der Schwangerschaft unter Berücksichtigung der gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse der Schwangeren nach ärztlicher Erkenntnis angezeigt ist (…)". Bei medizinischer Indikation dürfen Embryonen quasi bis zum Geburtstermin abgetrieben werden.

„Da müssen wir uns einfach mal fragen, in welcher Gesellschaft wir leben.“

—  Zitat: Michaela Dedreux

Die Mutter von Natalie hat sich bewusst gegen eine solche Untersuchung entschieden. Darüber spricht sie auch ganz offen vor ihrer Tochter. Auch bei ihrer zweiten Schwangerschaft nach Natalie. Geändert hätte ein Ergebnis für sie nichts an ihrer Entscheidung. "Wir haben das zweite Kind bewusst bekommen. Wir haben uns vorher Gedanken darüber gemacht und nicht erst nachher", erklärt Michaela Dedreux. Und dann weist sie auf etwas hin: Nur ein kleiner Teil von Beeinträchtigungen würde anhand eines pränatalen Tests erkannt werden. Dieser kleine Teil befinde sich in der Gruppe der Trisomien (vor allem Trisomie 21 und Trisomie 18). Für sie bekäme das so den Charakter einer Selektion vor der Geburt. Dabei gehe es ihr aber nicht um die einzelne Entscheidung, sondern vor allem um den gesellschaftlichen Kontext: "Da müssen wir uns einfach mal fragen, in welcher Gesellschaft wir leben. Ich finde, wir können da nicht genug drüber sprechen."

Berufsziel: Journalistin

Ein Film taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auf: 24 Wochen. Darin geht es um ein Paar, das ein Baby mit Down Syndrom bekommen wird. "Der Film ist ein riesen Drama", meint Natalie. Die sonst so gut gelaunte junge Frau wird beim Thema Spätabtreibung wütend. "Die im Film haben was gegen uns. Gegen Menschen wie mich. Mit Down-Syndrom." Doch gleichzeitig weiß sie auch, dass die werdenden Eltern Angst haben. Ohne Grund, meint sie: "Mein Leben ist gut. Ich bin wunschlos glücklich." Und Natalie hat ein großes Ziel: Hauptberuflich Journalistin werden.

Auch die Abteilungsleiterin in ihrer Arbeit nimmt Natalie als zielstrebig und ehrgeizig wahr. Über zwei Jahre lang lernen Menschen mit Beeinträchtigung über die "Caritas Wertarbeit" im Caritas-Generationenhaus. Zum Café Querbeet gehört auch ein Catering. Das Ziel: Die Menschen nach der Ausbildung auf dem Ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Das gelingt, wie die Leiterin des sogenannten "Berufs-Bildungsbereichs" Birgit Kulessa erklärt: "Im vergangenen Jahrgang konnten wir 50 Prozent unserer Absolventen in einen Außenarbeitsplatz auf dem Ersten Arbeitsmarkt entlassen."

Natalie Dedreux in der Spülküche des Caritas-Mehrgenerationenhauses.
Bild: ©katholisch.de

Natalie Dedreux weiß genau, was sie will.

Natalie rechnet sie nach ihrer Ausbildung gute Chancen zu. Innerhalb der Ausbildungszeit stehen auch Praktika auf dem Ersten Arbeitsmarkt an. Kulessa hat schon eine Idee, wo Natalie eine große Chance hätte: Journalismus. Denn Natalie arbeitet nebenbei auch für den "Ohrenkuss", ein Magazin gestaltet von Menschen mit Down-Syndrom. Sie strahlt, wenn sie davon erzählt.

"Man hört und sieht ganz vieles. Das meiste davon geht zum einen Ohr hinein und sofort zum anderen Ohr wieder hinaus. Aber manches ist auch wichtig und bleibt im Kopf – das ist dann ein Ohrenkuss." – so die Selbstdarstellung des Magazins auf der Homepage. Seit fast zehn Jahren schreiben Menschen mit Down-Syndrom Texte. Über Mode, über Wunder, über alles. Ohne, dass die jemand redigiert, korrigiert oder ändert. Das Magazin ist werbefrei und finanziert sich über Abos und Spenden. Im Redaktionsteam in Bonn sind derzeit 14 Personen, über 50 Korrespondenten liefern außerdem Texte zu.

"Ich hab ein gutes Leben"

"Ich hab ein gutes Leben", sagt Natalie. Und das will sie auch anderen zeigen. Demonstrieren will sie, mit vielen anderen, für ihre Rechte. Als Mensch. Auch für das Recht, dass alle Menschen mit Behinderung wählen dürfen. Über 80.000 Menschen durften bei der diesjährigen Bundestagswahl nicht wählen. Natalie schon. Sie alle haben einen "Betreuer in allen Angelegenheiten" und wurden deshalb aus dem Wahlregister gestrichen. Von Bundesland zu Bundesland ist diese Regelung unterschiedlich.

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Video: © Julia Martin

Sie machte im September in der Wahlarena Angela Merkel sprachlos: Natalie Dedreux tritt gegen Spätabtreibung ein - aus einem bestimmten Grund.

Einheitlich ist im Gegensatz dazu die Gesetzeslage bei Schwangerschaftsabbrüchen. Gesetzlich ist eine Abtreibung verboten. Straffrei bleibt es aber, wenn "die Schwangere den Schwangerschaftsabbruch verlangt und dem Arzt durch eine Bescheinigung nach §219 Abs. 2 Satz 2 nachgewiesen hat, daß sie sich mindestens drei Tage vor dem Eingriff hat beraten lassen" und "der Schwangerschaftsabbruch von einem Arzt vorgenommen wird" und "seit der Empfängnis nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sind". Die Schwangerschaftskonfliktberatung, die in §219 vorgeschrieben ist, "dient dem Schutz des ungeborenen Lebens." Ausgenommen medizinische Indikationen. Wie Trisomie 21.

Der Wunsch von Natalies Mutter: Mehr Zeit für die Frauen – und mehr Aufklärung. Natalie ergänzt: "Einmal Dienstags in die Ohrenkuss-Redaktion. Ich bin glücklich." Ablehnung oder Ausgrenzung habe sie nie erfahren. Sie besuchte normale, inklusive Schulen und hat alles erreicht, was sie erreichen wollte. Außer, dass sie keine Astronautin werden konnte. Doch wer kann das schon?

Von Julia Martin