Soldaten der Bundeswehr bei einer Wallfahrt im französischen Marienwallfahrtsort Lourdes.
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In Lourdes hat die 55. Internationale Soldatenwallfahrt stattgefunden

Pilgergruppe ohne Dienstgrade

Wallfahrt - Mehr als 700 deutsche Pilger waren bei der 55. Soldatenwallfahrt im französischen Marienort Lourdes. Das sind ihre Motive.

Von Michael Richmann |  Lourdes - 26.05.2013

Ihm tropft der Regen von der Nasenspitze. Und obwohl er das Marschieren gewöhnt ist, muss Johannes Fuhler einmal kräftig durchatmen, als er am Gipfel des Pic du Jer oberhalb des Wallfahrtortes Lourdes ankommt. Die Hände in die Hüfte gestemmt betrachtet er die Landschaft: "Na, das hat sich doch gelohnt." Fuhler ist Hauptgefreiter bei der Marine und einer von mehr als 700 deutschen Pilgern bei der 55. Soldatenwallfahrt in den Marienort. Doch die deutsche Delegation ist nicht allein: Insgesamt sind etwa 10.500 Pilger aus 38 Nationen in den Ort in den Pyrenäen gekommen.

Jeder müsse sich vor Augen führen, was es bedeute, wenn Deutsche durch Frankreich marschieren und von den Einwohnern bejubelt werden, hatte der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck am Abend zuvor bei einem Empfang gesagt. Er erinnerte an den 8. Mai 1945 – den Tag, an dem für Deutschland der Zweite Weltkrieg endete. An jenem Tag schien es unvorstellbar, dass deutsche Soldaten irgendwo willkommen seien könnten. Doch das Ziel der ersten Soldatenwallfahrt war es, eben jene Gefühle zu überwinden, die zu zwei Weltkriegen mit vielen Millionen Toten geführt hatten.

Auf dem Gipfel oberhalb von Lourdes stutzt der Hauptgefreite Fuhler kurz: "Zu versöhnen gibt es eigentlich nichts mehr. Trotzdem müssen wir uns jedes Mal daran erinnern, dass wir es geschafft haben, unsere Feindschaften zu überwinden." Auf seine Rolle als Soldat angesprochen, verweist er auf die Heilige Schrift. "In der Bibel steht eigentlich 'Du sollst nicht morden'. 'Töten' ist eine fehlerhafte Übersetzung." Der 19-Jährige ist überzeugt, dass er Teil einer Verteidigungsarmee ist – auch wenn diese jenseits der deutschen Grenzen aktiv ist.

Die Bundeswehr hat in seiner Familie Tradition, deswegen hat auch er sich freiwillig gemeldet. Er ist überzeugt, dass jeder sich für sein Land engagieren sollte: "Da schließe ich den Zivildienst ausdrücklich mit ein. Es ist ja nicht jedermanns Sache, potenziell auf Menschen schießen zu müssen. Trotzdem halte ich es für eine gute Idee, wenn junge Leute verpflichtet werden, auch mal über den eigenen Horizont hinauszuschauen." Die Abschaffung der Wehrpflicht halte er daher für übereilt.

"Die inneren Türen öffen"

Lourdes ist auch der Ort, um sich seines Glaubens zu versichern – oder eben die inneren Türen zu öffnen, wie es Militärgeneralvikar Walter Wakenhut in seiner Predigt während des Eröffnungsgottesdienstes formulierte. Die Soldatenwallfahrt sei die zelebrierte Freude am Glauben, die Papst Benedikt XVI. gemeint habe, als er das Jahr des Glaubens ausrief. Denn wer sich darauf einlasse, zeige, dass er offenen Herzens sei. Auch der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus pries die bewegende Atmosphäre und die "Pilgergemeinschaft ohne Dienstgrade".

Ein betender Soldat nimmt an einem Gottesdienst im Wiederaufbaucamp der Bundeswehr in Faizabad im Norden Afghanistans teil.
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Ein betender Soldat nimmt an einem Gottesdienst im Wiederaufbaucamp der Bundeswehr in Faizabad im Norden Afghanistans am 10. Januar 2010 teil.

Wer sich im Zeltlager der Bundeswehr umschaut, sieht in erstaunlich viele junge Gesichter. Dabei sind es nicht bloß Katholiken, die pilgern. Die Mitglieder des Musikkorps aus Erfurt beispielsweise sind zu großen Teilen atheistisch; trotzdem haben sich die Musiker der Pilgergemeinschaft angeschlossen und sind mit einem der beiden Sonderzüge angereist, die von Hamburg und München nach Lourdes gefahren sind.

Die Ökumene ist angesichts der pluralen Hintergründe der Soldaten ein großes Thema in Lourdes – auch im Dialog mit Bischof Overbeck. Der Wehrbeauftragte Königshaus fragte stellvertretend für viele, warum sich die Kirchen nicht zur gemeinsamen Eucharistie durchringen könnten. Overbeck stimmte zu, das Ökumene vor allem eine Sache von Theologen und Kirchenrechtlern sei, und Ökumene im gelebten Alltag keine Rolle spiele. Er warnte jedoch, dass man die Unterschiede nicht nivellieren sollte: "Die Einheit der Kirche ist nicht mit der Einheitlichkeit der Kirche gleichzusetzen." Zugleich hielt er fest: "Ohne Ökumene könnten wir keine Militärseelsorge betreiben. Daher muss ich als Militärbischof auch mit Kompromissen leben, die Lehramtlich schwierig sind."

"Wunderbare Atmosphäre" und ernste Gespräche

Overbeck sieht in dem Dialog eine Chance: "Es geht um das Miteinander. Darauf zu achten, ob jemand dezidiert katholisch ist, wäre doch kleinlich. Und die Atmosphäre hier ist wunderbar." Man könne viele Gespräche führen, erstaunlich tiefe und ernste Gespräche. Die Auslandseinsätze sind natürlich ein Thema – Versetzungen, die lange Trennung von Freunden und Familie ebenso.

Der Kreuzweg und die anschließende Messe mit dem Militärbischof am Samstag war für einige der liturgische Höhepunkt der Wallfahrt – auf jeden Fall für Daniel Kraft. Der 25-jährige Stabsgefreite nutzte die Wallfahrt, um sich vom Bischof firmen zu lassen – Lourdes bot dafür einen würdigen Rahmen. Und den nutze Overbeck auch, um eine Personalie bekannt zu geben: Rheinhold Bartmann wird neuer Generalvikar des Katholischen Militärbischofsamtes und löst damit Walter Wakenhut ab, der zum 1. November in den Ruhestand geht.

Doch mit derlei Personalentscheidungen hat der Hauptgefreite Fuhler oben auf dem Pic du Jer nichts am Hut. "Mal den Kopf frei bekommen, die Gedanken schweifen lassen und sich auf das Ereignis einlassen, das macht für mich das Pilgern aus."

Von Michael Richmann