Die historische Oberstadt von Assisi
Von Florenz nach Rom kann man Franz von Assisi nachspüren

Zu Fuß durch das Herz Italiens

Pilgern - Malerische Dörfer, weite Täler und erholsame Stille: Das erwartet den Pilger auf dem Franziskusweg in Italien. Zwischen Florenz und Rom wird der ganze Zauber des heiligen Franz von Assisi spürbar.

Von Steffi Piening |  Assisi - 25.02.2018

Franz von Assisi zog es in die Welt hinaus. Er genoss es, sich auf den Weg zu machen, bekleidet mit einem einfachen Gewand. Es war wohl die Freiheit, die nur ein Mensch fühlen kann, der keinen Besitz hat, keine Mauern zum Schutz aufgebaut hat, der auf eine höhere Macht vertraut. Franziskus liebte es, zu einem Teil der Landschaft zu werden: den Duft der Blumen wahrzunehmen, das Rascheln in der Wiese und das Zwitschern der Vögel, den warmen Wind zu spüren, der über die Felder streicht, und das freundliche Lächeln eines Menschen zu betrachten.

Pilger, die sich heute auf den Franziskusweg begeben, gehen vielleicht mit ähnlichen Sehnsüchten los. Sie haben nur ihren Rucksack auf den Schultern, das Nötigste zum Leben eingepackt. Manch einem wird durch das Reduzierte, das Minimieren des alltäglichen Ballastes, deutlich, wie wenig man wirklich zum Leben braucht. So ist man als Pilgerreisender dem Heiligen auch 800 Jahre nach seinen Lebzeiten sehr nahe. Viele Pilger wählen eine 490 Kilometer lange Route von Florenz nach Rom, die von Kees Roodenburg beschrieben wird (der Wanderführer ist im Outdoor Verlag erschienen). Eine 350 Kilometer lange Variante von La Verna bis Poggio Bustone hat die Italienerin Angela Seracchioli dokumentiert (erschienen im Tyrolia Verlag). Beide Wege verlaufen durch malerische Landstriche der Toskana und Umbriens bis in die Region Latium.

Streckenabschnitte voller Ruhe und Abgeschiedenheit

Die Wirkungsstätten des Franziskus reihen sich wie Perlen auf einer Kette aneinander. Der Einstieg ist an verschiedenen Stellen möglich. Den Pilger erwarten Streckenabschnitte voller Ruhe und Abgeschiedenheit, dann findet er sich wieder in mittelalterlichen Städten und Dörfern, kann ein wenig von dem italienischen Lebensgefühl mitnehmen, erlebt Trubel und Dorfbewohner, die sich am Nachmittag auf dem Kirchplatz treffen, reden, lachen oder einfach nur in der Sonne sitzen.

Franz von Assisi: Armer, reicher Heiliger

Kaum ein Heiliger hat eine solche Anerkennung gefunden wie Franz von Assisi. Er folgte Jesus Christus bedingungslos nach - und hatte ein besonderes Verhältnis zur Schöpfung.

In Florenz taucht der Pilger zunächst in das pralle Leben ein. In den Gassen und auf den Plätzen herrscht geschäftiges Treiben. Stimmengewirr zieht über die Straßen, die Touristen strömen von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. Man kann Florenz in Richtung Sant'Ellero verlassen. Die Hektik der Stadt bleibt zurück, die Täler und Berge des Apennins verwöhnen ab sofort das Auge und den Geist. Bereits zu Beginn offenbart der Franziskusweg, wie körperlich anspruchsvoll er sein kann: Auf dem nächsten Streckenabschnitt zum Passo della Consuma müssen tausend Höhenmeter bewältigt werden.

Eine besondere Sehenswürdigkeit liegt im Nationalpark Foreste Casentinesi auf dem Monte Penna. Über 100 Kilometer hat der Pilger da bereits zwischen sich und Florenz gebracht. Durch einen moosbewachsenen Wald mit hohen Buchen, geradezu kunstvollen Wurzelverästelungen und Findlingen rechts und links erreicht man das Kloster La Verna. Wer Glück hat, bekommt beim Aufstieg Rehe, Hasen oder einen Steinadler zu Gesicht.Wie eine uneinnehmbare Festung thront das Kloster an der Flanke des Bergmassivs. Es wird berichtet, dass Franziskus hier seine Wundmale empfing. Besucher können die Grotte besichtigen, die ihm zeitweise als Schlafstelle diente, und die Felsspalte, in die er sich zum Beten zurückzog. Hier wird deutlich, wie wenig Franziskus zum Leben benötigte, wie er selbst Armut und Demut definierte.

Ein Tau als Erkennungszeichen für den Franziskusweg

Markiert ist der Franziskusweg mit einem Tau, dem Buchstaben im griechischen und hebräischen Alphabet. Er ist geformt wie ein Kreuz in T-Form. Es war das Zeichen des Franziskus. Er schrieb es auf Häuser, Wände und Bäume und signierte damit seine Briefe.

Buchtipp: Zu Fuß nach Rom, Martin Engelmann, Tyrolia Verlag, 29,95 Euro.

Die Einsiedelei Eremo di Montecasale liegt auf 700 Metern Höhe, eingebettet zwischen Wäldern und kleinen Bächen. Sie wurde 1213 von Franziskus gegründet. Hier, wie auch an vielen anderen Orten, an denen er sich aufhielt, macht einen die Schönheit der Natur sprachlos. Vom Klosterhof offenbart sich ein atemberaubendes Panorama auf Sansepolcro und das gesamte Tal. An diesem Ort entstand die Legende von Franziskus und den Räubern, denen er Essen und Trinken gab, denn Franziskus wusste, "nicht die Gesunden bedürften des Arztes sondern die Kranken: und er sei nicht gekommen, die Gerechten zur Buße zu rufen, sondern die Sünder" – so wurden seine Worte überliefert. Italienische Lebensart und zauberhafte Natur: Auf dem Franziskusweg kann der Pilger Land und Leute entdecken.

Auf dem Weg von Montecasale nach Sansepolcro überschreitet der Pilger die Grenze zwischen der Toskana und Umbrien, indem er an einer flachen Stelle durch den Tiber watet, wie es schon die Pilger Jahrhunderte vor ihm taten. Ein faszinierender Landstrich, der zu den waldreichsten Gegenden Italiens gehört. Eichen, Pinien, Eschen, Ahorn aber auch Macchia-Büsche, Rhododendron und Primeln säumen den Weg.

Malerisch am Hang des Monte Ingino präsentiert sich die Stadt Gubbio, rund 50 Kilometer vor Assisi gelegen. Hierhin zog es Franziskus, als der Streit mit seinem Vater eskalierte und er, der Sohn des Tuchhändlers, öffentlich auf Reichtum und sein Erbe verzichtete und ein Leben in Armut wählte. In Gubbio wohnte sein Freund, der Kaufmann Spadalunga. Er stand Franziskus zur Seite und überreichte ihm einen grob gewebten Umhang, der zum Vorbild der Mönchskutte wurde. Ein Denkmal in Gubbio zeigt Franziskus mit einem Wolf, der den Erzählungen nach die Stadt in Angst und Schrecken versetzte. Franziskus, der sich mit Tieren verständigen konnte, vereinbarte mit dem Wolf, dass er ab sofort Futter bekommen, dafür aber die Menschen in Frieden leben lassen sollte. Heute gilt der Heilige als einer der ersten Umwelt- und Tierschützer.

Linktipp: Kleine Stadt mit großer Botschaft

Fünf Millionen Menschen kommen jährlich nach Assisi, darunter viel Deutsche. Für sie ist Franziskanerbruder Thomas Freidel als Seelsorger zuständig. Im Interview spricht er über seine Arbeit. (Interview von August 2017)

In drei Etappen erreicht man von Gubbio aus Assisi, die Geburtsstadt Franziskus'. Die Basilika San Francesco zieht jährlich zehntausende Touristen und Pilger an. Sie besteht aus zwei Kirchen, die übereinander gebaut wurden. Die untere ist die Grabeskirche des Heiligen. Assisi ist eine wohlhabende Stadt, die gut vom Erbe des bekannten Sohnes lebt. An jeder Ecke begegnet man dem Bild des Franziskus auf allen nur möglichen Gegenständen.

Ein Pilgerweg im Naturparadies

Oberhalb von Assisi steht das Kloster San Damiano, der Ort, an dem Franziskus von Jesus Christus vom Kreuz herab den Auftrag erhielt: "Franziskus, geh' und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät." So begann Franziskus, die Kirchenruine von San Damiano und andere Kirchen wieder aufzubauen. Mit der Zeit begriff er, dass diese Botschaft auch eine Aufforderung zur Umgestaltung der christlichen Gesellschaft und der Institution Kirche war. Dies machte er zu seiner Lebensaufgabe. Schon fast erblindet, verfasste er in San Damiano den Sonnengesang. Hier starb er auch friedlich unter freiem Himmel.

Steil führt der Pilgerweg durch satte grüne Wälder in Richtung Monte Subasio – ein kleines Naturparadies auf 1.300 Metern Höhe, mit freilaufenden Pferden und Kühen, saftigen Gräsern und bunten Blumen. Über Spoleto gelangt man zur Einsiedelei La Romita di Cesi, in der Fra Bernardino die Pilger willkommen heißt. 25 Jahre hat er in Assisi gelebt und den Menschen über Franziskus erzählt, bis er nicht mehr nur darüber reden wollte, sondern auch so leben, im Einklang mit den Tieren und der Natur – auch wenn es nicht einfach ist hier oben, ohne fließend Wasser und Strom. Zum Morgenritual gehört das gemeinsame Beten um sechs Uhr. Die Pilger kochen mit ihm, helfen bei der Gartenarbeit und essen im Schatten der Bäume auf der Terrasse zu Abend.

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Video: © katholisch.de

Am 4. Oktober feiert die Kirche den heiligen Franz von Assisi. Trotz großer Widerstände während der ersten Jahre seines Wirkens wurde er von der Kirche schon zwei Jahre nach seinem Tode heiliggesprochen. Ein Porträt des Ordensgründers.

In Richtung Poggio Bustone geht es weiter durch das grüne Herz Umbriens. Am Wegesrand entdeckt der Pilger Ginster, Mohn, wilde Orchideen und Disteln. Und er kann noch eines der schönsten Klöster auf der Strecke besuchen: La Foresta nahe Rieti. Ein Ort der Besinnung und Schönheit, an dem kunstvoll angelegte Gärten zum Verweilen einladen. Auch Franziskus hielt sich hier auf, schon gezeichnet von einer schweren Augenkrankheit.

Ein charismatischer Mann, der die Herzen berührte

Der charismatische Mann berührte die Menschen in ihren Herzen. Er predigte auf Italienisch, in verständlichen Worten – und so schlossen sich in wenigen Jahren über 5.000 Männer den Minderbrüdern, wie er seinen Orden nannte, an. Franziskus tat sich schwer damit, seiner Gemeinschaft feste Strukturen zu geben. Doch es wurde von ihm verlangt, und so zog er sich 1223 ins Kloster Fonte Colombo im Rieti-Tal zurück und diktierte nach einer mehrtägigen Fastenzeit die Ordensregeln, die der Papst noch im selben Jahr bestätigte. Im Altarraum der Magdalenenkapelle befindet sich unter einer Glasscheibe ein von Franziskus gemaltes Tau-Zeichen. Ruhe tanken und die vergangenen Tage Revue passieren lassen, kann man wunderbar im Kloster Clarisse Eremite in Fara in Sabina. Wenn es Nacht wird, schimmern am Horizont kleine Leuchtpunkte: die Lichter von Rom. Bald werden die stillen Momente weniger. Die Wege führen mehrfach an großen Straßen entlang. Viele Pilger nutzen für diesen Abschnitt auch Bahn oder Bus.

In Rom ist das Ziel erreicht. Franziskus hatte ein ambivalentes Verhältnis zu der Stadt, in der die Macht des Klerus im Kontrast zu seiner Lebensvorstellung stand. Die geschäftige Metropole kann zuerst überfordern; so ist der Pilger dem Heiligen auch hier gefühlsmäßig sehr nahe. Vielleicht sollte man sich auf einer ruhigen Bank mit geschlossenen Augen und den Bildern der Reise im Kopf ein wenig Zeit zum Ankommen nehmen, bevor man die Pilgerschuhe auszieht.

Von Steffi Piening

Das Magazin "der pilger"

Viele weitere Informationen und Tipps rund um das Thema pilgern, finden Sie in der aktuellen Frühjahrs-Ausgabe des Magazins "der pilger – Magazin für die Reise durchs Leben", das bundesweit am Kiosk erhältlich ist. Weitere Themen im Magazin sind unter anderem: Sehnsucht nach Heimat, Anregungen zur Fastenzeit, Tibeter in der Schweiz und Schwester Birgit aus dem Franziskanerinnen-Kloster Reute verrät, welche Pflanzen gegen Frühjahrsmüdigkeit helfen.