Kardinal Karl Lehmann wird aufgebahrt
Bischof Kohlgraf zitiert bei Requiem aus Geistlichem Testament

Kardinal Lehmann warnt: Kirche zu sehr verweltlicht

Bistum Mainz - Am Mittwoch wurde Kardinal Karl Lehmann beigesetzt. Während des Requiems zitierte sein Nachfolger Peter Kohlgraf aus dessem Geistlichen Testament. Darin macht Lehmann auch ein überraschendes persönliches Eingeständnis.

Mainz - 21.03.2018

Kardinal Karl Lehmann warnt in seinem "Geistlichen Testament" vor einer verweltlichten Kirche. "Wir haben uns alle, gerade in der Zeit nach 1945, tief in die Welt und das Diesseits vergraben und verkrallt, auch in der Kirche", schreibt Lehmann in dem am Mittwoch zu seiner Beisetzung veröffentlichten Dokument. "Dies gilt auch für mich. Ich bitte Gott und die Menschen um Vergebung", fügt er hinzu. Die "Erneuerung" müsse "tief aus Glaube, Hoffnung und Liebe kommen". Das Geistliche Testament ist auf den 15. März 2009 datiert - Lehmann hat es also vor neun Jahren verfasst.

Darin warnt der frühere Mainzer Bischof zudem vor einem rücksichtslosen Streben nach Macht. Ihm sei "die Unheimlichkeit der Macht und wie der Mensch mit ihr umgeht" immer mehr aufgegangen. Er habe unter zwei Dingen "immer wieder und immer mehr gelitten: Unsere Erde und weithin unser Leben sind in vielem wunderbar, schön und faszinierend, aber sie sind auch abgrundtief zwiespältig, zerstörerisch und schrecklich", bekennt er. Und: "Das brutale Denken und rücksichtsloses Machtstreben gehören für mich zu den schärfsten Ausdrucksformen des Unglaubens und der Sünde."

Lehmanns Nachfolger, Bischof Peter Kohlgraf, zitierte während des Requiems aus dem Testament. In seiner Predigt zeigte er sich beeindruckt von der Reaktion vieler Menschen auf den Tod von Lehmann. Wie nur wenige andere habe der Kardinal die wissenschaftliche Theologie, den priesterlichen und bischöflichen Dienst sowie die Zuwendung zu den Menschen in der Seelsorge verbunden. Das hätten die Menschen intensiv gespürt. Auch Heimatverbundenheit sei für ihn kein Lippenbekenntnis gewesen, fügte Kohlgraf hinzu. "Die Mutter war Buchhändlerin, der Vater Lehrer, die Liebe zum Buch und zum Nachdenken sind ihm offenbar in die Wiege gelegt worden."

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Der Kardinal habe darauf gedrungen, dass Theologie und Glauben mit den anderen Wissenschaften und der Welt im Gespräch bleiben müssten, damit sie nicht sektiererisch würden, betonte Kohlgraf. "Ein eigenes festes Glaubensfundament braucht die Offenheit, die geistige Weite", charakterisierte er die Haltung Lehmanns. Dafür habe er auch Kritik und Gegenwind einstecken müssen, etwa in der Frage der Schwangerenkonfliktberatung und der Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Eucharistie. "Er hat sich dem päpstlichen Lehramt gefügt und persönliche Niederlagen eingesteckt, ohne zu verbittern", sagte Kohlgraf.

Lehmann schreibt in seinem Testament weiter, er sei gerne über 20 Jahre Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz gewesen. "Es ging mir immer um die Einheit im Glauben in der Vielfalt unseres Lebens, ohne Scheuklappen und Uniformismus." Lehmann fügt hinzu: "Theologie und Kirche haben mein Leben in Atem gehalten. Ich würde wieder so wählen!" Er danke "Gott für alle Gaben, besonders die Menschen, die er mir geschenkt hat, besonders auch meine Eltern, Lehrer und meine Heimat".

Mehr als 30 Bischöfe und Kardinäle bei Requiem

Lehmann schließt sein 2009 verfasstes Geistliches Testament mit den Worten: "Wählt einen guten Nachfolger! Betet für ihn und für mich! Auf Wiedersehen!" Tatsächlich konnte Lehmann seinen Nachfolger Kohlgraf am 27. August 2017 noch selbst zum Mainzer Bischof weihen. Es sollte Lehmanns letzter öffentlicher Auftritt sein. Am 11. März dieses Jahres starb Lehmann, der sich von einem Schlaganfall im September 2017 nicht mehr erholt hatte.

An dem Requiem nahmen nach Angaben des Bistums mehr als 30 Bischöfe und Kardinäle teil, darunter der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, die Kardinäle Reinhard Marx, Walter Kasper, Rainer Maria Woelki und Gerhard Ludwig Müller sowie der Metropolit der griechisch-orthodoxen Metropolie von Deutschland, Augoustinos, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm.

Von staatlicher Seite waren Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) als Vertreterin der Bundesregierung sowie die Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg, Malu Dreyer (SPD), Volker Bouffier (CDU) und Winfried Kretschmann (Grüne) im Mainzer Dom zugegen. (bod/KNA)

Das "Geistliche Testament" im Wortlaut

"Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Mein Testament als Bischof

Ich danke Gott für alle Gaben, besonders die Menschen, die er mir geschenkt hat, besonders auch meine Eltern, Lehrer und meine Heimat. Großen Dank schulde ich den vielen haupt- und ehrenamtlichen Schwestern und Brüdern, mit denen ich zusammen arbeiten durfte und die mich unterstützten.

Theologie und Kirche haben mein Leben in Atem gehalten. Ich würde wieder so wählen! Wir haben uns alle, gerade in der Zeit nach 1945, tief in die Welt und das Diesseits vergraben und verkrallt, auch in der Kirche. Dies gilt auch für mich. Ich bitte Gott und die Menschen um Vergebung. Die Erneuerung muss tief aus Glaube, Hoffnung und Liebe kommen. Deshalb rufe ich allen die Worte meines Wahlspruchs zu, die vom Heiligen Paulus stammen, und mir immer wichtiger geworden sind: "Steht fest im Glauben!"

Ich grüße mit Dank und der Bitte um das Gebet für mich den Heiligen Vater, die Bischöfe, Priester und Diakone, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie alle Schwestern und Brüder in der Diözese Mainz, in meiner Heimat-Erzdiözese Freiburg i.Br. sowie alle Freunde in unserer Kirche und in der Ökumene und die Katholiken unseres Landes, für die ich gerne über 20 Jahre Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz gewesen bin. Es ging mir immer um die Einheit im Glauben in der Vielfalt unseres Lebens, ohne Scheuklappen und Uniformismus.

Dem Kapitel des Domes mit den Weihbischöfen überlasse ich die Gestaltung der Trauergottesdienste und der Beisetzung. Wir haben viele gute Bräuche!

Unter zwei Dingen habe ich immer wieder und immer mehr gelitten: Unsere Erde und weithin unser Leben sind in vielem wunderbar, schön und faszinierend, aber sie sind auch abgrundtief zwiespältig, zerstörerisch und schrecklich. Schließlich ist mir die Unheimlichkeit der Macht und wie der Mensch mit ihr umgeht, immer mehr aufgegangen. Das brutale Denken und rücksichtsloses Machtstreben gehören für mich zu den schärfsten Ausdrucksformen des Unglaubens und der Sünde. Wehret den Anfängen! Immer mehr habe ich das Jesuswort bei Lukas in den Ohren: "Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?" Wählt einen guten Nachfolger! Betet für ihn und für mich! Auf Wiedersehen!