Kardinal Karl Lehmann wird zu Grabe getragen.
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Die Mainzer nehmen Abschied von ihrem Karl

Kardinal Lehmann ist nicht mehr da

Bistum Mainz - Zehn Tage nach seinem Tod wurde Kardinal Karl Lehmann zu Grabe getragen. Für viele war es ein Tag großer Trauer. Dabei hatte er selbst die Gläubigen zu Zuversicht aufgerufen. So verlief die Trauerfeier.

Von Kilian Martin |  Mainz - 21.03.2018

Der Mensch ist nicht einfach nur da. Er hat ein umfassendes Dasein, das auf seine Umwelt ausstrahlt. Kardinal Karl Lehmann, der promovierte Philosoph, hätte das erklären können. Und irgendwie tut er das auch am Mittwoch, als er in Mainz zu Grabe getragen wird. Da lässt der zehn Tage zuvor verstorbene Bischof noch einmal spürbar werden, wie viel eine menschliche Existenz ausmachen kann.

Schon Stunden vor den großen Feierlichkeiten herrscht in Mainz die Stimmung eines außergewöhnlichen Tages. Hunderte Polizisten, Absperrungen, Übertragungswagen mehrerer Fernsehsender. Dazwischen aber die ganz normale Geschäftigkeit des Alltags in der belebten Innenstadt. Um 14 Uhr ist es von einer Minute auf die nächste anders. Unter dem Geläut der Totenglocke wird der Leichnam Lehmanns aus der Seminarkirche getragen, wo er seit über einer Woche aufgebahrt war.

Die Stadt nimmt Abschied von "ihrem Karl"

In den engen Gassen, wo gerade noch Spaziergänger eine sonnige Mittagspause genossen haben, wird es still. Karl Lehmann ist ein letztes Mal in den Straßen von Mainz unterwegs. Die Mainzer begleiten diesen Weg ihres alten Bischofs mit Ehrfurcht. Über drei Jahrzehnte leitete Lehmann nicht nur ihr Bistum, er prägte ihre Stadt. Noch ist er da, zwar tot, aber seine Anwesenheit lässt noch einmal alle aufmerksam werden. Der Trauerzug führt an Geschäften vorbei, deren Schaufenster neben Waren auch Trauerbilder des toten Kardinals zeigen. In den Türen stehen Verkäufer, die für ein paar Momente für "ihren Karl" auf Konjunktur verzichten.

Zum Requiem im Dom haben es wohl nur die Wenigsten derjenigen geschafft, die gerne mitgefeiert hätten. Schon lange vor dem Beginn um 15 Uhr ist das Gotteshaus voll besetzt. Mit dem Sarg zieht auch dort die Stille ein. Allerdings nur kurz, denn die Totenmesse beginnt mit Paukenschlägen. Mozarts Requiem in d-Moll. Vielleicht einer der großartigsten Beweise überhaupt, dass der Mensch eben mehr ist, als ein bloßes Lebewesen, sondern weit über sich selbst hinauswachsen kann.

Beim Requiem geht es an vielen Stellen um den Menschen und das menschliche Dasein. Angeführt am Beispiel Karl Lehmann, der immer viel mehr war: Mehr als nur Theologe, mehr als nur Bischof. Lehmann war einer der herausragenden Theologen und zugleich einer der herausragenden Bischöfe seiner Zeit.

"Theologie und Kirche haben mein Leben in Atem gehalten", schrieb Lehmann bereits im Jahr 2009 in sein Geistliches Testament. Umgekehrt gilt das aber auch. Der Theologenbischof legte sich in den Jahrzehnten seines Wirkens mehr als einmal mit dem Vatikan und Amtsbrüdern an. Seine deutlichen Positionen etwa im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen oder bei der Schwangerschaftskonfliktberatung strahlten weit über eng innerkirchliche Kreise hinaus. Und nicht zuletzt seine zwei Jahrzehnte als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz haben Lehmann zu einer der großen Stimmen der bundesdeutschen Gesellschaft gemacht. Und so versammelt sich zu seinem Requiem nicht nur kirchliche Prominenz, auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und zahlreiche weitere hohe Vertreter des Staates sind da.

Predigt mit einem Augenzwinkern

Die großen kirchlichen Debatten aber, in denen sich Lehmann stets leidenschaftlich wie klar positionierte, haben im Dom Pause. Es geht um den Abschied von einem liebenswerten und tiefgläubigen Menschen. An den erinnert Bischof Peter Kohlgraf in seiner Predigt, bei der er auch immer wieder aus dem Geistlichen Vermächtnis Lehmanns zitiert. An einer Stelle augenzwinkernd: Lehmann hatte Jahre vor seinem Rücktritt in seinem Testament die Bitte niedergeschrieben, für einen guten Nachfolger zu beten. Der ist mit Kohlgraf längst gefunden und predigt nun: Ob die Gebete gewirkt haben, müsse sich nun eben noch zeigen.

In seinem Testament hatte Lehmann auch niedergeschrieben, worunter er in seinem Leben gelitten habe. Die Streitsucht der Menschheit habe dazu gezählt, ebenso wie die Brutalität der Macht. Beim Requiem war davon keine Spur, stattdessen von Versöhnung und Demut. Dass etwa zahlreiche Vertreter anderer christlicher Kirchen und Gemeinschaften das Pontifikalrequiem mitfeierten, darf getrost als Herzensanliegen des Verstorbenen und wichtiges ökumenisches Zeichen gewertet werden. Dass auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, am Ende ein Wort des Dankes und der Würdigung spricht, verstärkt dieses noch.

Kardinal Karl Lehmann

Der verstorbene Kardinal Karl Lehmann.

Die katholische Liturgie schafft es dann, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren. Bei aller Größe der äußeren Form wird am Ende ein einfacher Sterblicher, ein sündiger Mensch zu Grabe getragen. Und das geschieht in der Mainzer Bischofsgruft im kleinen Kreis. Hier darf zuvorderst sich die Familie ein letztes Mal um ihren Karl stellen. Ein letztes Gebet, ein Segen und ein Mariengruß. Dann ist Karl Lehmann endgültig nicht mehr anwesend.

Auch lange nach dem Requiem merkt man etlichen Gesprächspartnern noch an, dass dies keine gewöhnliche Großbeerdigung war, die man besucht, um Anstand zu zeigen und gesehen zu werden. Hier zeigen echte Menschen echte Trauer. Doch der Kardinal hatte vorgesorgt. Denn sein Wahlspruch, der an diesem Tag aus vielen Mündern wiederholt wird, zwingt zur Hoffnung. "State in fide – steht fest im Glauben", hören die Trauergäste gleich mehrfach im Requiem.

Zeichen der Demuts und des Glaubens

Auch das gehört zum Unterschied eines tiefen menschlichen Daseins von der bloßen Anwesenheit des Menschen, dass er sich an das bindet, was über ihn hinausgeht. In seinem Geistlichen Testament hatte Lehmann zugegeben, dass auch er sich manchmal "tief in die Welt und das Diesseits vergraben und verkrallt" hat. Doch das zeichnet einen großen Gläubigen aus, dass er die Momente seines Unglaubens bekennt. Ein Zeichen der Demut und des Gottvertrauens ist schließlich auch das Sterbebild, das die Trauergäste an diesem Tag mit nach Hause nehmen. Es zeigt die sogenannte Johannesminne von Heiligkreuztal: Johannes, der Lieblingsjünger, legt seinen Kopf vertrauensvoll an die Brust Jesu und schließt die Augen. Der Herr wiederum belohnt den Glauben seines Schülers und schließt ihn in seine Arme. So nimmt Gott den Menschen mit seinem ganzen Dasein bei sich auf.

Von Kilian Martin