Ein Mond scheint über durch einige Bäume hindurch.
Brauchtum und Legenden um den Tag des Apostels Thomas

Die rauen Nächte

Brauchtum - Offiziell ist der 3. Juli seit der Liturgiereform, im Jahr 1970 der Gedenktag des Apostels Thomas. Vorher wurde der Thomastag am 21. Dezember gefeiert – und mit ihm der Beginn der rauen Nächte. Um diese ranken sich viele Bräuche und Legenden. Doch: Was hat es damit auf sich? Thomas war der Apostel, der an der Auferstehung Jesu Christi zweifelte und den anderen Jüngern mitteilte, er würde die Frohe Botschaft erst dann glauben, wenn er die Wunden des Auferstandenen mit seinen Fingern berührt habe.

Bonn - 21.12.2013

Einige Tage später kam es zu einer Begegnung zwischen Jesus und Thomas. Jesus mahnte den Jünger, nicht ungläubig, sondern gläubig zu sein und forderte ihn auf, seine Wunden zu berühren. Thomas gehorchte und bat seinen Herrn reuevoll um Vergebung.

Nach Christi Himmelfahrt verkündete der Apostel voller Leidenschaft das Evangelium und zog als Missionar bis nach Asien. Thomas wird deshalb auch oft der Patron Asiens genannt. Vor allem in Indien wird er verehrt. Dort erlitt er um das Jahr 70 den Märtyrertod. An der Stelle, wo er gestorben sein soll, dem "Großen Thomasberg" in der Nähe der Großstadt Madras, wurde ihm zu Ehren eine Kirche errichtet. Eine Legende erzählt, dass die Gottesmutter Maria dem ungläubigen Thomas, der bei ihrer Himmelfahrt nicht dabei gewesen war, ihren Gürtel vom Himmel hinabgeworfen habe.

Die erste Raunacht

Die Thomasnacht, die längste Nacht des Jahres, galt vor allem in Süddeutschland und Österreich als erste Raunacht – auch Rumpelnacht genannt. Sie gehört zu den "Zwölfnächten", deren Zeitspanne regional unterschiedlich war: vom Thomastag bis Neujahr oder von Weihnachten bis zum Dreikönigstag. Den Raunächten wurde schon vor Urzeiten eine besonders mystische Bedeutung zugeschrieben. Das Leben in grauer Vorzeit war in der lichtlosen und kalten Winterzeit alles andere als idyllisch. Die Menschen mussten von den im Sommer und Herbst angelegten Nahrungsvorräten leben.

Schnee, Eis und Stürme machten ihnen das Leben schwer. Dazu erzählten sie sich Geschichten von winterlichen Unholden. Die "Wilde Jagd", so stellten sich die Menschen damals vor, brause zwischen dem Thomastag und dem Dreikönigstag durch die Lüfte, angeführt vom "Wilden Jäger", dem Wode.

Später brachten Christen die alten Geschichten, die sie von ihren Ahnen gehört hatten, mit dem Heiligen Thomas zusammen. Der kürzeste Tag und die längste Nacht des Jahres wurden wegen der Dunkelheit mit den Zweifeln des Apostels gleich gesetzt.

Traditionelle Räucherungen

Der Name Raunacht stammt vom mittelhochdeutschen Wort "ruch", das "Pelz" bedeutet. Die unheimlichen Gestalten, die die Menschen sich in ihrer Fantasie ausmalten und bestimmt oft auch im Schneetreiben, im Sturm und im dunklen Wald zu erkennen glaubten, trugen in ihrer Vorstellung zottelige Pelze, das "Rauwerk". Die Welt des germanischen Gottes Wotan und seines Gefolges wurde nach der Christianisierung vom fünften bis achten Jahrhundert durch den Teufel und seine Gefolgsleute ersetzt.

Um Haus und Hof zu reinigen, wurden vielerorts auch Räucherrituale durchgeführt. Damit sollten Dämonen ferngehalten und Krankheitserreger vernichtet werden. Verwendet wurden vor allem einheimische Kräuter wie Bilsenkraut, Salbei, Holunderrinde oder Fichtenharz. Später übernahm der Pfarrer oder der Hausherr unter Verwendung von Weihrauch die traditionellen Räucherungen.

Frau Holle und Knecht Ruprecht

Dass die Furcht vor dunklen Mächten lange bestehen blieb, kommt auch in einem Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe zum Ausdruck. "Der alte Gesell Eckart" gehörte selber zum wilden Heer, ist aber ein "Holder", der rechtschaffene Menschen belohnt und Kinder beschenkt. Eine andere Sagen umwobene Wintergestalt ist Frau Holle – auch Holda oder "die Holde" genannt.

Die meisten kennen sie nur aus dem Märchen von der Goldmarie und Pechmarie. In einer ganz anderen Holle-Geschichte geht es um den Holunderstrauch: In einer der zwölf Raunächte kam Frau Holle über eine verschneite Heide. Dort stand ein kahler Strauch und beklagte sich, dass er – im Gegensatz zu anderen Bäumen und Pflanzen – keinen Nutzen und Sinn hätte und dass selbst die Armen sein mürbes Holz zum Heizen verschmähten.

Thomas legt den Finger in die Wunden Jesu: Ausschnitt aus einem Gemälde von Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571 - 1610).
Bild: © gemeinfrei

Thomas legt den Finger in die Wunden Jesu: Ausschnitt aus einem Gemälde von Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571 - 1610).

Dies rührte Frau Holle an, und sie machte aus dem kahlen Geäst den Holunderbusch. Dazu verlieh sie den Blüten und den Beeren, die der Busch im Frühling und Sommer tragen würde, eine ganz besondere Heilkraft. Neben der guten Seite der Frau Holle gibt es aber auch eine dunkle. Dann tritt sie als raue Perchta in Erscheinung und jagt mit dem "Wilden Heer".

In den Alpengebieten gehören die so genannten Perchtenläufe am Dreikönigsabend auch heute noch zum Brauchtum. Eine andere mystische Gestalt der Raunächte ist Knecht Ruprecht, der Begleiter des Heiligen Nikolaus. In uralten Zeiten, so erzählten die Menschen früher, war er ein Knecht und gehörte der "Wilden Jagd" an.

Einen Blick in die Zukunft wagen

Auch Losbräuche gehörten zum Thomastag dazu. Leinsamen wurde im Backofen getrocknet und unters Kopfkissen gelegt. Der zukünftige Bräutigam sollte dem jungen Mädchen dann in der Thomasnacht im Traum erscheinen. Im südlichen Böhmen wurden in der Thomasnacht aus neun Arten Holz Kränze gefertigt. Junge Männer oder Frauen setzten sie sich auf den Kopf und gingen in der Nacht zu einem Baum am Bach. Schaute man ins Wasser, erschien das Bild des künftigen Ehepartners.

Ebenso glaubte man, die Zukunft in der Thomasnacht vorhersagen zu können. Zerschnitt man einen Apfel und zählte die in einer Hälfte enthaltenen Kerne, bedeutete dies: Bei einer geraden Zahl stand bald eine Heirat ins Haus. Bei einer ungeraden Zahl aber war daran noch lange nicht zu denken. Schnitt man beim Teilen des Apfels einen Kern entzwei, verhieß das häufigen Streit.

Legte man sich am Thomasabend mit dem Kopf ans Fußende des Bettes, so sollte alles, was man in dieser Nacht träumte, im folgenden Jahr passieren. Wollten Kinder ihren zukünftigen Beruf in Erfahrung bringen, schrieben sie mehrere Berufswünsche auf Zettel und legten sie unters Kopfkissen. Um Mitternacht musste ein Zettel unterm Kissen hervorgeholt werden. Und auf diesem stand dann der zukünftige Beruf. Und in einer alten Bauernregel heißt es: "Wenn Sankt Thomas dunkel war, gibt’s ein schönes neues Jahr."

Ein weiterer Brauch stammt aus Westfalen: Das Kind, das am Thomastag als letztes in die Schule kam, wurde "Domesesel" genannt – und "Thomas-Faulpelz", wer zu Hause am längsten im Bett blieb. "Schweinethomas" hieß der 21. Dezember im Eichsfeld. Denn mit diesem Tag begannen die Schlachtfeste. Und die Menschen waren überzeugt, dass das Schweinefleisch am 21. Dezember am besten schmeckt.

Der Brauch der "Rittbergischen Hochzeit" stammt wiederum aus Westfalen. Dort glaubten die Menschen, am Thomastag reichlich essen und trinken zu müssen, um im neuen Jahr keinen Hunger zu leiden. Es wurden große Plattenkuchen aus Buchweizenmehl und Kartoffeln gebacken und warm, mit frischer Butter bestrichen, gegessen.

Von Margret Nußbaum