Erinnerungen an eine katholische Oase in der DDR
Das haben die ehemaligen Priesterseminaristen von Neuzelle erlebt

Erinnerungen an eine katholische Oase in der DDR

25 Jahre nach der Schließung des Priedterseminars von Neuzelle trafen sich dessen Absolventen. Die Gespräche der Ehemaligen drehten sich um Mopeds, Bier und Probe-Predigten.

Von Steffen Zimmermann |  Neuzelle - 07.06.2018

"Hier unten haben wir Kartoffeln geschält. Und da hinten mussten wir immer Kohlen schleppen." Joachim Reinelt steht im Keller des ehemaligen Priesterseminars in Neuzelle und schwelgt in Erinnerungen. Anfang der 1960er Jahre hat der spätere Bischof von Dresden-Meißen während seines Theologiestudiums das Seminar in der kleinen brandenburgischen Gemeinde besucht. Mehr als 50 Jahre danach ist der 81-Jährige an diesem Mittwoch nach Neuzelle zurückgekehrt, um auf seine Zeit in dem Ort zurückzublicken.

Anlass für Reinelts Besuch ist eine Einladung des Görlitzer Bischofs Wolfgang Ipolt. 25 Jahre nach der Schließung des Neuzeller Seminars hat der Oberhirte erstmals alle Absolventen der Einrichtung zu einem Priestertag eingeladen – und damit offenbar einen Nerv getroffen. Denn von den knapp 300 noch lebenden Absolventen sind 122 an diesem Tag in den entlegenen Ort an der deutsch-polnischen Grenze gekommen; unter ihnen mit dem 96-Jährigen Erwin Probst sogar ein Absolvent des ersten Jahrgangs von 1948.

Bild: © katholisch.de

Gruppenbild mit Bischof: Die Teilnehmer des Priestertags in Neuzelle mit dem Görlitzer Oberhirten Wolfgang Ipolt.

Die Intention des Treffens macht Ipolt zum Auftakt bei einem Pontifikalamt in der Stiftskirche St. Mariä Himmelfahrt deutlich. "Wir wollen heute die Erinnerung an das Priesterseminar in Neuzelle wachrufen", sagt der Bischof in seiner Predigt. Schließlich habe jeder Seminarist hier eine ganz besondere Zeit erlebt. "Es war für jeden von uns die Phase vor der heiligen Priesterweihe", so Ipolt. Der Priestertag wolle Gelegenheit bieten, gemeinsam auf diese prägenden Jahre zurückzublicken.

Ipolt selbst war 1978/1979 als Seminarist in Neuzelle – und erinnert sich gerne an die Zeit zurück. "Das war schon schön damals", erzählt der Bischof. Besonders habe ihm gefallen, dass man in dem überdiözesanen Seminar Studierende aus fast der ganzen DDR getroffen habe.

Ein gemeinsames Moped für die Seminaristen

Neuzelle war neben Erfurt und dem Kloster Huysburg bei Halberstadt einer von drei Standorten für die Priesterausbildung in der DDR. Während in Erfurt die wissenschaftliche Ausbildung im Mittelpunkt stand, absolvierten die Studierenden an den beiden anderen Orten ihren Pastoralkurs, der sie auf die praktische Arbeit in den Gemeinden vorbereiten sollte. Wo die Seminaristen den Kurs durchliefen, hing von ihrer Herkunft ab: Die Studierenden aus dem Norden und Westen der DDR trafen sich im Kloster Huysburg, alle anderen – aus Berlin, Dresden, Erfurt und Görlitz – kamen in Neuzelle zusammen. Erst 1993 wurde die Ausbildung in Erfurt konzentriert, die anderen Standorte wurden aufgegeben.

Als einer der Neuzeller Absolventen ist auch Ralf Bertels zum Priestertag gekommen. Er habe nur gute Erinnerungen an die Zeit im Seminar, erzählt er. Für den 68-Jährigen war Neuzelle ein "geschützter Raum" innerhalb der DDR. Beim Gang durch das ehemalige Seminargebäude erinnert sich Bertels an manches Detail des Seminaralltags: "Ich weiß noch, dass wir Seminaristen uns gemeinsam ein Moped geteilt haben. Wenn man mal eine Ausfahrt damit machen wollte, musste man das vorher anmelden", erzählt der Ruhestandspriester, der sich inzwischen in Dresden für Flüchtlinge und in der Krankenhausseelsorge engagiert.

Bild: © katholisch.de

Rund 900 Priester wurden zwischen 1948 und 1993 in Neuzelle ausgebildet.

Der Geraer Dekan Klaus Schreiter weiß zu berichten, dass er und seine Kommilitonen pro Woche eine Kiste Bier von der örtlichen Klosterbrauerei geschenkt bekamen. "Die haben wir dann immer gemeinsam geleert", sagt er mit einem Lächeln. Er erzählt aber auch, dass man den langen Arm der Staatssicherheit auch in Neuzelle gespürt habe: "Ich weiß zum Beispiel, dass die Stasi den Menschen hier in der Nachbarschaft erzählt hat, dass wir Seminaristen aus dem Westen kämen und man sich deshalb von uns fernhalten solle."

Ambivalent sind auch die Erinnerungen von Michael Anders. Einerseits beschreibt der 64-jährige Geistliche Neuzelle als "Ort der Erholung", an dem man schön spazieren gehen konnte. Andererseits denkt er nur ungern an die Probe-Predigten zurück, die er und die anderen Studierenden hier im Seminar halten mussten: "Wenn man selbst mit der Predigt dran war, saßen die Kommilitonen direkt vor einem. Man stand also ordentlich unter Beobachtung." Nach dem Gottesdienst wurden die Predigten gemeinsam besprochen, "das war aber meistens sehr wohlwollend", sagt Anders, der heute Chefredakteur der sorbischen Kirchenzeitung "Katolski Posol" (deutsch: "Katholischer Bote") in Bautzen ist.

Neues kirchliches Leben im alten Seminargebäude

Das Priesterseminar war im Kanzleigebäude des ehemaligen Klosters Neuzelle untergebracht. Hier, direkt gegenüber der Stiftskirche, wird in absehbarer Zukunft sehr wahrscheinlich neues kirchliches Leben Einzug halten. Nach jüngsten Absprachen zwischen der staatlichen Stiftung Stift Neuzelle, der die Klosteranlage heute gehört, und dem Bistum Görlitz soll das Gebäude nach einer notwendigen Sanierung in wenigen Jahren Heimat der neu nach Neuzelle gekommenen Zisterziensermönche aus Heiligenkreuz werden. Die Mönche, die seit vergangenem Jahr bereits probeweise in dem kleinen Ort leben, wollen hier am 2. September offiziell ein Tochterkloster der österreichischen Abtei gründen.

Doch an diesem Tag spielt die ansonsten vielbeachtete Wiederbesiedelung des Klosters nach 200 Jahren ausnahmsweise nur eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt steht stattdessen die Erinnerung an das Priesterseminar. Nach dem Rundgang durch das ehemalige Seminar geht der Priestertag am Nachmittag mit einer Schlussandacht zu Ende. Dass der Tag seinen Zweck erfüllt hat, sieht man an der ausgelassenen Stimmung der Absolventen. Mit vielen aufgefrischten Erinnerungen an ihre Neuzeller Zeit fahren sie schließlich wieder nach Hause.

Von Steffen Zimmermann