Gnadenbild des Aachener Doms
Das Aachener Gnadenbild soll ein modernes Gewand bekommen

Wer entwirft das neue Kleid für Maria?

Wettbewerb - 43 festliche Kleider besitzt Maria bereits. Aber nun muss etwas Neues her: Der Aachener Dom will sein Gnadenbild neu einkleiden. Wer das beste Design entwirft, darf sich über ein Preisgeld freuen.

Von Agathe Lukassek |  Aachen - 17.07.2018

Sie ist ein Blickfang im Aachener Dom: Eine hölzerne Marienstatue mit Jesus im Arm. Das Jesuskind scheint etwas kritisch zu gucken, ist aber stets genauso festlich gekleidet wie seine Mutter. Ein Gnadenbild wird seit dem 10. Jahrhundert im Aachener Dom verehrt. Die jetzige, 112 cm hohe Figur, wurde nach dem Stadtbrand 1656 im gotischen Stil geschaffen und enthält die Asche der älteren Figur. Spätestens seit dem 17. Jahrhundert wird die Skulptur mit Gewändern in der jeweils passenden liturgischen Farbe gekleidet – und alle 43 Kleiderpaare sowie Kronen, Ketten und Broschen sind Schenkungen.

Nun soll Maria aber ein neues Gewand bekommen, das sich zudem von all den anderen deutlich unterscheiden soll. Das Aachener Domkapitel hat Anfang Juli einen künstlerischen Wettbewerb ausgelobt, um "ein modernes Gewand für den Alltag" zu finden. Und das Interesse ist groß, sagt die Leiterin der Aachener Domschatzkammer, Birgitta Falk. Sie hatte Ende vergangener Woche ein Kolloquium im Dom gehalten, bei dem die Skulptur aus der Nähe betrachtet werden konnte. Mehr als 40 Künstlerinnen und Künstler seien gekommen – die Kunsthistorikerin rechnet aufgrund der bisherigen Rückmeldungen mit rund 100 Entwürfen.

Eingeladen hatte das Bistum Designer, Maßschneider, Gestalter und Kunstschaffende dazu, Schnittmuster zu entwerfen. Wer nun wirklich dabei war am Donnerstagabend, als die Figur aus Lindenholz entkleidet wurde, kann Falk nicht beantworten, denn es habe bewusst keine Kennenlernrunde gegeben. "Es ist ein anonymer Wettbewerb und die Künstler konnten Fragen stellen, ohne dass es in die Öffentlichkeit gelangt, wer an diesem Projekt mitarbeitet", erklärt Falk, die auch zu der aus zehn Personen bestehenden Jury gehört. Wer den Wettbewerb gewinnt, erhält 5.000 Euro, 3.000 Euro gibt es für den zweiten und 1.000 Euro für den dritten Platz.

Dr. Birgitta Falk ist seit November 2016 Leiterin der Aachener Domschatzkammer und der Dominformation. Sie studierte Kunstgeschichte, Baugeschichte und Geschichte an der RWTH Aachen und hat mittelalterliche Schatzkunst und Skulptur sowie die Kunst des Historismus als Forschungsschwerpunkt.

Die Künstler hätten am Donnerstag Maße genommen und um mehr Fotos der Doppelstatue auch aus verschiedenen Perspektiven gebeten "Der Umfang der Köpfe war ihnen wichtig, um das neue Gewand anziehen zu können", berichtet Falk. Außerdem hätten sich Diskussionen ergeben: Was bedeutete es früher und was bedeutet es heute, jemanden zu bekleiden? Was drückt ein Gewand aus und was will man damit zeigen, dass man ein Kleid entwirft und es der Muttergottes schenkt? "Früher waren all die Kleider sehr kostbar, aus dicken Brokatstoffen, mit Gold- und Silberfäden und Perlen bestickt – auch die Gewänder, die wir im 21. Jahrhundert geschenkt bekommen haben, sind ganz traditionell."

Was bedeutet uns Maria heutzutage und wie würden wir sie kleiden? Das sind die Fragen, die die Künstler für sich bis zum 27. September beantwortet haben müssen – dann ist Einsendeschluss für die maßstäblichen Entwürfe oder Modelle sowie für eine Erläuterung, was das Kleid ausdrücken soll.

Anlass für den Wettbewerb ist ein Jubiläum: Seit 40 Jahren gehört der Aachener Dom zum Weltkulturerbe. Vom 22. bis 30. September 2018 feiern die Aachener diese erste Auszeichnung der Unesco für ein deutsches Bauwerk mit einer Festwoche. Die Verehrung der Figur seit mehr als Tausend Jahren sei "gleichsam immaterielles Kulturerbe", teilt das Domkapitel mit, das die Tradition der Bekleidung der Statue in die Gegenwart führen will. "Als Herrscherin mit Krone und Insignien wurde Maria seit Jahrhunderten dargestellt", erklärt Falk. "Aus dieser Sphäre soll sie mit dem neuen Kleid herausgenommen und als Mensch und Gegenüber gezeigt werden." Maria sei schließlich gerade als eine Frau aus dem Volk für viele Gläubige eine Identifikationsfigur und Vermittlerin zwischen Gott und Menschen.

Das Gnadenbild des Aachener Doms unbekleidet

Das Gnadenbild des Aachener Doms unbekleidet: Die Madonna trägt geschnitzte Kleidung in schwungvoller Faltenoptik und aus dem Kopf Jesu ragt eine Schraube, um seine Krone anbringen zu können.

Denkbar ist also, dass Maria demnächst eine Jeans-Jacke trägt oder Funktionskleidung aus recyceltem Plastik. Farbe und Beschaffenheit sind den Künstlern freigestellt – es dürfen aber keine Materialien verwendet werden, die die Skulptur beschädigen könnten, also raue Oberflächen oder mit Chemikalien behandelte Stoffe. Alle Daten und Fakten liefert die Domschatzkammer zum Download auf ihrer Homepage. Der Siegerentwurf soll zeitnah realisiert und der Madonna bei der Preisverleihung im Rahmen einer Feier im Dom am 1. Februar 2019 angezogen werden. Dann beginnt auch eine dementsprechende Ausstellung.

Einen Tipp het Birgitta Falk für Künstler, die möchten, dass Maria das neue Gewand nicht nur dieses eine Mal trägt, sondern immer wieder mit dem neuen Gewand bekleidet wird: "Man muss gucken, wie das Kleid in den kirchlichen Jahreslauf hineinpasst, sich also an den liturgischen Farben orientieren oder etwas erschaffen, das zu einem bestimmten Fest passt".

Von Agathe Lukassek