Deshalb wird das Vaterunser in der Messe unterbrochen
Liturgiewissenschaftler erklärt den Embolismus

Deshalb wird das Vaterunser in der Messe unterbrochen

Glaube - Es ist ein Einschub, der gelegentlich für fragende Gesichter sorgt: Das kurze Gebet des Priesters, das in der Messe auf das Vaterunser folgt. Liturgiewissenschaftler Saberschinsky erklärt, was es damit auf sich hat.

Von Alexander Saberschinsky |  Bonn - 15.09.2018

In der Messfeier folgt auf das Vaterunser der Gemeinde ein kurzes Gebet des Priesters: "Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten." Darauf folgt der abschließende Lobpreis der Gemeinde: "Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen."

Woher kommt dieser Einschub und warum gibt es ihn in der Messfeier?

Dieser Einschub wird von Fachleuten "Embolismus" genannt, eine rein formale Bezeichnung, denn das ist lediglich das griechische Wort für "Einschub". Er ist sehr alt und geht möglicherweise auf die Zeit Leos des Großen (440-461), also auf das fünfte Jahrhundert zurück. Dies ist die Zeit der Völkerwanderung, also eine Zeit des Leids und der kriegerischen Auseinandersetzungen. Da lag es besonders nahe, Gott um die Bewahrung "von allem Bösen" und um Frieden zu bitten. Damit knüpfen die Beter unmittelbar an die Vaterunser-Bitte "erlöse uns von dem Bösen" an, so dass sich diese allgemeine Aussage auf die konkrete Erfahrung des Bösen im Alltag hin konkretisiert. Das ist ein besonderes Element in der Messfeier, anders als in Andachten oder im Stundengebet beziehungsweise in der Tagzeitenliturgie.

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Video: © katholisch.de

Nach der letzten Bitte des Vaterunsers wartet die Gemeinde im Gottesdienst meist kurz ab, ob der Priester den Einschub "Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen ..." betet, bevor sie das Gebet Jesu zu Ende spricht. Pater Manfred Entrich erklärt, was es mit dem sogenannten Embolismus auf sich hat.

Warum schließt sich an den Einschub der Lobpreis "Denn dein ist das Reich ..." an?

Dieser Lobpreis, der griechisch übersetzt "Doxologie" genannt wird, wird von den Evangelien nicht überliefert, hat aber eine sehr lange Tradition, die bis in das zweite Jahrhundert zurückreicht. Wenn hier vom "Reich" Gottes die Rede ist, dann blicken die Beter auf die ausstehende Vollendung aus. Denn darum geht es auch in der Messfeier, in der das Vaterunser gebetet wird: In ihr haben die Gläubigen bereits Anteil an der Vollendung und sehen gewissermaßen den Himmel schon offen. Daher wird die Messfeier mit dem Bild vom himmlischen Hochzeitsmahl in Verbindung gebracht. Genau zu diesem Gedanken leitet der sogenannte Embolismus über. Denn nach der Bitte um Erlösung von allem Bösen und um Frieden kommt die Erwartung auf das "Kommen unseres Erlösers Jesus Christus" zum Ausdruck. Das ist der letzte Grund, warum die Gläubigen auf die Überwindung des Bösen hoffen dürfen: Gott wird vollenden, wo wir an unsere Grenzen stoßen. Das ist das Schöne am Embolismus: Er lässt dem Bösen, mit dem das Vaterunser schließt, nicht das letzte Wort, sondern stellt der Erfahrung des Bösen die Zuversicht auf das Kommen Christi entgegen. Darin stimmen die Gläubigen dann im abschließenden Lobpreis ein.

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Die Dominikanerin Schwester Ursula Hertewich aus Koblenz betet das "Vater unser" und erklärt, was das Gebet bedeutet.

Kann man den Embolismus auch weglassen?

Das ist nicht vorgesehen. Der Embolismus ist laut Messbuch kein Auswahlelement. Es gibt auch keine alternativen Fassungen. Und es ist schade, wenn man ihn ausfallen lässt, denn es handelt sich keineswegs um eine "alte Kamelle". Im Gegenteil: Angesichts der heutigen Krisenherde, kriegerischen Auseinandersetzungen und der großen Flüchtlingsbewegungen könnte diese Bitte aus den Zeiten der Völkerwanderung kaum aktueller und drängender sein. Der Embolismus gibt dem 2.000 Jahre alten Vaterunser und der fast ebenso alten Schlussdoxologie einen hochaktuellen Bezug. Übrigens kennen auch die Liturgien der Ostkirchen, außer der byzantinischen, einen solchen Einschub. Es wäre also auch um der Ökumene mit diesen Kirchen willen kein schönes Zeichen, auf den Embolismus zu verzichten.

Von Alexander Saberschinsky

Der Autor

Alexander Saberschinsky (*1968) ist Honorarprofessor für das Fach Liturgiewissenschaft an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Paderborn und hat weitere Lehraufträge an der Bergischen Universität Wuppertal sowie der Universität Siegen. Für das Erzbistum Köln arbeitet er als Referent für Liturgie im Erzbischöflichen Generalvikariat.