Sein letztes Wort war ein Name: Jesus Christus
Vor 50 Jahren starb der Schweizer Theologe Karl Barth

Sein letztes Wort war ein Name: Jesus Christus

Er gilt als bedeutendster protestantischer Theologe des 20. Jahrhunderts: Karl Barth. Er begründete die dialektische Wort-Gottes-Theologie, rief während des Dritten Reiches die Christen zum Widerstand auf und setzte sich nach dem Krieg für die Ökumene ein. Vor 50 Jahren starb er.

Von Fabian Brand |  Bonn - 10.12.2018

"Das letzte Wort, das ich als Theologe und als Politiker zu sagen habe, ist nicht ein Begriff wie 'Gnade', sondern ist ein Name: Jesus Christus." Mit diesen Worten resümiert Karl Barth im November 1968 sein ganzes Leben. Prägnant bringt er auf den Punkt, was ihn als Theologe umgetrieben hat: Die Beschäftigung nicht mit einer bloßen Lehre oder Ideologie, sondern die Verkündigung eines Namens und damit letztlich die Begegnung mit einer Person. "Um was ich mich in meinem langen Leben bemüht habe", so Barth weiter, "war in zunehmendem Maße, diesen Namen hervorzuheben und zu sagen: dort!" Präzise fasst Karl Barth zusammen, was er rückblickend als seine Lebensaufgabe verstand. Es mutet seltsam an, dass einer der größten Theologen des 20. Jahrhunderts sein ganzes wissenschaftliches Schaffen mit einem Namen zusammenfasst: Jesus Christus. Wer aber war dieser Mensch Karl Barth, der heute vor fünfzig Jahren gestorben ist? Und welche Gedanken haben sein theologisches Wirken durchzogen?

Karl Barth wurde am 10. Mai 1886 in Basel geboren. Sein Vater war als Theologe und Pfarrer tätig und lehrte später an der Universität Bern Dogmatik, Kirchengeschichte und Neues Testament. Schon sehr früh lässt sich der junge Karl von der Arbeit seines Vaters begeistern, nach dem Abitur beginnt er sein Theologiestudium zunächst in Bern, später in Berlin. Dort wird er Schüler des berühmten Dogmengeschichtlers Adolf von Harnack. Barths weiterer Studienweg ist verschlungen: Er führt ihn nach Tübingen und Marburg und schließlich zurück nach Bern, wo Karl Barth im November 1908 zum Pfarrdienst ordiniert wird. Bevor er jedoch das Vikariat in Genf beginnt, kehrt Barth für einige Monate nach Marburg zurück, wo er auch Rudolf Bultmann kennenlernt. Eine sehr lange Zeit bleiben die beiden in freundschaftlicher Verbindung, obwohl sie theologisch häufig unterschiedliche Standpunkte vertraten.

Akribische Vorbereitung der Predigten

Ein erster Einschnitt in Barths Leben erfolgt 1911, als er Pfarrer in der kleinen Arbeiter- und Bauerngemeinde Safenwil im Aargau wird. Als "Landpfarrer", wie er sich selbst gerne bezeichnete, hielt Barth in den zehn Jahren seines Wirkens über 500 Predigten in der Gemeinde. Die Vorbereitung dieser Predigten wurde von Karl Barth akribisch durchgeführt, oft saß er mehrere Tage an seinem Predigttext. 1913 heiratete er seine Frau Nelly, die schon kurz darauf ihr erstes Kind zur Welt brachte. Mit der Krise des Ersten Weltkriegs wird auch Barths theologisches Denken erschüttert: Die Zurückhaltung seiner Lehrer, bei denen er Theologie studiert hatte, macht ihn fassungslos. Er selbst schreibt: An ihrem "ethischen Versagen" zeigte sich, "dass auch ihre exegetischen und dogmatischen Voraussetzungen nicht in Ordnung sein könnten".

Gräber bei Verdun: Der Erste Weltkrieg bildete eine Zäsur im theologischen Denken Karl Barths.

Die Angst der Kirche, sich in der politisch angespannten Situation zu äußern, wird für Barth der Anknüpfungspunkt für sein eigenes Engagement um die Theologie des Wortes Gottes. In dieser bedrängten Zeit entsteht auch das erste große Werk Barths, sein Römerbriefkommentar. Hierin versucht er, den biblischen Text nicht nur historisch-kritisch zu betrachten, sondern auszuarbeiten, welche Botschaft der Römerbrief für die Menschen heute in ihrer ganz konkreten Zeit bereithält. Im Vorwort zur ersten Auflage schreibt Barth im August 1918 daher: "Paulus hat als Sohn seiner Zeit zu seinen Zeitgenossen geredet. Aber viel wichtiger als diese Wahrheit ist die andere, dass er als Prophet und Apostel des Gottesreiches zu allen Menschen aller Zeiten redet." Die Botschaft von Gott, die Paulus an die Menschen richtet, ruft die Hörer heute ebenso in die Entscheidung, wie damals. Einen historischen Graben zwischen der Zeit des Paulus und der heutigen Zeit versucht Barth dadurch zu überwinden.

Zwar blieb der Römerbriefkommentar nicht ohne Widerspruch, doch schon im Januar 1921 wurde Karl Barth als Professor an die theologische Fakultät der Universität Göttingen berufen. Obwohl er sich nie promoviert oder habilitiert hatte, wurde Barth bald von der Universität Münster zum Dr. theol. ernannt, dort wurde er 1925 auch Professor. Eine intensive Lehrtätigkeit bestimmte fortan das Leben von Karl Barth, hier entstand auch einer seiner theologischen Grundgedanken: die Dialektische Theologie. Barth selbst charakterisiert sie folgendermaßen: "Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben." Der Mensch in seiner Unzulänglichkeit soll von einem Gott reden, der ihm souverän begegnet. Die Position der "unmöglichen Möglichkeit" der Gotteserkenntnis verweist den Menschen ganz und gar auf die göttliche Offenbarung. Erst durch sie löst sich der Gegensatz zwischen Gott und den Menschen auf und es wird den Menschen möglich, Gott zu erkennen. Dieser Grundzug der "Theologie des Wortes", unter der Karl Barth die Rede Gottes zum Menschen versteht, ist prägend für sein ganzes akademisches Wirken.

Die heimliche Geliebte

Eine weitere, tiefe Veränderung in Barths Leben ergab sich 1924, als der Theologe Charlotte von Kirschbaum kennenlernt. Sie wird zu einer der wichtigsten Mitarbeiterinnen Karl Barths. Wie eng das Verhältnis aber in Wirklichkeit war, wurde erst Jahrzehnte später öffentlich. Die Liebesbeziehung zwischen Barth und Charlotte von Kirschbaum löste unweigerlich Konflikte mit Nelly Barth aus, die dadurch verstärkt wurden, dass die Geliebte 1929 in das Haus der Familie in Münster einzog. Dort blieb sie auch bis zur Einlieferung in ein Pflegeheim in den 60er Jahren wohnen.

Aufgrund unüberwindlicher Meinungsverschiedenheiten wechselt Karl Barth 1930 an die Universität Bonn. Hier wird er zunehmend von der sich zuspitzenden politischen Situation in Deutschland auf den Plan gerufen. Obwohl er sich lange Zeit nicht äußerte, verfasst er im Juni 1933 seine Kampfschrift "Theologische Existenz Heute", in der er zum Widerstand der Kirche und der Theologie gegen "Geist und Buchstaben" des Nationalsozialismus aufruft. Maßgeblich ist Barth auch an der Formulierung der sechs Thesen von Barmen beteiligt, in der sich reformierte, unierte und lutherische Christen im Mai 1934 offen gegen die nationalsozialistische Herrschaft positionieren. Als Karl Barth schließlich auch den Treueid auf den "Führer" verweigert, wird er im November 1934 vom Dienst als Hochschullehrer suspendiert und kehrt als außerordentlicher Professor an der Universität Basel in die Schweiz zurück.

Die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Hauptgebäude der Universität mit der Hofgartenwiese im Vordergrund.

Wirkungsstätte Karl Barths: die Universität Bonn mit der Hofgartenwiese im Vordergrund.

Auch wenn es Barth 1946 nochmals für zwei Semester als Gastdozent an die Universität Bonn zieht, hat er seinen Lebensmittelpunkt längst wieder in die alte Heimat verlagert. Dort arbeitet Barth vor allem an seiner "Kirchlichen Dogmatik". Ein Mammutwerk, das vollendet mehr als 9.000 Seiten umfasst. In ihr buchstabiert Karl Barth seine theologische Lehre vollends aus. Die Traktate Gotteslehre, Gnadenlehre und Schöpfungslehre entwirft er von seinem Gedanken der theologischen Dialektik ausgehend und legt damit ein Kompendium seines Denkens vor. Erst 1966, im Alter von achtzig Jahren, kann Barth die Arbeit an seiner Kirchlichen Dogmatik vollenden. Zwar besteht sie aus dreizehn dicken Bänden, doch bleibt sie letztlich unvollendet, da Barths Auseinandersetzung mit dem Traktat Eschatologie fehlt.

Engagement für die Ökumene

Die letzten Schaffensjahre widmet Karl Barth der theologischen Arbeit und besonders auch dem Engagement in der Ökumene. Zu seinem 70. Geburtstag erhält Barth zahlreiche Ehrungen; die Zeit neben der akademischen Arbeit widmet er einer ganz besonderen Gottesdienstgemeinde: Seit 1954 feiert er regelmäßig Gottesdienste im Basler Gefängnis, wo er weiterhin mit Begeisterung predigt und viele der Insassen persönlich kennt. 1962 tritt Barth endgültig in den Ruhestand und reist zu Vorträgen und Einladungen in die USA. Noch 1966, bereits achtzigjährig, besucht er mit seiner Frau Nelly Rom und wird von Paul VI. in einer Privataudienz empfangen. In der Nacht vom 9. zum 10. Dezember 1968 stirbt Barth in seinem Geburtsort Basel.

Blickt man auf das Leben und theologische Wirken Karl Barths, so lässt sich vor allem seine Begeisterung für die Person Jesu Christi erkennen. Nicht die großen theologischen Begriffe und Gedanken haben ihn immer wieder motiviert und angetrieben. Es war Christus, den er in vielfältiger Weise in akademischer Lehre und Predigt verkündigt hat und für den er auch in bedrängter politischer Situation noch Zeugnis ablegte. Vielleicht wird von diesem Namen her erst verständlich, worum es Karl Barth in seinen vielen Schriften geht. Denn, so betont Barth selbst: "Es ist keinem Namen Heil, als in diesem Namen. Dort ist denn auch die Gnade. Dort ist auch der Antrieb zur Arbeit, zum Kampf, auch der Antrieb zur Gemeinschaft, zum Mitmenschen. Dort ist alles, was ich in meinem Leben in Schwachheit und in Torheit probiert habe. Aber dort ist's."

Von Fabian Brand