Wer hilft bei religiösen Störungen oder spirituellen Krisen?
Warnung vor unseriösem Psychomarkt und selbsternannten Therapeuten

Wer hilft bei religiösen Störungen oder spirituellen Krisen?

Was tun, wenn man in eine spirituelle Krise gerät? Die klassische Psychotherapie beantwortet keine Sinnfragen und esoterische Angebote können eher schaden als helfen. Aber es gibt Orte, an denen das psychotherapeutische Angebot um eine spirituelle Dimension erweitert ist.

Von Janina Mogendorf |  Bonn - 05.02.2019

In den ersten vierzig Jahren des Lebens ist der Mensch mit Wachsen und Aufbauen beschäftigt. Klare Ziele, wie Ausbildung und Beruf, Haus und Familie sorgen für Antrieb und Struktur. In der Lebensmitte kommen dann viele an einen Punkt, an dem sie entweder erreicht haben, was sie wollten oder es zu spät scheint. Es ist eine Phase des Innehaltens und der Bestandsaufnahme und eine Zeit, in der existentielle Fragen plötzlich wichtig werden. Wo komme ich her und wo gehe ich hin? Welchen Sinn hat mein Dasein? Gibt es Gott und was will er von mir?

Oft ringen Glaube und Vernunft miteinander und erschweren die Suche nach Antworten. Ist die Seele verletzt, etwa durch schwierige Lebenserfahrungen, dem Gefühl Fehler gemacht zu haben oder durch Erkrankungen wie Burnout, können Menschen in eine spirituelle Krise geraten oder religiöse Störungen entwickeln. Da die klassische Psychotherapie keine existentiellen Werte- und Sinnfragen beantwortet, suchen viele Betroffene Halt in esoterischen Angeboten.

Unseriöse Therapien verletzen die Seele

Das Zentrum Bayern Familie und Soziales des bayerischen Landesjugendamtes warnt vor einem "unseriösen Psychomarkt", der mit einer Mischung aus Heilsversprechen, religiösen Deutungen, magischen Vorstellungen, Alternativmedizin und psychologischen Methoden lockt. Zugleich steige die Erwartung von selbsternannten Therapeuten geheilt zu werden, so dass sie quasi eine religiöse Funktion erhielten. Für die Hilfesuchenden jedoch kann eine unseriöse Behandlung weitere seelische Verletzungen zur Folge haben.

Die Heiligenfeldkliniken in Bad Kissingen haben daher ihr fundiertes psychotherapeutisches Angebot um eine spirituelle Dimension erweitert, um Menschen in religiösen Krisen zu helfen. Voraussetzung ist eine klassische Diagnose, wie etwa Depression. Bei etwa fünf Prozent der Patienten wird zusätzlich eine spirituelle Sinnkrise diagnostiziert. Die Menschen kommen mit ganz unterschiedlichen Problemen, von schmerzvollen Glaubenszweifeln, über paranormale Störungen, bis hin zur wahnhaften Überzeugung ein Erzengel zu sein.

Bild: © KNA

In der Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg ist das Recollectio-Haus untergebracht.

Im Rahmen einer Patientencheckliste werden entsprechende Symptome abgefragt. Etwa die Überzeugung, besonders begnadet, gesegnet oder erleuchtet zu sein oder übersinnliche Erfahrungen gemacht zu haben. Die behandelnden Ärzte nehmen die Patienten in ihrer religiös-spirituellen Auseinandersetzungen ernst, sagt die Klinikgründerin Dorothea Galuska im Deutschlandfunk Kultur. Die Therapeuten und Fachärzte der Klinik haben sich mit mindestens einer religiösen Tradition vertieft auseinandergesetzt und begegnen den Menschen wertschätzend und annehmend.

Recollectio-Haus: Kraft finden in Gott

Beides spielt auch im Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach eine große Rolle. Ein Ort für Priester, Ordensleute und kirchliche MitarbeiterInnen, innehalten, über ihr Leben nachdenken und neue Kraft schöpfen wollen. "Bei uns sind Menschen willkommen, die in einer Lebenskrise stecken. Allerdings können wir keine Menschen aufnehmen, von denen wir meinen, dass ein vollstationärer Aufenthalt notwendig ist. Auch haben wir Ausschlusskriterien wie Sucht und Suizidalität", sagt Pater Zacharias Heyes, einer der geistlichen Begleiter im Recollectio-Haus.

Die Gäste leben mehrere Wochen in Gruppen zusammen und werden von Geistlichen sowie Psychotherapeuten begleitet. Neben Einzel- und Gruppengesprächen, gehören leichte körperliche sowie kreative Arbeiten zum Aufenthalt, ebenso Übungen für die Körperwahrnehmung, Vorträge und Workshops. Das Zusammenleben in der Gemeinschaft, das gemeinsame Beten und die Feier der Eucharistie unterstützen den Erneuerungs- und Heilungsprozess.

"Zu uns kommen zum Beispiel Priester, die jahrelang für die Gemeinde dagewesen sind, aber wenig für sich selbst Sorge getragen haben, so dass ihr geistliches Leben auf der Strecke geblieben ist. Oder Gemeindemitarbeiter, deren Pfarrei von einer Fusion betroffen ist und die ihren neuen Platz finden müssen", erklärt Pater Zacharias. Auch Ordensleute, die nach langen Jahren in der Mission zurückkehren, sind darunter.

Die Therapeuten sind religiös geprägt

In den geistlichen Gesprächen geht es um Fragen wie: Wo entdeckt der Mensch Gott in seinem Leben? Wie ist er mit ihm auf dem Weg? Was hat die Situation, in der er gerade ist, für einen Sinn? "Viele entdecken hier neue Aspekte in ihrer Gottesbeziehung. Zum Beispiel, dass man auch aggressiv sein darf. Dass ich gegenüber Gott nicht immer nur Ja und Amen sagen muss. Alle Gefühle dürfen vor Gott sein", sagt Pater Zacharias. Und wer eine Richtung eingeschlagen hat, in der er nicht weiterkommt, versucht es mit einem anderen Weg. "Ein Mitbruder von mir sagt immer, Umwege erhöhen die Ortskenntnis‘."

Hilfe bei Suizidgedanken

Katholisch.de berichtet in der Regel nicht über Selbsttötungen, um Nachahmer zu vermeiden. Sollten Sie selbst oder Menschen in Ihrem Umfeld Suizidgedanken haben, wenden Sie sich unter 0800-1110111 oder 0800-1110222 umgehend an die kostenlose Telefonseelsorge. Dort erhalten Sie Hilfe.

Manche Menschen, die nach Münsterschwarzach kommen, haben erlebt, dass Gott in Psychotherapien ausgeklammert wird oder Religiöses als psychologische Störung interpretiert wird. Im Recollectio-Haus steht das Thema dagegen im Mittelpunkt. Fünf Mönche der Abtei und eine Ordensfrau arbeiten dort als geistliche Begleiter. Auch die Therapeuten sind religiös geprägt. "Menschen, die in eine Krise geraten sind, brauchen nicht nur ein therapeutisches, sondern auch ein geistliches Angebot, weil das Heilende von Gott kommt und wir im Glauben eine große Kraftquelle finden", betont Pater Zacharias.

Deshalb geht es in den Gesprächen auch um das Gottesbild des Einzelnen und wie dieses von der eigenen Elternbeziehung geprägt wurde. Auch Traumdeutung kann helfen, Licht ins Dunkle zu bringen. "Träume sind Gottes vergessene Sprache mit uns Menschen", sagt Pater Zacharias. "Sie beinhalten eine geistliche Botschaft, können Lösungen aufzeigen und Wege weisen." Auch aus ausweglos erscheinenden Situationen. "Wenn Menschen Leid widerfährt, erleben sie das oft als Strafe Gottes. Doch Gott straft nicht. Er trägt die Situation mit und möchte, dass wir wieder ins Leben hineinfinden. Das Leben ist ein Geschenk, es geht nicht nur darum es zu bestehen, wir sollen es auch genießen."

Von Janina Mogendorf