Trotz Klimawandel und Kostendruck richtig heizen

Warum Kirchen schimmeln – und was man dagegen tun kann

Aktualisiert am 05.03.2019  –  Lesedauer: 

Eine Kirche zu heizen, geht richtig ins Geld: Riesige Räume, alte Gemäuer, mal proppenvoll, meistens leer – und dann auch noch der Klimawandel. Es droht Schimmel. Besonders Kunst und Orgeln sind bedroht – doch es gibt auch Strategien gegen den Pilzbefall.

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Wenn sich viele kleine weiße Punkte auf der Oberfläche von hölzernen Orgelpfeifen sammeln, ist das ein Alarmzeichen: Die Orgel hat ein Schimmelproblem. In Deutschland machen Orgelbauer, Organisten und Restauratoren diese Entdeckung in den vergangenen Jahren immer häufiger. Sie beklagen einen starken Anstieg von Schimmelbefall in Kirchen – und das auch an Gemälden, Kirchenbänken und dem Gemäuer selbst.

Hier nur einige Beispiele: Die Hohenzollerngruft im Berliner Dom wird derzeit wegen Motten- und Schimmelbefalls umfassend saniert, die Orgel des Aachener Doms ist im vergangenen Jahr aus dem gleichen Grund ebenfalls wieder umfassend instandgesetzt worden. Und kürzlich untersuchten Studentinnen der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim in einem Forschungsprojekt geschädigte Gemälde aus einer Braunschweiger Kirche – Anlass für die HAWK, im Januar eine mehrtätige Fachtagung zu dem Thema abzuhalten. 

Klimawandel und Kostendruck fördern Schimmel

"Dramatisch zugenommen" habe der Schimmelbefall von Kirchengebäuden, so fasst es deren Abschlussbericht unmissverständlich zusammen. Und auch Christian Dahm, der mit seiner Initiative "Energie&Kirche" evangelische und katholische Einrichtungen in Sachen Energie berät, hat in den vergangenen fünf bis zehn Jahren einen solchen vermehrten Schimmelanstieg beobachtet.

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Mögliche Gründe dafür gibt es viele. Da ist einmal der Klimawandel: Lang anhaltende Winter mit trockener Kälte sind immer seltener, dafür strömt im Frühjahr schon früher warme Luft in die Kirchen – ein Wechsel, der das ideale Maß an Luftfeuchtigkeit in den Gemäuern durcheinander bringt. Laut Restauratorin Ina Birkenbeul von der Fakultät "Bauen und Erhalten" der HAWK spielen auch das Heizverhalten und eine sich ändernden Kirchennutzung eine Rolle.

Wurde vor 20 oder 30 Jahren Kirchen oft noch durchgängig beheizt und es den Gottesdienstbesuchern mit höheren Temperaturen möglichst gemütlich gemacht, ist heute Sparen im doppelten Sinne angesagt: Erstens um keine unnötige Energie zu verpulvern und zweitens um Kosten zu senken. Denn die können die Gemeindehaushalte stark belasten – bei einer durchschnittlichen Kirche mit 300 Sitzplätzen und 450 Quadratmeter Fläche kämen im Jahr rund 4.000 Euro zusammen, rechnet Energieberater Dahm vor. Deswegen würden Kirchen heute oft nur noch für einen bestimmten Anlass beheizt. Dann entstünden jedoch große Temperaturunterschiede in kurzer Zeit – und die seien Gift für das Interieur. "Trifft zum Beispiel warme Heizungsluft auf eine noch kalte Kirchenmauer, kann sich dort Kondenswasser bilden — genauso wie im Sommer ein kühles Glas Bier oder Wein beschlägt. Und dann entsteht Schimmel", verdeutlicht auch Ina Birkenbeul.

Isolierung ist gut für die Energiebilanz – aber nicht immer fürs Raumklima

Auch die Dichtigkeit einer Wand ist ein Schimmel-Faktor. So kann eine aus Sicht der Energieeffizienz durchaus sinnvolle, aber nicht zu Ende gedachte Sanierung unangenehme Nebeneffekte haben: Werden Jahrhunderte alte Kirchenwände oder -dächer abgedichtet oder ein wasserabweisender Putz aufgetragen, hat Feuchtigkeit im Inneren keine Chance mehr, durch das Gemäuer nach außen zu dringen. Die Schimmelgefahr steigt.

Vor einer Orgel sind Orgelpfeifen aufgebaut.
Bild: ©Domkapitel Speyer/Klaus Landry (Symbolbild)

Orgeln sind besonders anfällig für Schimmel, weil es in ihrem Inneren oft dunkler und damit kühler ist als anderswo in der Kirche. Auch Dreck sammelt sich zwischen den Pfeifen gern an. Außerdem kann in den Orgeln anders als im Kirchenschiff keine Zirkulation entstehen. Wie Christian Dahm erklärt, stehen die Instrumente zudem oft direkt vor einer Wand — ein Fehler. "Schließlich gilt ja schon in privaten Wohnungen nicht umsonst die Regel: den Schrank nicht vor eine Außenwand stellen, sonst schimmelt es".

Noch eine ganz andere These bringt Christian Dahm als mögliche Ursache für die Schimmelbildung ins Spiel: Die Luftqualität sei heute zu gut. Während noch in den 80er-Jahren in Deutschland Luftverschmutzung durch Schwefeldioxid ein großes Thema war, haben sich die Verhältnisse inzwischen deutlich verbessert. "Mit dem Schwefeldioxid hat der Schimmel einen natürlichen Feind verloren", so Dahm.

13 Grad sind ideal für eine Kirche

Um Schimmelbefall zu vermeiden, ist vor allem eine Richtgröße wichtig: Die relative Luftfeuchtigkeit. "Die sollte sich etwa zwischen 40 und 70 Prozent bewegen", sagte Ina Birkenbeul. Steigt der Wert darüber – was oft passiert, wenn es kalt und feucht wird – dann kann sich Schimmel bilden. Sinkt der Wert darunter – zum Beispiel durch Überheizen – dann ist die Luft zu trocken. Und auch das mögen Orgel, Gemälde und Bänke überhaupt nicht. Messgeräte, die die relative Luftfeuchtigkeit bestimmen, lassen sich nach Angaben der Experten ohne allzu großen finanziellen und logistischen Aufwand einbauen. Außerdem sollten Kirchen nicht zu abrupt nach oben oder unten geheizt und damit großen Temperaturschwankungen ausgesetzt werden. Um die 13 Grad liegt die ideale Temperatur in einer Kirche, heißt eine alte Faustregel.

Christian Dahm fordert außerdem, Küstern und auch Kirchenmusikern in den Gemeinden Know-How zum Thema Heizen und Luftfeuchtigkeit in den Kirchen zu vermitteln. "Da sehe ich die Generalvikariate und Bauabteilungen in der Pflicht". Dies sei eine gute Investition – und allemal günstiger, als später mit aufwändigen Restaurationen Schimmelschäden zu beseitigen.

Von Gabriele Höfling