Mitglieder des "Inner Circle" scharen sich am 2. Februar um das wettervorhersagende Murmeltier Punxsutawney Phil im US-Bundesstaat Pennsylvania.
Der Kult an Lichtmess geht auf deutsche Einwanderer zurück

Die Kraft des Murmeltiers

Der Ort Punxsutawney wäre vermutlich für immer ein unbedeutendes Nest geblieben, hätte ein gewisser Punxsutawney Phil die 6.000-Einwohner-Gemeinde im Hinterwald des US-Bundesstaates Pennsylvania nicht vom Schicksal ewiger Unbekanntheit erlöst. Dieser Phil, ein Waldmurmeltier der Gattung Marmota momax, verfügt nämlich anscheinend über die ungewöhnliche Gabe, den Menschen einen Blick in die Zukunft zu erlauben.

Bonn - 03.02.2013

Nach der festen Überzeugung vieler Amerikaner bleibt es ab Mariä Lichtmess, also dem 2. Februar, noch mindestens weitere sechs Wochen frostig, wenn der mehr oder weniger sanft aus seinem Winterschlaf geweckte Nager an diesem Tag seinen eigenen Schatten sehen kann. Wirft eine hinter Wolken verborgene Sonne hingegen keinen Schatten, kündigt ein solch bedeckter Himmel nach altem Volksglauben den Frühling an.

Seit Filmkomödie weltbekannt

Eine weltweit erfolgreiche Filmkomödie mit Bill Murray und Andie MacDowell nahm sich 1993 dieses Stoffes an und seither ist es vorbei mit der Abgeschiedenheit des Ortes mit dem unaussprechlichen Namen: Am alljährlichen Tag des Murmeltiers haben sich in Punxsutawney die Besucherzahlen vervielfacht.

Obwohl der Kult um die meteorologischen Fähigkeiten des haarigen Phil dem Vernehmen nach auf deutsche Einwanderer zurückgeht, hat die hiesige Filmindustrie bislang noch nichts dafür getan, um Ortschaften wie Aua in Nordhessen oder Zabakuck in Sachsen-Anhalt aus dem Schlaf des Vergessens zu reissen. Dabei scheinen doch auch im alten Europa zumindest Teile der Tierwelt über hellseherische Fähigkeiten zu verfügen.

Bauernregeln orientieren sich am Verhalten von Dachsen an Mariä Lichtmess

Schon seit Jahrhunderten orientiert sich die wetterabhängige Bevölkerung in einigen Landstrichen Deutschlands beispielsweise am Dachs, von dem sie zu wissen meint "Sonnt sich der Dachs zur Lichtmess-Woche, geht auf vier Wochen wieder er zu Loche." Im entgegengesetzten Fall gilt ebenso sicher: "Wenn es aber stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit."

Ausgerechnet im Umfeld eines katholischen Feiertags scheinen sich damit Traditionen erhalten zu haben, die den dichten Vorhang zwischen Gegenwart und Zukunft wenigstens ein paar Zentimeter zu heben versprechen. Sollte da vielleicht nicht auch die Kirche selbst die Gunst der Stunde nutzen, um einen Blick darauf zu wagen, was an guten und schlechten Tagen vor ihr liegt?

Tiere als Übermittler der göttlichen Botschaft gibt es auch in der Bibel

So ganz fremd ist es schließlich sogar der Bibel nicht, außerhalb jeder Regel liegende tierische Fähigkeiten kreativ zu nutzen. Im 4. Buch Mose wird beispielsweise davon berichtet, wie eine sprechende Eselin einen gewissen Bileam davon abhält, Gottes Willen zu missachten und gegen stattliches Honorar das Volk Israel zu verfluchen.

Dachse und Murmeltiere in der Wettervorhersage und ein unscheinbares Huftier als Übermittler einer göttlichen Botschaft: So ganz undenkbar bräuchte es also nicht zu sein, wenn auch die heutige Kirche Hilfe in der Weite der irdischen Fauna suchte. Es muss sich dabei ja nicht gleich um einen Wal handeln, mit dem sie als Transportmittel für widerspenstige Propheten aber immerhin auf Erfahrungen zurückgreifen könnte.

Vielleicht schickt ihr der Herr im Himmel statt dessen lieber ein eher unauffälliges Geschöpf, das dem einen oder anderen Kleriker dann enthüllt, in welche Richtung er das Kirchenschiff steuern sollte, um die Klippen weiterer Desaster und schlimmer Skandale zu vermeiden. Die Hilfe der noch an Bord befindlichen Mannschaft dürfte ihm für diesen Fall gewiss sein.

Und ein publikumsträchtiger Film über diese Rettungsaktion, der wäre als quasi missionarische Anstrengung anschließend sicher auch noch drin.

Von Uwe Bork

Zur Person

Uwe Bork ist Leiter der Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des Südwestrundfunks (SWR).