Schachfigur
Standpunkt

Sinnvolles Leben statt "Glückshysterie"

Zum heutigen Weltglückstag macht sich Matthias Drobinski Gedanken zu dem, was Menschen erfüllt. Er glaubt, dass die krampfhafte Suche nach Glück nicht weiterbringt – und man oft genau dann glücklich wird, wenn man es nicht erwartet.

Von Matthias Drobinski |  Bonn - 20.03.2019

Heute, am 20. März, ist Weltglückstag. Schön eigentlich, dass es da, zwischen all dem Terror und Unglück, inmitten der Sorgen um Weltwirtschaft, Weltklima und den Arbeitsplatz, einen Tag gibt, an dem alle Welt aufseufzen und sich sagen soll: Ja, der Wohlstand misst sich nicht am Geld allein. Die Summe aus gutem Zusammenleben, sozialer Sicherheit und Schutz der Umwelt ergibt ein Brutto-Glück, das zu steigern für Regierungen und Gesellschaften wichtiger sein sollte als das Wirtschaftswachstum.

Schön also könnte er sein, der Tag des Glücks. Wenn da nicht diese merkwürdig unentspannte Rennerei wäre nach dem Glück, die sich in den reichen westlichen Ländern ausgebreitet hat wie der Heuschnupfen. Auch in Deutschland, wo lange die Pflichterfüllung über dem persönlichen Glück stand, scheint das halbe Land auf der Glückssuche zu sein - jedenfalls nimmt man die Zahl der entsprechenden Coaches zum Maßstab, der Lebensberatungsbücher und Zeitschriftentexte, der Internetblogs. Werdet glücklich, aber schnell! Findet das Glück in euch selbst und im Partner, in den Kindern, dem Beruf, der Freizeit, der nächsten Reise; an der Bar oder im Wellnesshotel! Es ist ein Boom, der von dem Missverständnis lebt, die Glückssuche würde glücklich machen, am besten bis ans Lebensende, wie im Märchen. Das Gegenteil aber ist der Fall: Wer glaubt, seinem Glück nachjagen zu müssen wie einem hakenschlagendem Hasen, rennt meist ins eigene Unglück.

Die Vorstellung, das Glück ließe sich zwingen durch einen Willens- und Bewusstseinsakt, verlangt die permanente Optimierung des Selbst und aller Anderen; alles Unvollständige und Kranke, Melancholische und Traurige muss eliminiert werden. Was aber, wenn das Selbst nun mal partout nicht glücklich sein will oder kann? Was ist, wenn Partner, Kinder, Beruf oder nur der Urlaub nicht dem Ideal entsprechen? Ist dann dies alles wertlos und steht dem Glück nur im Weg? Der Berliner Philosoph und säkulare Seelsorger Wilhelm Schmid setzt deshalb gegen die "Glückshysterie" das Streben nach einem sinnvollen Leben, was auch ein durch und durch christlicher Gedanke ist. Wer sein Leben als sinnvoll empfindet, kann auch traurige und unglückliche Lebensphasen als Teil seines Lebens ansehen - und nicht als Fehlschuss bei der Jagd nach dem großen Glück. Das Glück ist nicht herstellbar und erzwingbar. Es ist scheu und entzieht sich gerade dem, der es herstellen und erzwingen will. Es kommt oft, wenn man es gerade nicht erwartet, wenn man mal nicht an der eigenen Verbesserung arbeitet. Dann ist es auf einmal da und lässt eine glückliche Erinnerung zurück; einen Glückstag, den niemand geplant oder gar weltweit ausgerufen hat.

Von Matthias Drobinski

Der Autor

Matthias Drobinski ist Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" und dort unter anderem für die Berichterstattung über Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig.

Hinweis

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