Insignien des Bischofs
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Dogmatiker über den bevorstehenden "synodalen Weg"

Seewald: Deutsche Bischöfe müssen Macht abgeben

Alle Macht in einer Diözese gehe zumindest theoretisch vom Bischof aus, sagt der Münsteraner Dogmatiker Michael Seewald. Wenn sich das nicht ändere, steige das Risiko für weitere Skandale – und berechtigte Rücktrittsforderungen.

München - 26.04.2019

Der Münsteraner Dogmatiker Michael Seewald hat die deutschen Bischöfe mit Blick auf den geplanten "synodalen Weg" dazu aufgerufen, dauerhaft auf einen Teil ihrer Macht zu verzichten. Wenn sie sich nicht "kontrollieren lassen und Laien stärker beteiligen", würde das Risiko steigen, dass bald der nächste Skandal ins Haus steht, schreibt Seewald am Donnerstag in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung". Theologisch sei die Zurücknahme bischöflicher Macht möglich. "Denn Hand in Hand mit ihr würde eine stärkere Beteiligung getaufter Frauen und Männer gehen - ein Anliegen des Konzils."

Zum Abschluss ihrer Vollversammlung Mitte März in Lingen hatte die Deutsche Bischofskonferenz einen "verbindlichen synodalen Weg" zur Aufarbeitung und Aufklärung der Missbrauchsfälle sowie zur Erneuerung der Kirche beschlossen. Im Fokus stehen der Machtabbau bei Klerikern, die priesterliche Lebensform und die Sexualmoral der Kirche.

Alle Macht in einer Diözese gehe aktuell – zumindest theoretisch – vom Bischof aus, so Seewald. Faktisch sei die Leitung eines Bistums aber eine komplexe Sache, an der viele "in oft schwer durchschaubarer Weise beteiligt" seien. Einerseits werde die Entscheidungsmacht stark auf die Gestalt des Bischofs hin personalisiert. Andererseits werde sie, "vor allem wo Versäumnisse öffentlich werden, anonymisiert, sodass der Bischof keine Verantwortung mehr für das zu übernehmen braucht".

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Michael Seewald ist seit 2017 Inhaber des Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Münster.

"Will der synodale Weg aus Problemen lernen, stehen die Bischöfe vor einer Grundsatzentscheidung", schreibt der Dogmatiker. Entweder würden Strukturen geschaffen, in denen Macht so verteilt wird, dass sie überschaubar bleibt und Entscheidungsträger öffentlich Rechenschaft über ihr Tun ablegen müssen. "Oder aber alles bleibt wie bisher." Dann müssten die Bischöfe aber auch "mit berechtigten Rücktrittsforderungen rechnen, falls in ihren Diözesen schwere Fehler passieren, auch wenn sie persönlich keine Kenntnis davon hatten".

Der Frage nach "Macht, Partizipation und Gewaltenteilung" komme auf dem synodalen Weg eine Schlüsselrolle zu, so Seewald. Das Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils, zugleich Bischofsamt und Laien zu stärken, sei bisher nur selektiv umgesetzt worden. "Die Bischöfe gehen immer noch am Gängelband der Römischen Kurie, welche die Autorität des Papstes für sich beansprucht", urteilt der Theologe. Das zeige sich etwa, wenn die Kurie versuche, "Zensurmaßnahmen durchzusetzen, um zu bestimmen, was in Deutschland in ihrem Einflussbereich gesagt und geschrieben wird". Auch das sei ein kirchlich relevanter Aspekt von Macht, wenn "Machthaber nicht nur entscheiden, was getan wird, sondern auch, was gesagt werden darf". (bod)