Bischöfe während der Vollversammlung
Kirchenrechtlerin Demel benennt Kriterien

So könnte der "synodale Weg" der Bischöfe aussehen

Auf ihrer Vollversammlung haben die deutschen Bischöfe einen "synodalen Weg" zur Erneuerung der Kirche beschlossen. Konzil, Synode oder Gespräch – was dieser Weg genau ist, bleibt auch nach einem Monat weiterhin im Dunkeln. Dabei gibt es von kirchenrechtlicher Seite zahlreiche Punkte zu beachten.

Von Roland Müller |  Bonn/Regensburg - 02.04.2019

Auf ihrer diesjährigen Frühjahrsvollversammlung im emsländischen Lingen haben sich die deutschen Bischöfe mit dem Missbrauchsskandal und der aktuellen Kirchenkrise auseinandergesetzt. Zu konkreten Veränderungen sind sie bei dem Treffen im März nicht gekommen, doch sie haben einstimmig beschlossen, sich auf den Weg zu machen, um Lösungen für die drängenden Probleme der Kirche zu suchen. Dazu haben die Oberhirten einen "synodalen Weg" angestoßen. Was unter diesem Begriff zu verstehen ist, bleibt bislang unklar und ist wohl bewusst vage formuliert, damit – wie Kritiker vermuten – alle Bischöfe diesem Beschluss zustimmen konnten.

Ein "Zeichen guten Willens"

Schon allein wegen dieser Beliebigkeit ist der synodale Weg mehrheitlich kritisch aufgenommen worden. Er sei zwar ein "Kompromiss" und wenigstens ein "Zeichen guten Willens", kommentiert Florian Breitmeier vom Norddeutschen Rundfunk. Doch der synodale Weg allein löse "die eklatante Vertrauenskrise der Kirche" nicht. Etwas optimistischer ist hingegen Julia Knop, die beim Studientag während der Vollversammlung den Bischöfen mit deutlichen Worten zur aktuellen kirchlichen Situation ins Gewissen geredet hat. Die Dogmatikerin glaubt, dass der synodale Weg eine Möglichkeit sein kann, den "tiefen Riss" zu kitten, der die Kirche durchzieht. Doch auch sie kritisiert die offene Formulierung für den Ablauf dieses Prozesses.

Selbst für Kirchenrechtsexperten wie die Kanonistin Sabine Demel ist der Begriff synodaler Weg ein Rätsel: "Das ist ein sehr schwammiger Name", sagt die Regensburger Professorin. Zudem sei die Bezeichnung "Synodalität" kein kirchenrechtlich fassbarer Begriff. Anders verhält es sich jedoch bei den Bezeichnungen Konzil und Synode, die im Kirchenrecht geregelt sind – und große Unterschiede zu dem aufweisen, was die Bischöfe beim synodalen Weg im Blick zu haben scheinen.

Sabine Demel ist Professorin für Kirchenrecht an der Uni Regensburg

Sabine Demel ist Professorin für Kirchenrecht an der Universität Regensburg.

Bei einem Konzil versammeln sich die Bischöfe eines Landes, einer Kirchenprovinz oder der ganzen Welt, um sich gemeinsam zu beraten und Beschlüsse zu fassen. Sie können Gäste zu ihren Sitzungen einladen, diese erhalten jedoch kein Stimmrecht. Bei einer Diözesansynode sind nicht geweihte Gläubige zwar stimmberechtigt, doch die Beschlüsse der Versammlung sind für den jeweiligen Bischof nicht bindend, können von ihm abgeändert  und müssen von ihm in Kraft gesetzt werden, bevor sie rechtskräftig werden. Ob sich der synodale Weg an den kirchenrechtlichen Bestimmungen einer Diözesansynode orientieren wird, ist bislang noch offen.

Paul VI. genehmigte Geschäftsordnung der Würzburger Synode

Eine weitere Möglichkeit wäre es, die rechtlichen Bestimmungen des synodalen Wegs über das geltende Kirchenrecht hinaus zu regeln, also eigene verbindliche Regeln aufzustellen. "Es muss von Anfang an klar sein, wie diese Treffen vorbereitet werden und wer Mitglied der Gremien zur Planung, Durchführung und Umsetzung ist", sagt Demel, die eine verbindliche Struktur einfordert. Auch müsse festgelegt werden, "wer ein Stimm- oder ein Vetorecht und aus welchen Gründen" besitze. Zuletzt sei eine solche kirchenrechtliche Sonderregelung bei der Würzburger Synode angewendet worden.

Bei dieser Versammlung von Vertretern der westdeutschen Bistümer wurden die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) umgesetzt. Dazu trafen sich 300 Abgesandte zwischen 1971 und 1975 im Würzburger Kiliansdom. Egal ob Bischof, Priester oder Laie – jede Stimme hatte gleiches Gewicht. Damit dies möglich wurde, hatte Papst Paul VI. die eigens für die Synode konzipierte Geschäftsordnung genehmigt, die vom damaligen Kirchenrecht sonst nicht gedeckt gewesen wäre. Es blieb in Würzburg also nicht beim unverbindlichen Meinungsaustausch, sondern es wurden gemeinsame Beschlüsse gefasst, die das Leben der Kirche in Deutschland bis heute bestimmen. So hob die Synode etwa den Beruf des Pastoralreferenten aus der Taufe und führte Pfarrgemeinderäte in den Kirchengemeinden ein.

Blick in den Synodensaal in Würzburg 1974.
Bild: © KNA

Von 1971 bis 1975 fand die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland im Würzburger Dom statt. Hier ein Blick in den Synodensaal der Würzburger Synode im Jahr 1974.

Doch, ob eine gemeinsame Synode derzeit für die Kirche in Deutschland "leistbar ist", hält Demel für mehr als fraglich. Sie sieht die Bischofskonferenz momentan nicht geeint genug, eine derartige Versammlung mitzutragen, die sie selbst für mehr als wünschenswert hält. Denn im Februar hatten zwar vier Oberhirten ihren Amtsbrüdern bei einer Sitzung des Ständigen Rates der Bischöfe ein Papier präsentiert, in dem sie eine Synode vorschlugen. Doch vielen Bischöfen sollen ihre Forderungen zu weit gegangen sein. Das scheint sich bei der Vollversammlung mit der Kompromisslösung eines synodalen Weges bewahrheitet zu haben.

Gesprächsprozess als "Negativ-Vorbild"

Demel glaubt, dass sich der synodale Weg in seiner Konzeption zwischen einer Synode und dem Format einer Gesprächsveranstaltung bewegen wird. Letztes lehnt sie entschieden ab: "Das wäre eindeutig zu wenig für die deutschen Gläubigen, sie erwarten da mehr." Die Kirchenrechtlerin verweist auf den Gesprächsprozess, der von 2011 bis 2015 in der deutschen Kirche als Reaktion auf den ein Jahr zuvor aufgekommenen Missbrauchsskandal stattfand. Erzbischof Robert Zollitsch, der damalige Vorsitzende der Bischofskonferenz, wollte auf diese Weise verloren gegangenes Vertrauen in die Kirche zurückgewinnen. Doch Kritiker bemängelten, dass bei den Dialogrunden heikle Themen größtenteils ausgespart und keine bindenden Beschlüsse gefasst wurden. Demel zufolge sind dort zahlreiche Themen lediglich benannt, aber keines vertieft und konkretisiert worden, "sodass am Ende alles im Unverbindlichen geblieben ist". In Hinsicht auf die Struktur ist ihr Hauptkritikpunkt, dass es "keine transparente, geschweige denn gemeinsam erarbeitete Verfahrensordnung über die Steuerungs-, Planungs- und Themenkompetenz" gegeben habe.

Der Gesprächsprozess ist für Demel eine Art "Negativ-Vorbild" für den synodalen Weg. Dabei erhofft sie sich durch die jüngste Initiative der Bischöfe eine Erneuerung für die Kirche, sollten einige Punkte tatsächlich eingehalten werden. Für die Regensburger Kanonistin steht und fällt der synodale Weg mit seiner strukturellen Glaubwürdigkeit: "Es ist nicht vorstellbar, dass die Steuerungsgruppe nur aus Bischöfen besteht", sagt sie. Dieses Gremium müsse von Anfang an paritätisch mit Oberhirten und Gläubigen besetzt sein, die gleiches Stimmrecht hätten. Und: "Die Bischöfe dürfen nicht bestimmen, wer dort die Gläubigen vertritt, sondern diese sind repräsentativ nach dem Prinzip der Delegation durch Wahl, etwa durch die Vollversammlung des ZdK, zu bestimmen." Auch die Verbindlichkeit der dort gefassten Beschlüsse müsse vor Beginn der Treffen geklärt sein, ebenso wie deren Umsetzung.

Die deutschen Bischöfe

Bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Lingen haben die Bischöfe einen synodalen Weg zur Erneuerung der Kirche beschlossen.

Angesichts der Krise des kirchlichen Lebens sei besonders eine Doppelfrage wichtig: "Was dürfen wir als Kirche nicht aufgeben und wovor nicht ausweichen?" Die Antworten darauf müsse man gemeinsam beim Gehen des synodalen Wegs finden. Demel gibt zu, dass das mühsam sei, doch "das muss es sein, sonst bringt es keine gute Früchte". Es sei klar, dass vom gesamtkirchlichen Kirchenrecht geregelte Themen, wie der Pflichtzölibat oder das Frauenpriestertum, nicht durch den synodalen Weg ausgesetzt werden könnten. Aber "die Sprachlosigkeit darüber und die Hilflosigkeit vor Ort müssen gemeinsam ins Wort gebracht und nicht einfach als Tabuthemen verschwiegen" werden.

Kultiviertes Streiten gehört zur Kirche

Doch es gebe zahlreiche Punkte, bei denen innerhalb der deutschen Diözesen weitreichende Änderungen beschlossen werden könnten. Etwa wenn die Bischöfe sich und ihre Pfarrer an die Entscheidungen von demokratisch gewählten Räten binden oder eine jährliche Rechenschaftspflicht einführen würden. Oder wenn für Pfarreien und Diözesen eine verbindliche Dienstordnung aufgestellt würde, in der Rechte und Pflichten, Verantwortlichkeiten und Grenzen der jeweiligen Zuständigkeit festgeschrieben sind. Wichtig ist Demel dabei, "Differenzen auszuhalten und offen auszusprechen". Denn kultiviertes Streiten gehöre seit ihrer Gründung zur Kirche dazu.

Ein erstes Anzeichen für den tatsächlichen Verlauf des synodalen Wegs werden die Entscheidungen der Bischöfe in den kommenden Monaten sein, glaubt Demel. "Ich bin sehr gespannt, ob sie den näheren Ablauf der Planungen selbst vorgeben oder mit Vertretern der Laien auf gleicher Augenhöhe gemeinsam planen." Doch derzeit gibt es in der Zentrale der Bischofskonferenz noch keine Informationen über den synodalen Weg. Man bittet um Geduld und verweist auf die kommende Sitzung des Ständigen Rates der Bischöfe Ende April. Die deutschen Oberhirten scheinen derzeit noch genug Arbeit damit zu haben, untereinander um den Verlauf des kommenden Weges zu ringen.

Von Roland Müller