Das Dach der Yavuz Sultan Selim Moschee in Mannheim. Die Moschee liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zur katholische Liebfrauenkirche. Minarett und Kirchturm ragen in den blauen Himmel.
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Vorurteile und Ängste sind noch weit verbreitet

Der Glaube verpflichtet zum Miteinander von Christen und Muslimen

Christen und Muslime leben in Deutschland – aber leben sich auch zusammen? Nein, finden Bernd Jochen Hilberath und Mahmoud Abdallah. Sie haben mit der "Theologie des Zusammenlebens" ein Fundament erarbeitet, dass zu einem guten zwischenmenschlichen Miteinander verpflichtet.

Von Tobias Schulte |  Tübingen - 04.08.2019

Der Islam – antidemokratisch, zu Gewalt aufrufend, mit einer modernen Lebensweise nicht vereinbar? Dieses Bild seiner Religion kennt Mahmoud Abdallah nur zu gut. Der muslimische Theologe von der Universität Innsbruck räumt damit auf. Gemeinsam mit Bernd Jochen Hilberath, dem emeritierten Direktor des Instituts für Ökumenische und Interreligiöse Forschung an der Universität Tübingen, hat er eine "Theologie des Zusammenlebens" entwickelt. Ihr Ziel: die pragmatische Haltung, dass Christen und Muslime irgendwie miteinander auskommen müssen, zu überwinden. "Denn der Glaube an Gott gebietet den Einsatz für ein gutes Miteinander", begründet Hilberath. Das gehe sowohl aus der Bergpredigt als auch aus dem Koran hervor.

Die Theologie des Zusammenlebens haben Hilberath und Abdallah 2016 mit einer gleichnamigen Tagung ins Leben gerufen – damals forschte Abdallah ebenfalls noch an der Uni Tübingen. 2017 gaben sie die Schriftreihe "Theologie des Zusammenlebens" heraus und stellen seitdem ihr Anliegen in Schulen, bei Lehrerkonferenzen, Bildungseinrichtungen und Flüchtlingshelfern vor. Ihr Hauptkonzept: Dass sie vorleben, wie sich Christen und Muslime begegnen und bereichern können. Hilberath spricht von einem ergiebigen und freundschaftlichen Verhältnis der beiden. Keiner versuche, dem anderen seinen Glauben überzustülpen.

"Im Koran steht deutlich, dass die Vielfalt ein Zeichen und Wille Gottes ist", sagt Mahmoud Abdallah. Es sei daher ein theologisches Gebot, die anderen Religionen anzuerkennen. Zudem begründet Abdallah anhand einer Koranstelle, dass der Islam "keinen Zwang im Glauben" kenne. Aus christlicher Perspektive sagt Hilberath, dass Gott wolle, dass seine Schöpfung gelinge. An seinem Projekt für die Menschheit hätten wir Anteil, "weshalb wir Menschen auch ohne Grenzen der Religionen barmherzig miteinander umgehen sollten." Außerdem bezieht sich der Tübinger Theologe auf das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65), das in dem Dokument "Nostra aetate" dazu aufruft, die Feindschaften zwischen den Religionen hinter sich zu lassen und sich um ein gegenseitiges Verstehen zu bemühen.

Mahmoud Abdallah ist davon überzeugt, dass "ein gutes Zusammenleben vier Bereiche umfassen muss". Dazu zählten neben dem theologischen Diskurs auch das zwischenmenschliche Verhältnis sowie die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen.

Unterscheidung in Gläubig und Ungläubig ist falsch

Muslime müssten erkennen, dass die freiheitlich liberale Grundordnung Europas es ermöglicht, sich religiös zu entfalten. Abdallah argumentiert, dass der Koran der weitverbreiteten Praxis entgegenwirke, die Menschheit in Gläubige und Ungläubige, Erlöste und Verdammte zu klassifizieren. Daher müsse niemandem der Islam aufgezwungen werden. Außerdem arbeitet er heraus, dass „auch, wenn sich die Religionen in Fragen des Glaubens stark unterscheiden mögen, sie in Fragen des praktischen, ethischen Verhaltens ähnliche Antworten geben“. So deklariere der Koran die zwischenmenschliche Beziehung als Ursache und Zweck der Schöpfung.

Auf wirtschaftlicher Ebene sei eine Herausforderung, dass die Religionszugehörigkeit bei der Vergabe von Stellen keine entscheidende Rolle spielen dürfe. Politisch solle es um die Frage gehen, wie Religion auch politische Impulse geben könne. "Religiös motivierte Konflikte dürfen nicht marginalisiert werden", sagt Abdallah. "Unter dem Verweis auf Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe als dem Islam inhärente Werte spricht eine 'Theologie des Zusammenlebens' Menschen, die im Namen der Religion Gewalt anwenden, jegliche Rechtmäßigkeit in ihrem Handeln ab."

Mahmoud Abdallah und Bernd Jochen Hilberath

Der muslimische Theologe Mahmoud Abdallah von der Universität Innsbruck und der katholische Theologe, Bernd Jochen Hilberath, der an der Universität Tübingen bis 2013 das Institut für Ökumenische und Interreligiöse Forschung geleitet hat.

Auf beiden Seiten fehlt das fundierte Wissen über die anderen

Das 2017 erschienene Buch "Theologie des Zusammenlebens" trägt den Untertitel "Christen und Muslime beginnen einen Weg". Wie ist das bisher geschehen? "Wir müssen kleine Schritte machen", sagt Hilberath. Eine Statistik, die ihn ernüchtert: dass nur jeder dritte Deutsche den Islam als Bereicherung betrachtet. Mahmoud Abdallah beobachtet, dass "Vorurteile und Ängste gegenüber Muslimen noch weit verbreitet" seien.

Es fehle auf beiden Seiten oft das fundierte Wissen über den anderen. Gegenüber dem Bild des Islam als antidemokratischer Religion betont er: "Wenn man die Texte des Korans nicht selektiv liest, sondern sich ein großes Bild macht, entsteht der Eindruck einer offenen, vielfältigen Religion." Frieden, Menschenrechte und Selbstbestimmung seien Grundwerte des Islam. Zudem betont er, dass ein gutes Zusammenleben kein frommer Wunsch ist, sondern schon Realität war. Seiner Einschätzung nach hätten Juden, Christen und Muslime im Mittelalter in Andalusien Jahrhunderte lang friedlich miteinander gelebt. Und auch der Prophet Mohammed selbst habe einen Schwiegersohn, der lange Zeit Polytheist war, nie diskriminiert. "Aus dieser Geschichte geht unmissverständlich hervor, dass die persönliche Erfahrung mit den Menschen entscheidend ist."

Gleichzeitig ergänzt Hilberath, dass viele Probleme im interreligiösen Dialog psychologischer Natur seien, gegen die mit theologischen Argumenten wenig auszurichten sei. "Wichtiges kann man nicht lehren, da müssen die Menschen selbst positive Erfahrungen in der Begegnung machen." Deshalb arbeiten er und Mahmoud Abdallah weiter daran, Wissen über ihre Religionen zu vermitteln und Menschen ins Gespräch zu bringen. Neben ihren Vorträgen betreuen sie Abschlussarbeiten an den Universitäten in Innsbruck und Tübingen, etwa über die Bruderschaft der abrahamitischen Religionen, zur kritischen Koran-Hermeneutik und christlichen Perspektive auf Mohammed als Propheten.

Ein muslimischer Mann betet in einer Moschee - kann es gemeinsame Gebet zwischen Christen und Muslimen geben?

Wie Christen und Muslime sich im Dialog gegenseitig bereichern können, beschreibt Hilberath anhand einer Szene. "In einem Kurs fragte eine Muslima einen Studenten, warum er Theologie studiere. Schließlich sei das Christentum eine sterbende Religion. Der Student schoss zurück, indem er fragte, ob sie das Kopftuch von sich aus oder auf Anordnung ihres Vaters trage." Der Austausch zwischen den Religionen fordert heraus – und er fordert dazu auf, die eigene Religiosität zu reflektieren. Das fängt bei der Kleidung an und führt hin zur Frage, was es bedeutet, an Allah oder den dreieinen Gott zu glauben.

Auch wenn der gemeinsame Weg noch weiter ausgebaut werden müsse, so stehe ein Etappenziel schon fest: dass es gemeinsame Feier- und Gebetsformen gibt. Hilberath sagt: "Meine Auffassung ist, dass Christen und Muslime sich im Gebet an den einen Gott wenden. Wir haben den einen Gott aber immer nur in den unterschiedlichen Gottesbildern. Wenn ein Christ das Gottesbild Allahs nicht nachvollziehen kann, wird es mit einem gemeinsamen Gebet schwierig." Doch wenn er daran denke, was Mahmoud Abdallah über Allah und er über den dreieinen Gott sage, dann gebe es viele Gemeinsamkeiten, die auch ein gemeinsames Gebet ermöglichten. Hilberath bevorzugt im Miteinander formulierte Gebete gegenüber Andachten, in denen erst die Muslime eine Sure und danach die Christen einen Psalm beteten und die Anderen jeweils zuhörten.

"Diese Entwicklung ist offen."

Eine Entwicklung, die die Wissenschaftler nach der Veröffentlichung ihres Buchs jedoch nicht erwarteten – dass sie mit ihrem Konzept zur Fortbildung von Imamen eingeladen werden. Hilberath und Abdallah nehmen das positiv auf, appellieren aber gleichzeitig an Verbände und Politik, dass islamische Religionslehrer, Moscheen-Leiter und Imame an deutschen Universitäten ausgebildet werden. "Mit einem klaren, offenen und kritisierbaren Curriculum", wie Hilberath fordert. Weiter kommentiert er: "Es ist wichtig, dass mehr Imame auf Deutsch predigen. Denn so lange es geschlossene türkische oder arabische Zirkel gibt, wird es Vorurteile oder Ängste ihnen gegenüber geben."

Diese Forderung ist ein Zeichen dafür, wie der Islam in Europa sich entwickelt hat. Islamische Religionspädagogik, soziale Arbeit und Theologie habe es im heutigen Sinne zuvor in der islamischen Geschichte nicht gegeben, so Abdallah. Er spricht damit Punkte an, die für ihn Bestandteile des europäischen Islams sind. Zwar sei der Begriff "europäischer Islam" umstritten, jedoch ist für ihn klar: "Der Islam hat sich durch den Kontakt mit Europa anreichern lassen – und diese Entwicklung ist offen."

Von Tobias Schulte