Schachfigur
Standpunkt

Die Reformer sind noch Antworten schuldig

Es gebe längst eine Kirchenspaltung – das sagte kürzlich Johanna Rahner. Auch Benjamin Leven sieht eine Kluft zwischen "Reformern" und "Bewahrern" – allerdings keine unüberwindbare. Um wieder ins Gespräch zu kommen, seien allerdings die Reformer in der Pflicht.

Von Benjamin Leven |  Bonn - 19.08.2019

Benjamin Leven

Das Schisma ist schon da. Mit dieser These zitierten Medien vor einigen Wochen die Theologin Johanna Rahner. Bei einer Veranstaltung in der Katholischen Akademie Bayern soll sie gesagt haben: "Wir stehen nicht vor einer Spaltung, wir haben sie bereits – nur traut sich keiner offen darüber zu reden." Und sie habe hinzugefügt, ihr fehle die Fantasie, wie ein Gespräch zwischen Reformern und Bewahrern in Gang kommen könnte.

Das ist eine Überzeugung, wie man sie genauso von sehr konservativer Seite hören kann. Die unterschiedlichen Strömungen innerhalb des Katholizismus haben sich offenkundig nichts mehr zu sagen. Ein Gespräch zwischen den Parteien gehört bereits ins Reich der Fantasie. Johanna Rahner wurde auch mit einer weiteren Aussage zitiert: Alles, was in der Kirche existiere, sei geworden und könne damit auch anders werden. Wir wissen nicht, wie sie diesen Satz gemeint hat, aber wenn "alles" hier wirklich "alles" heißt, dann gibt es in der Tat keine Grundlage für ein Gespräch mit den Bewahrern. Denn Bewahrer sind Leute, die glauben, dass es in der Kirche Dinge gibt, die prinzipiell nicht revidierbar sind und an denen darum festzuhalten ist. Solange man diese Überzeugung im Grundsatz teilt, lässt sich ja noch darüber diskutieren, welche Lehren und Praktiken der katholischen Kirche sehr wohl veränderbar sind, und welche nicht. Hier müsste das Gespräch wahrscheinlich bei den Kriterien für die Legitimität von Veränderungen ansetzen. Ich finde: Dort sind die Reformer noch Antworten schuldig.

Wenn aber wirklich alles als veränderbar gilt, dann tritt an die Stelle des Dialogs die Machtfrage: Wer vermag, sich auf Dauer durchzusetzen? In einer Ortskirche wie der deutschen heißt das letztlich: Wer schafft es, sich welche institutionellen Ressourcen anzueignen? Will man eine solche Zuspitzung vermeiden, dann muss man die Machtlogik hinter sich lassen und in offiziellen Gesprächsformaten – etwa im geplanten synodalen Weg – die Bewahrer mit an den Tisch holen.

Von Benjamin Leven

Der Autor

Benjamin Leven ist Redakteur der Herder Korrespondenz in Berlin und Rom.

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