Schachfigur
Standpunkt

Stell dir vor, es ist Frieden, und keiner (von uns) geht hin

In Lindau fand letzte Woche die Weltversammlung von "Religions for Peace" statt. Fast 1.000 Vertreter unterschiedlicher Religionen aus über 120 Ländern trafen sich am Bodensee. Nur das Gastland war unterrepräsentiert, findet Pater Nikodemus, der selbst dabei war.

Von Pater Nikodemus Schnabel |  Bonn - 26.08.2019

Roland Müller, katholisch.de

Ich bin dankbar, dass ich vergangene Woche erleben durfte, wie Weltgeschichte geschrieben wurde, und zwar in Deutschland! In Lindau fand bis Freitag die 10. Weltversammlung von "Religions for Peace" (RfP) statt, der größten religionsbasierten Nichtregierungsorganisation der Welt, welche ihre Zentrale in New York genau gegenüber dem Hauptsitz der Vereinten Nationen hat, bei denen sie auch akkreditiert ist. Weder der Versöhnungsprozess in Bosnien-Herzegowina noch der in Sierra Leone wären ohne RfP denkbar. Sie sind ein internationales Schwergewicht und ihre nur alle fünf bis sieben Jahre stattfindenden Weltversammlungen könnte man als die "Olympischen Spiele der Religionen" bezeichnen. Deutschland kann sich auf die Schultern klopfen, diesmal den Zuschlag bekommen zu haben!

Nun kamen sie alle für eine intensive Woche erstmals nach Deutschland, nach Lindau im Bodensee: fast 1.000 Religionsvertreter aus über 100 Ländern, Hindus, Buddhisten, Juden, Sikhs, Christen, Jainisten, Muslime, Shintoisten, Zoroastrier, Vertreter der gesamten religiösen Welt (immerhin 84 Prozent der Menschheit). Darunter ausgesprochen viele Frauen und junge Menschen, von denen eine zwölfköpfige Gruppe, nach einem intensiven Medientraining im Vorfeld, sogar eigene junge Kanäle in den Sozialen Medien bespielte, von denen die Hashtags #RfPYouth und #RfP19 beredtes Zeugnis ablegen. Natürlich war auch das japanische Fernsehen vor Ort, die UN-Prominenz aus New York, und der deutsche Bundespräsident hat es sich nicht nehmen lassen, die Weltversammlung höchstselbst feierlich zu eröffnen.

Waren sie denn wirklich alle da? Während die Vertreter der indigenen Religionen aus dem Amazonas um Unterstützung für die Rettung des tropischen Regenwaldes in Brasilien warben, Religionsvertreter aus Nord- und Südkorea wagten, wozu ihre Politiker nicht in der Lage sind, und Kardinal Bo aus Yangon zusammen mit Buddhisten und Muslimen aus Myanmar und Bangladesch konkrete Fahrpläne zur Versöhnung entwarf, waren die Pressevertreter verzweifelt auf der Suche nach O-Tönen von deutschen Religionsvertretern. Zum Glück ließ sich eine kleine Handvoll vor Ort finden.

Für Relevanzverlust kann man auch selber sorgen!

Von Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Pater Nikodemus Schnabel OSB ist Benediktinermönch der Dormitio-Abtei in Jerusalem.

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