Eine Frau lehnt sich an eine Kirchentür
Große Plakataktionen sind wohl nicht der richtige Weg

Wiedereintritt in die Kirche: Es werden nur Einzelne gewonnen

Statistisch gesehen verlässt jedes Jahr die Bevölkerung einer Stadt so groß wie Erfurt die katholische Kirche in Deutschland. Getaufte zurückzugewinnen ist keine leichte Aufgabe. Und so manche Initiative geht auch nach hinten los.

Von Christoph Paul Hartmann |  Düsseldorf/Erfurt - 16.09.2019

Aus der Kirche auszutreten ist ganz einfach: Einmal zum Standesamt oder Amtsgericht gehen, unterschreiben, fertig. Die Taufe ist zwar irreversibel, die Kirche als Körperschaft hat man dann aber verlassen. Wieder einzutreten erfordert dagegen etwas mehr Aufwand: Zuerst führt der Weg ins Pfarramt und zum zuständigen Seelsorger. Nach einem Gespräch bittet der den zuständigen Bischof um die Wiederaufnahme. Ist dieser einverstanden, muss der Eintrittswillige vor Zeugen seinen Wunsch bekunden. Das kann ganz nüchtern im Pfarrbüro geschehen oder bei einem kleinen Gottesdienst. Dann ist die Einheit mit der Kirche wieder hergestellt.

Austritte und Wiedereintritte in die katholische Kirche liegen zahlenmäßig sehr weit auseinander. 2018 traten 216.078 Menschen aus, nur 6.303 kamen wieder zurück. Die Gründe für Aus- und Wiedereintritte sind ebenso unterschiedlich: Wer austritt, hat den Kontakt zur Kirche oft schon lange verloren und will deshalb letztendlich keine Kirchensteuer mehr zahlen. Verstärkt treten Menschen mittlerweile allerdings auch wegen inhaltlicher Kritikpunkte aus der Kirche aus, dazu zählt unter anderem die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen, fehlende Gleichberechtigung oder die Sexualmoral. Wegen solcher Fälle verliert die Kirche sogar Mitglieder, die ihr grundsätzlich eigentlich noch verbunden sind.

Menschen nach einem Austritt zurückzugewinnen, ist dann gar nicht so leicht. Wer wiederkommt, macht das zum Teil wegen neuen Partnern, die der Kirche nahestehen und die sie heiraten wollen, weil die eigenen Kinder getauft werden oder man für ein Patenamt bei Freunden oder Verwandten angefragt worden ist. Auch eine Krankheit kann Menschen zum Wiedereintritt bewegen.

Ein Brief mit viel Kirchenrecht

Dass die Rückkehr dagegen aus voller Überzeugung oder aufgrund positiver Erfahrungen mit der Kirche geschieht, ist selten. Nicht besonders hilfreich ist dabei bereits der Abschied, den die Kirche den Ausgetretenen bereitet. Diese verschickt zwar einen Brief, in dem ein Gesprächsangebot gemacht wird. Allerdings bleibt es nicht dabei. Es werden auch umfassend die Folgen des Austritts vor Augen geführt: Wer nicht in Todesgefahr ist, darf weder Eucharistie, Firmung, Buße oder Krankensalbung empfangen, für eine katholische Heirat ist die Sondererlaubnis des Bischof notwendig und auch das kirchliche Begräbnis kann dem Betroffenen verweigert werden.

Ein Hinweisschild in einer Behörde, auf dem "Kirchenaustritte" steht.
Bild: © KNA

Aus der Kirche auszutreten, ist einfach: Ein Gang zum Standesamt oder AMtsgericht genügt.

"Mir sagen Menschen oft, dass sie dieser Brief eher darin bestätigt, dass es gut war, auszutreten", erzählt Michael Dederichs. Er ist leitender Pfarrer der Gemeinde St. Antonius und Benediktus in Düsseldorf. "Der Brief ist schwierig formuliert, weil er die kirchenrechtlichen Aspekte bedenken muss", sagt er. Genau deshalb belässt es Dederichs nicht bei dem offiziellen Brief der Bischofskonferenz. Seine Gemeinde legt noch einen eigenen Brief bei, in dem sie sich zwar nicht distanziert, aber doch klar macht, dass sie das Schreiben der Bischöfe im Auftrag versendet. Mit ihren eigenen Worten macht die Gemeinde dann nochmal ein eigenes Gesprächsangebot. Darauf bekommt Dederichs auch durchaus Rückmeldungen.

Eine große überregionale Wiedereintrittskampagne gibt es in Deutschland dagegen nicht. Lediglich das Portal "katholisch-werden.de" hat Informationen zu Taufe, Übertritt und Wiedereintritt zusammengestellt. Betreut wird die Seite von der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral in Erfurt. Deren Leiter Hubertus Schönemann hält allerdings nichts davon, über die reine Information und die Vermittlung von örtlichen Ansprechpartnern hinaus noch eine große Kampagne zum Wiedereintritt aufzusetzen. Vielmehr komme es auf die persönliche Kommunikation vor Ort an. "Den größten Einfluss haben Begegnungen mit glaubwürdigen, authentischen Christen", sagt er. Die Kirche müsse glaubwürdig das Evangelium verkünden und relevant sein. Das sei wichtiger als große Plakataktionen. Ähnliche Versuche etwa in der evangelischen Kirche seien nicht besonders erfolgreich gewesen.

Banner und eine offene Tür

Dederichs versucht es in Düsseldorf sowohl mit dem persönlichen Kontakt als auch mit "Werbung". An der Kirche St. Antonius hängt schon seit Jahren ein großes Banner, das auf den Wiedereintritt hinweist. Es wirbt mit dem provokanten Satz "Darf da jeder kommen? Ja!!!" Zudem will er bald Flyer mit Informationen zum Wiedereintritt drucken und in den Kirchen auslegen lassen. "Da steht aber nicht drin: ‚Tritt ein‘. Das ist in erster Linie eine Einladung zum Gespräch." In diesen Gesprächen beantwortet Dederichs Fragen, erklärt, was die Kirche für die Gesellschaft leistet und wofür die Kirchensteuer verwendet wird. Er macht allerdings auch klar, dass es etwa in Sachen Sexuallehre keine schnellen Lösungen geben wird – man ist schließlich eine Weltkirche.

Es könne allerdings nicht nur um die Werbung neuer Kirchensteuerzahler gehen oder darum, eine Institution in dieser Gestalt am Leben zu erhalten, sagt Schönemann. "Die Kirche besteht in Deutschland in der Form einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, ist von ihrem Selbstverständnis her allerdings zunächst eine geistliche Gemeinschaft." Deshalb hält er auch nichts von großen Showevents, wie es sie beispielsweise in manchen evangelikalen Kirchen gibt – inklusive Massentaufe. Das findet er dann doch etwas äußerlich. "Glaube können wir nicht machen. Das ist etwas, was Gott schenkt."

Mehrere junge Menschen heben betend ihre Hände Richtung Himmel.

Sind große Events der Schlüssel? Besucher beten beim Forums der Gemeinschaft Emmanuel in Altötting.

Dederichs sieht das etwas anders: Große Events könnten zumindest ein Impuls sein. Wer dort eine lebendige Gemeinschaft erlebe, finde vielleicht den Weg in die Kirche zurück. Dafür brauche es aber eine neue "Willkommenskultur" in der Kirche. Wer aktuell als Fremder in einen Gottesdienst komme, gehe noch viel zu oft auch wieder als Fremder nach Hause. Um das zu verhindern, könne es schon ein Weg sein, die Kirchenbesucher einfach am Eingang zu begrüßen. Dederich organisiert darüber hinaus aber auch gezielte Veranstaltungen. Einmal im Monat findet an je einem anderen Ort der Gemeinde ein sogenannter "Dämmerschoppen" statt: Interessierte können bei einem Glas Wein oder Wasser sowohl mit den Seelsorgern als auch mit anderen Gemeindemitgliedern ins Gespräch kommen. "Wir müssen Offenheit zeigen und die Neuen mit in die Gemeinschaft aufnehmen", so Dederichs. Deshalb ist er auch dafür, Ausgetretene regelmäßig anzusprechen. Die Menschen, die da kommen, haben der Kirche viel zu geben, findet er. "Die wissen, was wir besser machen können." Dieses große Potential müsse die Kirche wieder zurückgewinnen.

Zu viel Monopoldenken

Dabei steht sich die Kirche aber manchmal selbst im Weg, beobachtet Schönemann. Denn in den Augen vieler Verantwortlicher habe die Kirche immer noch das Monopol auf den Glauben. "Die Realität sieht aber anders aus, da entscheiden die Leute selbst, was sie glauben." Menschen lebten heute in großer Freiheit, Gebote und Verbote funktionierten da nicht, sagt er. "Nur eine Kirche, die diese Freiheit unterstützt und die Menschen bei einer selbstständigen Ausgestaltung der Religiosität begleitet, hat zukünftig eine Chance." Das sei jedoch ein Problem in einer Kirche, die offenbar wieder neu einüben müsse, unterschiedliche Glaubensstile nebeneinander stehen zu lassen. Bislang sei man eher von einer Uniformität aller Gläubigen ausgegangen.

Doch in Zukunft werde die Kirche dieses Selbstbild überdenken müssen, glaubt Schönemann. Die unterschiedlichen Glaubensausprägungen zwischen der ewigen Anbetung und der freien Meditation werden sich noch weiter ausdifferenzieren. Die von manchen Traditionalisten manchmal als Zukunftsvision propagierte Rückbesinnung auf alte Formen wie die tridentinische Messe ist dabei in seinen Augen nur ein Teilphänomen. Dederichs versucht dieser Ausdifferenzierung bereits zu begegnen: Familienmesse, Anbetung, Kindergottesdienst, Hochamt – er will die Bandbreite der Gottesdienstformen vielfältig zu halten, trotz beschränkter personeller Ressourcen.

Die Menschen so in die Kirche einzubinden, führt nicht zu riesigen Eintrittszahlen. Bei Dederich sind in früheren Jahren immerhin zwischen 40 und 50 Menschen im Jahr zurückgekehrt, zuletzt waren es aber nur noch um die zehn. Grund dafür ist auch eine Gesellschaft, die der Kirche nach Missbrauchs- und Finanzskandalen mehr und mehr kritisch gegenübersteht. Auch die zahlreichen Lagerkämpfe zwischen Traditionellen und Progressiven machen die Kirche nicht attraktiver, bemerkt Schönemann. "Wir haben es hier mit einem soziologischen Megatrend zu tun", sagt er. Schließlich neigten in einer zunehmend säkularen und individualistischen Gesellschaft die Menschen generell weniger zu großen Institutionen. "Die Austrittsbewegung wird wohl noch länger weitergehen", stellt er fest. Dagegen komme die Kirche nur an, wenn sie sich demütig als Dienerin am Wohl aller Menschen verstehe und so Mitgliedern wie Nicht-Mitglieder in den Blick nehme. Nach tausend Jahren predigen ist also zuhören angesagt.

Von Christoph Paul Hartmann