Ausblick auf den Petersplatz von der Kuppel des Petersdomes.
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Säulen dienten als Wegweiser für pilgernde Menschen

Die ägyptischen Obelisken in Rom – Zeichen der Macht des Glaubens

Vom Äußerlichen her passen die Obelisken eigentlich gar nicht zum antiken Rom – und trotzdem zieren sie das Stadtbild der italienischen Hauptstadt und weisen vielen Gläubigen den Weg. Doch wie haben sie ihren Weg in die Ewige Stadt gefunden?

Von Antonia Wojaczek |  Rom - 07.09.2019

Jeder, der schon einmal in Rom vor dem Petersdom gestanden hat, wird sich an ein besonderes Denkmal, das mitten auf dem Petersplatz steht, erinnern: eine große, viereckige und nach oben hin spitz zulaufende Säule mit einem Kreuz – den vatikanischen Obelisken. Er ist nicht das einzige Monument dieser Art in Rom, sondern prägt das Stadtbild neben 13 weiteren solcher Säulen. Doch woher kommen sie und warum stehen sie in Rom?

Die Bezeichnung "Obelisk" stammt aus dem Griechischen "obeliskos" und bedeutet so viel wie "Spitzsäule" oder auch "Bratspießchen". Der Name beschreibt  also schon das Aussehen. Obelisken sind Kultpfeiler, die ursprünglich – etwa ab 2500 v. Chr. – vor Tempeln, Pyramiden und Privatgräbern in Ägypten aufgestellt wurden. Meist war die pyramidenförmige Spitze in Gold getaucht und versinnbildlichte den Sitz den Sonnengottes Ra (auch: Re). Sie symbolisieren Ägyptisches, Weisheit und fürstliche Macht. Außerdem stehen sie für die Verbindung zwischen der Erde und den ägyptischen Göttern – durch die Höhe der Obelisken war der Gläubige seinen Göttern näher.

Kurz vor Christi Geburt wurde Ägypten römische Provinz: Octavian, der spätere Augustus und erster Kaiser von Rom, siegte 31 v. Chr. in der Schlacht bei Actium über die Armeen des römischen Feldherren Marcus Antonius und seiner Geliebten Kleopatra, der ägyptischen Königin. Die römischen Kaiser importierten die Obelisken danach als Zeichen ihrer Macht und ließen sogar neue fertigen. Auch die Päpste nutzten später die ägyptischen Säulen als Machtsymbol und hoben dadurch die Stärke des Glaubens und der katholischen Kirche hervor. Sie richteten die Obelisken wieder auf und zeigten so ihren Ruhm. Die Obelisken sollten unter anderem auch als Wegweiser für Pilger dienen. Heute finden sich in Rom acht ägyptische Obelisken und fünf, die im antiken Rom hergestellt worden sind.

In direkter Nähe zum Pantheon steht der Obelisco della Minerva, der von einem Elefanten getragen wird.

Einer der acht Obelisken aus Ägypten zählt zweifellos zu den beliebtesten Fotomotiven bei einem Besuch in Rom: der Obelisco della Minerva. Es ist allerdings der Träger des Obelisken, der die Augen auf sich zieht: ein kugeliger steinerner Elefant. Von den Römern wurde er zunächst liebevoll spöttelnd "Il porcino della Minerva" (das Schweinchen der Minerva), später dann "Il pulcino della Minerva" (das Küken der Minerva) genannt. Er steht auf einem Sockel und hält tapfer die Last des kleinsten Obelisken Roms (5,46 Meter). Der Elefant stammt vom italienischen Bildhauer und Architekten Gian Lorenzo Bernini und symbolisiert Weisheit.

Der Obelisk selbst stammt aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus aus der ägyptischen Stadt Sais und stand im alten Rom zunächst wie der Obelisco Macuteo auf dem 250 Hektar großen Campus Martius, dem Marsfeld, im Isisheiligtum. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde er im Klostergarten des Dominikanerordens bei der gotischen Kirche Santa Maria Sopra Minerva gefunden. Papst Alexander VII. ordnete daraufhin an, dass der Obelisk künftig auf dem Platz vor der Kirche stehen soll. Bernini entwarf daraufhin den Elefanten, der schließlich von Ercole Ferrata, ebenfalls ein bekannter Bildhauer, erschaffen wurde. Die Umsetzung vor Ort gestaltete sich jedoch äußerst schwierig. Denn der Domikanterpater Paglia, der für die Klosterkirche zuständig und mit einem eigenen Vorschlag für den Obelisken beim Papst gescheitert war, störte die Arbeiten. Die Reaktion Berninis? Er änderte die Blickrichtung des Elefanten: Statt – wie zuerst geplant – den Elefanten die Kirche betrachten zu lassen, drehte ihn Bernini so, dass das Tier der Kirche und dem Kloster sein "Hinterteil" zuwendete. So wurde Paglia bei jedem Gang aus seiner Kirche doppelt mit der eigenen Niederlage konfrontiert.

Kaiser Domitian gab Obelisk auf Piazza Navona in Auftrag

Einer der fünf nachgebauten römischen Obelisken befindet sich mitten im Herzen Roms. Auf der Piazza Navona, von der viele sagen, sie sei der beliebteste Platz der Römer, steht der Obelisco Agone. Der Name ist historisch begründet: Piazza Navona hieß früher auch "Piazza in Agone". Das griechische Wort "Agone" bedeutet so viel wie Wettkampf. In der Antike wurden auf dem ovalen Platz athletische Turniere ausgetragen, ähnlich wie im Circus Maximus. Noch heute ist die Form der Piazza Navona unverkennbar dieselbe. Der Vierströmebrunnen, der ebenfalls von Bernini geschaffen wurde, schmückt seit Mitte des siebzehnten Jahrhunderts zusammen mit dem Obelisken die Mitte des Platzes. Steinerne Statuen von den vier Flussgöttern Ganges, Nil, Donau und Río de la Plata lenken den Blick des Betrachters vom Brunnen hinauf zum 16,55 Meter hohen Monolithen. Dieser wurde vor 2000 Jahren vom römischen Kaiser Domitian in Auftrag gegeben und stand ursprünglich im Circus de Maxentius. 1649 wurde er unter Papst Innozenz X. an seinem jetzigen Ort aufgestellt. An der Spitze ist eine Taube angebracht, die Teil des Wappens des Papstes ist und durch Dan Browns Thriller "Illuminati" weltweite Bekanntheit erlangte.

Auch andere Obelisken wie der Obelisco Pinciano oder der Obelisco Dogali haben eine bewegte Vergangenheit; der Obelisco Dogali war ursprünglich in Ägypten unter Pharao Ramses II. errichtet worden. Nachdem er 1883 unter Schutt aus der Antike wiedergefunden worden war, wurde er 1887 zum Denkmal umfunktioniert. Seitdem erinnert der 6,34 hohe Obelisk an die italienischen Gefallenen der Schlacht bei Dogali, die im Jahr 1887 in Eritrea stattgefunden hatte. Aufgestellt wurde der Obelisk zunächst vor der "Stazione Termini", dem römischen Hauptbahnhof. In Anlehnung an die Opferzahl von 548 Soldaten in der Schlacht erhielt der Vorplatz den Namen "Piazza die Cinquecento" – "Platz der Fünfhundert". 1925 schließlich fand der Obelsik seinen aktuellen Platz auf einer Verkehrsinsel nahe des Hauptbahnhofs: an der Via delle Terme di Diocleziano. Auf der Spitze trägt er die "Stella d'Italia", den "Stern Italiens", der zu den Staatssymbolen des Landes gehört.

Auch vor der Kirche Sant'Agnese an der Piazza Navona steht ein Obelisk.

Der Obelisco Pinciano hatte in der Antike ebenfalls eine besondere Funktion. Ursprünglich ließ ihn wahrscheinlich Kaiser Hadrian auf dem Grab seines Geliebten Antinoos aufstellen, der nach seinem Tod fast bis zur Vergöttlichung verehrt wurde. Auch die Hieroglyphen auf dem Monolithen singen unter anderem ein Lob auf den Toten. Obwohl er mit ägyptischen Schriftzeichen versehen ist, stammt er nicht aus Ägypten, sondern wurde in Rom hergestellt. Der Name des Obelisken ist auf seinen heutigen Standort zurückzuführen: Am westlichen Rand des Berges Pincio in Rom steht die 9,35 Meter hohe Säule, wieder aufgestellt im Jahr 1822 unter Papst Pius VII.

Besonders einem Papst ist es zu verdanken, dass in der Ewigen Stadt heute so viele Obelisken betrachtet werden können: Papst Sixtus V. hat den Vatikanischen und Lateranischen Obelisken ebenso errichten lassen wie den Obelisco Flaminio und den Obelisco Esquilino. Vor allem die Errichtung des Vatikanischen Obelisken ist aus heutiger Sicht eine technische Meisterleistung. Im 16. Jahrhundert beauftragte Sixtus V. den Architekten Domenico Fontanta damit, den über 300 Tonnen schweren Obelisken auf den Petersplatz zu verlegen. Zu sehen ist das auch auf einem Fresko aus dem 18. Jahrhundert in der Biblioteca Apostolica Vaticana. Der Obelisk befand sich zuvor im Zirkus des Kaisers Caligula, der den Obelisken 37 n. Chr. von Ägypten nach Rom gebracht hatte. Im Zirkus, der sich in der Antike ein Stück südlich des heutigen Petersdoms befand, symbolisierte er die Macht des Kaisers. Er ist seit seiner Erschaffung Objekt zahlreicher Erzählungen. So hielt sich etwa lange der Mythos, in der bronzenen Kugel auf der Spitze des 25 Meter hohem Monuments befinde sich die Asche Julius Cäsars. Außerdem soll der Steinpfeiler Zeitzeuge des Martyriums Petri sein: Der Legende nach wurde der Apostel nämlich im Zirkus des Caligula unter Kaiser Nero kopfüber gekreuzigt.

Ein Obelisk ist vor allem für diejenigen Gläubigen wichtig, die zu Fuß durch ganz Rom zu den sieben sogenannten Pilgerkirchen wollen. Mitten auf dem Esquilin, einem der sieben Hügel des klassischen Rom, liegt die Papstbasilika und Pilgerkirche Santa Maria Maggiore. Sie wird an ihrer Westseite vom 14,7 Meter großen Obelisco Esquilino geschmückt. Dieser Monolith wurde von Kaiser Domitian erschaffen und stand ehemals zusammen mit dem Obelisco del Quirinale vor dem Mausoleum des Augustus im Marsfeld Roms. Im Jahr 1587 ließ ihn Papst Sixtus V. wieder errichten und stellte ihn vor der Pilgerkirche auf. Die Obelisken waren und sind also schon immer mit Religion, Glauben und besonders Macht verbunden - sei es in Ägypten oder in Rom.

Von Antonia Wojaczek