Ordensgründerin aus dem Westerwald wurde vor einem Jahr heiliggesprochen

Katharina Kasper: Mit Gott ganzheitlich helfen

Aktualisiert am 14.10.2019  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Katharina Kasper, die Ordensgründerin aus dem Westerwald, wurde vor einem Jahr heiliggesprochen. Gottesdienst und Dienst an den Schwächsten waren für sie zwei Seiten derselben Medaille. Doch es reichte ihr nicht, bloß die materielle Not zu lindern.

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Dominikus Willi hat es schon früh geahnt. "Ich habe die Verstorbene zweimal gesprochen und dabei gedacht, mit einer Person zu sprechen, die einst vielleicht heiliggesprochen wird", schrieb der damalige Abt der Zisterzienserabtei Marienstatt und spätere Bischof von Limburg nach der Beerdigung Katharina Kaspers in sein Tagebuch. Doch bis es schließlich soweit war, sollten noch 120 Jahre vergehen: Am 14. Oktober 2018, vor einem Jahr, wurde die Ordensgründerin aus dem Westerwald in die Schar der Heiligen aufgenommen – als erste Person überhaupt aus dem Bistum Limburg.

Doch wie so häufig bei Heiligen fing auch ihre "Laufbahn" eher bescheiden an, um nicht zu sagen: prekär. Katharina Kasper wurde am 26. Mai 1820 in Dernbach bei Montabaur geboren. Ihre Heimat war zu dieser Zeit von großer wirtschaftlicher und sozialer Not geprägt. Wegen Missernten und daraus resultierenden Hungersnöten wanderten ganze Dörfer nach Amerika aus. Wer dies nicht tat, musste tagtäglich ums Überleben kämpfen. Besonders alte und behinderte Menschen sowie Kinder blieben dabei oft auf der Strecke.

Not von klein auf

Katharina spürte diese harten Bedingungen von klein auf am eigenen Leib: Sie wächst als achtes Kind eines Kleinbauern auf. Nach dem Besuch der Volksschule musste sie für den Lebensunterhalt der Familie mitarbeiten, vor allem in der Landwirtschaft. Ihr Vater stirbt 1842, das Haus der Familie wird versteigert. Katharina musste sich, ihre Mutter und ihre Geschwister daraufhin als Tagelöhnerin über Wasser halten. Doch das war für sie kein Grund, ihre Unbekümmertheit und ihren Glauben zu verlieren – ganz im Gegenteil. Später sagte sie über diese Zeit: "Ich empfand, wenn ich zuweilen allein aufs Feld ging, eine fühlbare Gegenwart Gottes, der in mir sprach, dass ich vor Glück sang, und dann arbeitete ich fleißig und so leicht wie zwei."

Da es im Westerwald seit der Säkularisation keine Ordensfrauen mehr gab, die sich um Arme und Kranke kümmerten, besuchte Kasper so oft wie möglich Menschen in Not. Andere Frauen schlossen sich ihr an. Mit ihnen gründete sie um das Jahr 1845 einen "frommen Verein", der sich der häuslichen Pflege von Bedürftigen sowie der Kinderbetreuung widmet. Die Frauengemeinschaft errichtet in Dernbach ein kleines Haus und nahm darin Menschen auf, um sie zu pflegen.

Brille von Maria Katharina Kasper samt Etui
Bild: ©picture alliance/Thomas Frey/dpa

Die Brille der Ordensgründerin Maria Katharina Kasper ist im Mutterhaus der Dernbacher Schwestern zu sehen.

Aus dem "frommen Verein" wird 1851 – mit Zustimmung des damaligen Limburger Bischofs Peter Josef Blum – die Genossenschaft der Armen Dienstmägde Jesu Christi. Doch um den Namen gab es Streit. Blum wollte die Gemeinschaft "Elisabetherinnen" nennen. Doch Kasper entgegnete ihm: "Hochwürdiger Herr, wenn Sie wollen, dass wir Elisabetherinnen heißen sollen, so ist mir das ja recht; aber ich weiß es, wir sollen 'Arme Dienstmägde Jesu Christi' heißen." Dienstmägde, nicht Dienstmädchen. Und mit Betonung auf "Jesu Christi", nicht für einen Pfarrer. Sie wollten eigenständig ihre Arbeit tun. Der Bischof akzeptierte, und am 15. August 1851 legten Katharina Kasper und ihre Gefährtinnen das Gelübde ab. Sie erhielten ein eigenes Gewand, Kasper nahm den Ordensnamen "Maria" an und wurde die erste Leiterin.

Im Volksmund war die Gemeinschaft von Beginn an als "Dernbacher Schwestern" bekannt. Bald entstanden andernorts in Deutschland Niederlassungen, dann auch in den Niederlanden, den USA, England, Belgien und Luxemburg. 1870 bestätigte der Vatikan die Gemeinschaft, 1890 erhielt sie die endgültige Genehmigung ihrer Konstitutionen durch Papst Leo XIII. Heute zählt die Kongregation weltweit rund 600 Schwestern in 87 Niederlassungen.

Umzug in die "gößte Filiale"

Am 2. Februar 1898 starb Kasper: Sie zog damit, wie sie selbst einmal sagte, in die "größte Filiale" ihres Ordens um. 1978, 80 Jahre nach ihrem Tod, wurde sie von Papst Paul VI. seliggesprochen – mit dem sie schließlich gemeinsam heiliggesprochen wurde. Der Heiligsprechungsprozess wurde ausgerechnet von dem in Ungnade gefallenen Limburger Ex-Bischof Franz-Peter Tebatz-van Elst angestoßen: Ihr wird die Heilung eines indischen Kongregationsbruders zugesprochen, der im November 2011 nach einem Verkehrsunfall für klinisch tot erklärt wurde. Nachdem Schwestern der Kongragation gebetet und den Namen Kaspers angefufen hatten, erwachte er wieder zum Leben und wurde schließlich ganz gesund. Papst Franziskus erkannte dieses Wunder auf ihre Fürsprache Anfang 2018 an.

"Man muss Herz und Liebe für die Kranken haben, denken, es sei der Heiland, den wir pflegen", sagte Kasper oft zu ihren Mitschwestern. Sie verstand ihren Dienst an den Menschen als Gottesdienst. Für sie gab es nichts Erfüllenderes. "Ich fühle mich in meinem Beruf so glücklich, dass ich nichts zu wünschen hätte, was mich noch glücklicher machen könnte", schrieb sie in einem ihrer zahlreichen Briefe. Doch es genügte ihr nicht, nur die rein menschlichen Bedürfnisse ihrer Mitmenschen zu stillen. Sie wollte sozusagen ganzheitlich helfen, sie wollte weitergeben, was sie empfangen hatte: Gottes Güte, Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit.

Von Matthias Altmann